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Maus-Studie: Paradoxe Behandlung könnte Depressionen lindern

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Depression: Überaktive Hirnzellen lösen Symptome wie Antriebslosigkeit aus Zur Großansicht
Corbis

Depression: Überaktive Hirnzellen lösen Symptome wie Antriebslosigkeit aus

Eine erstaunliche Behandlungsmethode weckt Hoffnung auf neue Therapie von Depressionen: Im Gehirn von Mäusen verstärkten Forscher Abläufe, die zu Depressionen führen - doch der Eingriff stoppte die Krankheit.

Depressionen gehören zu den am meisten verbreiteten Leiden der modernen Welt. In Deutschland erkranken laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im Schnitt zwischen 16 und 20 von 100 Menschen einmal in ihrem Leben an der psychischen Störung. Gleichzeitig betroffen sind in Deutschland derzeit etwa 3,1 Millionen Menschen - Frauen häufiger als Männer. Nun haben Wissenschaftler einen neuen Ansatz entwickelt, die weit verbreitete Krankheit zu behandeln.

Die Ursache von Depressionen wird mit einem fehlgesteuerten Zusammenspiel von Botenstoffen im Gehirn in Verbindung gebracht. Der Stoff Dopamin etwa, der Aufmerksamkeit und Freude steuert, steht bei Depressiven oft in zu geringen Mengen zur Verfügung. Bislang setzen Medikamente dort an: Sie verhindern, dass überaktive Neurone Botenstoffe, die mit Depressionen in Verbindung stehen, immer wieder aufnehmen. So sorgen sie dafür, dass die Konzentration der Stoffe zwischen den Zellen wieder auf Normalmaß steigt - allerdings häufig mit Nebenwirkungen.

Der neue Therapieansatz, den Forscher nun im Fachmagazin "Science" vorstellen, mutet zunächst skurril an: Bei Mäusen verstärkte das Team um Allyson Friedmann und Ming-Hu Han vom Mount Sinai Hospital in New York Vorgänge im Gehirn, die normalerweise zu Depressionen führen. Erstaunlicherweise ging es den Mäusen anschließend besser. Die Forscher glauben, auf Grundlage der Beobachtung ließen sich natürlichere Therapien mit geringeren Nebenwirkungen entwickeln.

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Im Fokus der Untersuchungen von Friedmann und Kollegen standen Hirnzellen, die über den Botenstoff Dopamin kommunizieren. Im Labor kreieren Wissenschaftler Mäuse mit Depressionen, indem sie die Tiere extremem Stress aussetzen. Im Schnitt 70 von 100 Mäuse zeigen anschließend Symptome der Krankheit. Der Rest allerdings erweist sich als stressresistent. Was also unterscheidet die stressanfälligen Mäuse von den stressresistenten?

Im Gehirn der stressresistenten Tiere entdeckten die Forscher eine Besonderheit: Während bei depressiven Mäusen der Strom von positiv geladenen Ionen in die Neurone bereits stark erhöht war, überstieg er bei den stressresistenten Mäusen den Wert sogar um ein Weiteres. Die Aktivität ihrer Dopaminneurone aber war im Gegensatz zu denen der depressiven Tiere normal - sie verhielten sich gesund. Friedmann und Kollegen wollten genauer wissen, was dahintersteckt.

Also trieben sie über einen Wirkstoff den Ionenstrom bei depressiven Mäusen künstlich in die Höhe. Nach einigen Tagen ging es den Nagern besser. Die Symptome der Depression verschwanden. Offenbar hatte die Hyperaktivität der Dopaminneurone nachgelassen und eine Art Gleichgewicht war entstanden.

Ein neuer Medikamententyp in 50 Jahren

"Um sozialen Stress aushalten zu können, muss das Gehirn einen komplexen Balanceakt vollführen, in dem negative, stressbedingte Veränderungen in der Hirnaktivität positive Veränderungen einleiten", erklärt Friedmann. "Das funktioniert aber erst, sobald die negativen Veränderungen ein gewisses Ausmaß erreicht haben." Die Mäuse hätten im Experiment, statt weitere schädliche Veränderungen im Gehirn zu vermeiden, zusätzliche Schäden erfahren und diese positiv genutzt, ergänzt Han.

Die Forscher sehen das Ergebnis als Anregung für grundlegend neue Behandlungsstrategien gegen Depressionen. Falls ein Medikament die Belastbarkeit von Neuronen erhöhen könne, indem es den Ionenstrom über das kritische Ausmaß steigert, hätte es möglicherweise geringere Nebenwirkungen als bisherige Therapien, hoffen die Forscher.

Bis Antidepressiva, die derzeit zur Behandlung genutzt werden, wirken und die richtige Dosis für den jeweiligen Patienten eingestellt ist, kann es Wochen dauern. Vorerst wird es dabei bleiben. Han berichtet, in den vergangenen 50 Jahren sei gerade mal eine neue Klasse Antidepressiva entwickelt worden. Auch bei den aktuellen Versuchen handelt es sich noch um Grundlagenforschung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 146 Beiträge
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1. Henne oder Ei
KasparHauser 18.04.2014
Zitat von sysopCorbisEine erstaunliche Behandlungsmethode weckt Hoffnung auf neue Therapie von Depressionen: Im Gehirn von Mäusen verstärkten Forscher Abläufe, die zu Depressionen führen - doch der Eingriff stoppte die Krankheit. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/depressionen-neuer-ansatz-fuer-medikamente-mit-geringen-nebenwirkungen-a-964482.html
Mit den Botenstoffen ist es doch wie mit der Henne und dem Ei. Was war zuerst da? Der Botenstoffmangel und daran anschließend die Depression oder die Depression und anschließend als Symptom der Botenstoffmangel? Bei mir persönlich wurden Botenstoffe noch nie gemessen und alle Medikamente sind damit reine Try-and-error-Versuche in meinem Gehirn einen Effekt zu erzielen, der vielleicht nur von einer gleichzeitigen Psychotherapie herkommt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das ist ein reines Massenexperiment, dem einen hilft ein Mittel, das einen anderen völlig fertigmacht, etc. Die Ärzte wissen teilweise selber nicht, warum etwas wirkt, nur das es vielleicht wirken könnte. Ich habe übrigens auch noch nie einen Mitpatienten getroffen, bei dem Botenstoffe gemessen wurden. Aus dem Vorhandensein einer Depression wird auf deren Mangel geschlossen, das ist alles...
2. physikalische Grenzen
berufsverbot 18.04.2014
Das erinnert mich an Schröders Agenda 2010... sie macht es noch schlimmer, damit es den Leuten besser geht. Was für eine diebische Freude, den Menschen ihr Sozialsystem zu nehmen. Nach diesem Artikel stimmt es: Wenn einer am Boden liegt, sollst du nochmal zutreten. Entweder er steht dann endlich auf, oder er ist einfach zu schwach für diese Welt bzw. die "negativen Veränderungen" haben ein so großes Ausmaß angenommen, daß er im Kastensystem ein "Unberührbarer" wird. Das sind die physikalischen Grenzen der Heilmethoden.
3. Anti-Stress-Pille
vhn 18.04.2014
Zitat von sysopCorbisEine erstaunliche Behandlungsmethode weckt Hoffnung auf neue Therapie von Depressionen: Im Gehirn von Mäusen verstärkten Forscher Abläufe, die zu Depressionen führen - doch der Eingriff stoppte die Krankheit. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/depressionen-neuer-ansatz-fuer-medikamente-mit-geringen-nebenwirkungen-a-964482.html
Aha, woher wissen wir denn dass das geringe Dopamin die Ursache für die Depression ist und nicht anders herum? Dass Stress Depression auslöst, ist klar. Jetzt stelle man sich mal vor, die entwickeln ein Medikament, was uns mehr Stress aushalten lässt. Da können alle, die eh schon aus den verschiedensten Gründen total überlastungsgefährdet sind noch weiter gehen in ihrem Wahn? Schöne neue Welt.
4. Tierversuche
albrechtdurer 18.04.2014
Gibt es denn derzeit keine anderen wissenschaftlichen Methoden als Tierversuche? Das beschriebene Resultat scheint zudem fragwuerdig. Freud haette sich nicht gedacht, dass die von ihm begruendete Seelenkunde zur Tierquaelerei entartet. Wir lassen uns viel zu sehr beeindrucken von dem, was bereits Goethe als pure Messerei belaechelte.
5.
TS_Alien 18.04.2014
Ich wette, dass eine Mäusedepression etwas anderes ist als eine Depression. Das Mäusemodell passt wie so oft nicht. Und deshalb ist das ganze eine Sackgasse. Wie bei vielen Experimenten mit Mäusen. Letztens sind Mäuse unter Stress gesetzt worden. Hat man denen keinen Mindestlohn gezahlt? Es gibt Forschungszweige, die Ergebnisse erst präsentieren, wenn sie wirklich anwendbar sind. In der Medizin wird jeder Mist veröffentlicht, von dem man später nie wieder etwas hören wird.
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Depressionen
Krankheit und Verbreitung
Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern psychische Probleme, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Ursachen und Formen
Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt. Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein. Es gibt aber auch Depressionen, die von einem ungelösten, frühkindlichen Konflikt herrühren, der bis ins Erwachsenenalter hineingetragen wird. Auch Medikamente können mitunter eine Depression auslösen: Sie wird als Nebenwirkung bei zahlreichen Arzneien genannt.

Eine endogene Depression entsteht, wenn Stoffwechselvorgänge im Gehirn gestört sind. Sie tritt oft plötzlich und scheinbar ohne Ursache auf; Mediziner vermuten auch eine erbliche Komponente. Eine neurotische oder Erschöpfungsdepression kann durch langfristige Belastungen entstehen, eine reaktive Depression wird oft durch ein aktuelles Ereignis wie etwa einen Trauerfall verursacht.

Seltener ist die bipolare Störung, die früher auch manisch-depressive Erkrankung genannt wurde. Hier wechseln sich extrem gehobene Stimmung und tiefe Niedergeschlagenheit ab. Die Betroffenen erleben mehr und kürzere depressive Phasen, die immer häufiger auftreten, je länger die Störung anhält. Zusätzlich gibt es noch mehrere Unterformen der Depression.
Symptome
Der Depressive erlebt eine anhaltend gedrückte und traurige Stimmung, wobei die Symptome am Morgen oft schlimmer sind als abends. Ein wichtiges Symptom sind Schlafstörungen. Die Patienten ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten und an vielen anderen Dingen des Lebens. Oft kommen Angst und unbegründete Schuldgefühle hinzu sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit.
Therapie
Depressionen gelten allgemein als gut behandelbar. Oft hilft eine Kombination aus modernen Psychopharmaka und Psychotherapie. In manchen Fällen ist auch gezielter Schlafentzug oder eine Lichttherapie sinnvoll. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist lange Monate fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.
Was können Betroffene tun?
Um aus einer Depression herauszufinden, ist das Wichtigste, sich Hilfe bei einem Arzt, Psychotherapeuten oder einer anderen Anlaufstelle zu suchen.

Vielen Patienten hilft es, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich beziehungsweise sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum."

Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu bewältigen sind und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Internetseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst depressiv ist, kann als erster Schritt der Selbsttest der Stiftung helfen.

Mit Material von dpa


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