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Trotz Verbot: Deutsche Klinik bietet Stammzelltherapie an

Von Andreas Dieste

Forschung und Wissenschaft setzen große Hoffnung in Stammzellen, aber die Medizin ist noch nicht so weit. Dennoch wird nach SPIEGEL-TV-Informationen schon heute versucht, mit der Stammzelltherapie Geschäfte zu machen. Auch in Deutschland wird die Behandlung angewandt - obwohl es verboten ist.

REUTERS

Hamburg - Sabra T. ist nur aus einem Grund nach Deutschland gekommen. Die Tunesierin will ihrer Tochter Sameh helfen. Die junge Frau hat einen schweren Hirnschaden, nachdem sie vor sechs Jahren einen Herzinfarkt erlitten hatte und dadurch mehr als zehn Minuten ohne Sauerstoffversorgung war. Seitdem liegt sie im Wachkoma.

Ende Februar kommt Sabra T. mit ihrer Tochter nach Bad Godesberg. Hier befindet sich die private Elisées-Klinik, und hier soll Sameh geholfen werden. "Die haben mir gesagt, diese Methode ist das Beste, man habe damit schon viele schwere Krankheiten geheilt", so die Mutter. Der Wachkoma-Patientin werden eigene Stammzellen aus dem Knochenmark entnommen und anschließend unter anderem ins Rückenmark transplantiert. Preis für die Behandlung: 9500 Euro.

Was die Tunesierin zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Der privaten Klinik ist es nach einer Unterlassungsverfügung der Bezirksregierung Köln vom Dezember 2011 untersagt Stammzellen herzustellen. Die Behandlung der jungen Frau wäre demnach ein Verstoß gegen diese behördliche Verfügung.

Viele schwerkranke Menschen setzen große Erwartungen in Stammzellen. Eines Tages, so die Hoffnung, soll diese Art der Zellen Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer oder Lähmungen heilen. Noch ist die Medizin nicht so weit. Dennoch wird nach Informationen von SPIEGEL TV (SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 22.15 auf RTL) schon heute versucht, mit der Stammzelltherapie ein Geschäft zu machen.

Der Fall der jungen Tunesierin ist nicht der erste, bei dem eine kommerzielle Stammzelltherapie in Deutschland angeboten wird. Erst im vergangenen Jahr hatte ein anderes Medizin-Unternehmen, das XCell-Center in Düsseldorf, seinen Betrieb eingestellt, nachdem die zuständigen Behörden die dortigen Behandlungen untersagt hatten. 2010 war bekannt geworden, dass ein Kleinkind nach einer Stammzellbehandlung im XCell-Center an einer durch eine Operation verursachten Hirnblutung gestorben war. Das zuständige Paul-Ehrlich-Institut hatte damals die Methoden des XCell-Center als bedenklich eingestuft.

Die Klinik wirbt im Internet für die Therapie

Nun versucht man offenbar, nur ein paar Kilometer vom alten XCell-Center-Standort entfernt in der Elisées-Klinik Geld zu machen mit der Hoffnung schwerkranker und verzweifelter Menschen. Behandlungsunterlagen, die SPIEGEL TV vorliegen, zeigen, dass die Stammzelltherapie dort bis zu 24.000 Euro kostet. Mindestens ein Mediziner, der zuvor im XCell-Center tätig war, arbeitet nun in der Bad Godesberger Klinik. Auch Sabra T. wollte ihre Tochter ursprünglich im XCell-Center behandeln lassen. Nach dessen Schließung erhielt sie dann Kontakt zur Elisées-Klinik.

Auf Anfrage von SPIEGEL TV wies ein Vertreter der Elisées-Klinik die Vorwürfe zurück. Er dementierte, dass Stammzelltherapien stattfänden. Zwei Tage später verwiesen Rechtsanwälte der Klinik auf ein laufendes Verfahren, Auskünfte seien zu diesem Zeitpunkt nicht möglich.

Die private Einrichtung wirbt allerdings im Internet für Stammzelltherapien. Auf einer Internetseite der Klinik heißt es, die Methode könne bei diversen schweren Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Diabetes, Rückenmarksverletzungen oder Multipler Sklerose helfen. Diese Web-Seite ist allerdings so programmiert, dass sie von einem deutschen Internetzugang aus nicht abrufbar ist, sondern nur mit einer IP-Adresse aus dem Ausland erreicht werden kann. Auf der deutschen Web-Präsenz der Klinik ist von Stammzellbehandlungen nicht die Rede.

Sowohl Mediziner als auch Stammzellforscher sehen diese Art der Behandlung als kritisch an, da es bislang keinen wissenschaftlichen Nachweis für deren Wirksamkeit gibt. Zu den Risiken zählt dagegen unter anderem die Gefahr von Tumorzellbildungen.

Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Prof. Wolfgang Oertel, bezeichnet derartige Stammzelltherapien gegenüber SPIEGEL TV als unseriös. Auch der Kölner Neurophysiologe Prof. Jürgen Hescheler, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Stammzellforschung, kritisiert derartige Behandlungen. Die Wissenschaft sei von einem klinischen Einsatz von Stammzellen, bei dem es um die Behandlung diverser schwerer Erkrankungen geht, noch weit entfernt.

Sabra T. will wissen, ob die Behandlung ihrer Tochter womöglich geschadet hat. "Man muss mir sagen, ob es später noch Komplikationen geben kann", sagt die Mutter. Zurzeit hat sich der gesundheitliche Zustand der jungen Frau verschlechtert, sie liegt im Krankenhaus. Dass Sameh eines Tages aus dem Wachkoma aufwachen könnte: Trotz aller Hoffnung der Mutter - die Ärzte halten es für ausgeschlossen.


SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 22.15 Uhr, RTL

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1.
Rainer Helmbrecht 15.04.2012
Zitat von sysopREUTERSForschung und Wissenschaft setzen große Hoffnung in Stammzellen, aber die Medizin ist noch nicht so weit. Dennoch wird nach SPIEGEL-TV-Informationen schon heute versucht, mit der Stammzelltherapie Geschäfte zu machen. Auch in Deutschland wird die Behandlung angewandt - obwohl es verboten ist. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,827641,00.html
Kann es sein, dass hier keine wissenschaftliche Betrachtung diskutiert werden soll, oder man nur die Menschen manipulieren will. Denn im Titel wird noch von den großen Hoffnungen geschrieben, danach nur noch davon, dass man das große Geschäft machen will. Sowas ist bei der Vorstellung eines neuen Autos gar nicht anders vorstellbar, dass man damit auch Geld verdienen will. Wer wirklich einen Durchbruch in der Stammzellentherapie erreicht, macht es sicherlich nicht für Gotteslohn. Selbst die Kirchen, machen nichts um Gotteslohn:o). Sogar unser Alt Buprä Wulff möchte ohne etwas geleistet zu haben, 200.000€/Jahr. MfG. Rainer
2. Stammzelltherapie
Montanabear 15.04.2012
Zitat von Rainer HelmbrechtKann es sein, dass hier keine wissenschaftliche Betrachtung diskutiert werden soll, oder man nur die Menschen manipulieren will. Denn im Titel wird noch von den großen Hoffnungen geschrieben, danach nur noch davon, dass man das große Geschäft machen will. Sowas ist bei der Vorstellung eines neuen Autos gar nicht anders vorstellbar, dass man damit auch Geld verdienen will. Wer wirklich einen Durchbruch in der Stammzellentherapie erreicht, macht es sicherlich nicht für Gotteslohn. Selbst die Kirchen, machen nichts um Gotteslohn:o). Sogar unser Alt Buprä Wulff möchte ohne etwas geleistet zu haben, 200.000€/Jahr. MfG. Rainer
Da gebe ich dir recht, Rainer. Zum Einen ist es ein langwieriger Prozess, Stammzellen zu ernten. Zum Anderen erfordert es eine lange Spezialausbildung, bis man mit ihnen arbeiten kann. Und auch dann ist das Resultat unsicher. Aber : zu sagen, dass die Medizin "noch nicht so weit ist" geht an der Realitaet vorbei. Ein Familienmitglied wurde in Deutschland durch Stammzellen vor dem sicheren Tode gerettet. Hier in den USA ist Susan Somers die Sprecherin fuer erfolgreiche Stammzellentherapie gegen Brustkrebs. Schade. Dieser Artikel scheint wieder einmal den Klassenkampf in eine Diskussion zu bringen, in den er nicht gehoert.
3. Titel
Marshmallowmann 15.04.2012
Zitat von sysopREUTERSForschung und Wissenschaft setzen große Hoffnung in Stammzellen, aber die Medizin ist noch nicht so weit. Dennoch wird nach SPIEGEL-TV-Informationen schon heute versucht, mit der Stammzelltherapie Geschäfte zu machen. Auch in Deutschland wird die Behandlung angewandt - obwohl es verboten ist. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,827641,00.html
Wieso genau sollte man so etwas unglaublich tolles wie Stammzellentherapie auch verbieten? Wer von unseren Politikern hat das eigentlich dermaßen verbockt?!
4.
inci2 15.04.2012
Zitat von MarshmallowmannWieso genau sollte man so etwas unglaublich tolles wie Stammzellentherapie auch verbieten? Wer von unseren Politikern hat das eigentlich dermaßen verbockt?!
könnte evtl. das gleiche expertengremium sein, daß den ausstieg aus der kernkraft "beschlossen" hat. ein ethikrat, dem nicht einer angehört hat, der vom fach war. und so dürften auch klerus und sozialwissenschaftler das stammzellverbot beschlossen haben. ärzte, oder leute aus der stammzellforschung stören bei so was nur. die wollen ja nur "geschäfte" machen. man fragt sich, was in diesem land eigentlich los ist. geschäfte, oder gar gewinne sind des teufels, leute die nicht arbeiten aber auch. manfred lütz hat schon recht, wenn er sagt "wir behandeln die falschen".
5.
atech 15.04.2012
Zitat von sysopREUTERSForschung und Wissenschaft setzen große Hoffnung in Stammzellen, aber die Medizin ist noch nicht so weit. Dennoch wird nach SPIEGEL-TV-Informationen schon heute versucht, mit der Stammzelltherapie Geschäfte zu machen. Auch in Deutschland wird die Behandlung angewandt - obwohl es verboten ist. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,827641,00.html
diese Aussage ist in dieser generellen Formulierung so nicht richtig. In Deutschland ist die Stammzelltherapie mit embryonalen Stammzellen generell verboten. Mit adulten Stammzellen dagegen, insbesondere mit Knochenmarksstammzellen, die Krebspatienten vor einer Chemotherapie entnommen werden, ist die Therapie erlaubt. Dieses Verfahren ist seit langem etabliert und erfolgreich. Davon wiederum muss man Stammzelltherapien mit adulten Stammzellen - gewonnen aus dem Knochenmark oder Bauchfett - unterscheiden, die derzeit in Deutschland nur im Tierversuch eingesetzt werden, um z.B. Parkinson, Querschnittslähmung o.a. Krankheiten zu heilen. Diese Therapien sind allerdings alle nicht ausgereift genug, um sie am Menschen anzuwenden.
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Stammzellen - die Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
AFP
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese "germline derived pluripotent stem cells" (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens. In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.


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