Von Nina Weber
Manchester - Das Herz raste, sie fühlte sich benommen, dann stieg Beklemmung, sogar Panik, in ihr auf. In diesen Momenten habe sie überlegt, das Fußballstadion von Manchester United zu verlassen, weil es ihr so schlecht ging, berichtete eine 58-jährige Britin beim Arzt. Am schlimmsten machten ihr die Spiele zu schaffen, in denen ihr Team gegen Manchester City oder Chelsea antrat - und der Ausgang der Partie bis kurz vom Ende offen war.
Bei dieser Erzählung horchten die Mediziner am Trafford General Hospital im britischen Manchester auf. Sie erkannten in den Problemen der fußballbegeisterten Frau eine sogenannte Addison-Krise: Dabei handelt es sich um eine akute, lebensgefährliche Ausprägung einer Nebennierenrindenkrankheit, dem Morbus Addison. Über die Diagnose des ungewöhnlichen Falls berichten die Ärzte um Akbar Choudhry im renommierten Fachmagazin "British Medical Journal". Sie sprechen mit einem Hauch von britischem Humor von einer "Manchester-United-induzierten Addison-Krise".
Seltenes Leiden
Die Frau war noch wenige Monate zuvor topfit gewesen, hatte selbst Sport getrieben. Doch binnen eines Vierteljahres verschlechterte sich ihr Zustand deutlich, schon nach einem kurzen Spaziergang war sie erschöpft und hatte Schmerzen im Brustbereich. Solche Symptome können auf verschiedene Krankheiten hindeuten. Das erschwert die Diagnose.
Außerdem ist Morbus Addison selten, Schätzungen zufolge trifft das Leiden etwa fünf von 100.000 Menschen, Frauen häufiger als Männer - und diese meist erst im Alter jenseits der 40. Nach Angaben der Mediziner suchen 60 Prozent der Patienten zwei oder mehr Ärzte auf, ehe die Addison-Krankheit überhaupt als möglicher Auslöser der Beschwerden in Betracht gezogen wird.
Auch die fußballbegeisterte Frau bekam nicht sofort die richtige Diagnose. Zuerst nahmen sich Herzspezialisten der Patientin an, konnten ihr jedoch wenig weiterhelfen. Erst eine Reihe neu auftretender Symptome - schlechter Schlaf, Konzentrationsprobleme, Sehstörungen sowie ungewöhnliche Blutwerte - brachten eine Überweisung zu den Hormonspezialisten in der Endokrinologie, die dann die Krankheit identifizierten.
Bei der Addison-Krankheit fehlen dem Körper einige Hormone, weil die Nebennierenrinde nicht mehr richtig arbeitet. Meist ist der Grund dafür eine sogenannte Autoimmunreaktion: Fehlgeleitete Abwehrzellen haben das körpereigene Gewebe angegriffen und zerstört. Die Nebennierenrinde produziert unter anderem das Stresshormon Cortisol sowie das Hormon Aldosteron, das den Wasser- und Salzhaushalt des Körpers mitreguliert.
Weil die Hormone nicht in ausreichender Menge zirkulieren, sinkt die Leistungsfähigkeit, viele Betroffene fühlen sich schwach und müde, haben Bauchschmerzen, kaum noch Appetit - und wenn, dann auf sehr salzige Nahrungsmittel. Oft verfärbt sich die Haut ins Bräunliche, als wären die Betroffenen länger in der Sonne gewesen.
Krise in Stresssituationen
Die meisten Symptome stellen sich schleichend ein. Doch in Stresssituationen oder bei starker körperlicher Arbeit fällt der Hormonmangel manchmal schlagartig ins Gewicht, was die sogenannte Addison-Krise auslösen kann. Auch sie läuft nicht bei jedem Betroffenen gleich ab, kann jedoch mit Herzrhythmusstörungen, hohem Fieber, Unterzuckerung, Nierenversagen und Bewusstlosigkeit einhergehen.
Auslöser bei der 58-Jährigen waren - ganz klar - die Fußballspiele ihres Teams mit ungewissem Ausgang. Die Ärzte nehmen an, dass der Cortisol-Pegel von Fans insbesondere während knapper Partien ansteigt - auch wenn es zu dieser Frage noch keine wissenschaftlichen Studien gibt. Das Problem war, dass der Körper der Patientin das Stresshormon nicht in benötigter Menge liefern konnte, was sie in die gefährliche Addison-Krise stürzte.
Inzwischen nimmt die Frau - die Standardtherapie bei Morbus Addison - mehrmals täglich Hormone in Tablettenform. Ob die Behandlung anschlägt, testete die Britin natürlich im Stadion. Weil Manchester United zum Start der Saison 2011/12 alle Liga-Heimspiele souverän gewann, wurde ihr Cortisol-Haushalt jedoch im August und September kaum auf die Probe gestellt, merken die Ärzte an. Doch bei sinkender Form ihres Clubs zeigte sich der Wert der Therapie. "Wir freuen uns, berichten zu können, dass sie kürzlich stattgefundene Spiele symptomfrei überstanden hat", schreiben die Ärzte. Darunter auch eine Auseinandersetzung mit dem FC Basel, bei der Manchester sich die Führung wieder abjagen ließ, nur um in der letzten Spielminute den Ausgleich zu schaffen.
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