Hormonmittel Duogynon: Weitere Klage gegen Bayer gescheitert

50.000 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz wollte ein Lehrer vom Pharmakonzern Bayer erstreiten - weil er seine Körperbehinderung auf das Medikament Duogynon zurückführt. Die Klage hatte keinen Erfolg. Über die Wirkung des Präparats sprach das Gericht dabei nicht einmal.

Duogynon (Archivbild): "Pustekuchen, jetzt ist alles verjährt" Zur Großansicht
dapd / MUVS

Duogynon (Archivbild): "Pustekuchen, jetzt ist alles verjährt"

Berlin - Das Berliner Landgericht hat die Klage eines Behinderten gegen den Konzern Bayer Pharma abgewiesen. Der Lehrer war 1976 mit schweren Missbildungen an Blase und Harnröhre geboren worden, die er auf das Hormonpräparat Duogynon zurückführt. Seine Mutter hatte das Mittel während der Schwangerschaft genommen. Der Lehrer hatte 50.000 Schmerzensgeld und Schadenersatz gefordert.

In seinem Urteil wies das Landgericht die Klage am Donnerstag zurück. In der mündlichen Verhandlung erklärte der Richter zuvor, die Ansprüche des Klägers seien verjährt. Ob das bis 1980 als Schwangerschaftstest verwendete Duogynon tatsächlich die Behinderung des Lehrers verursacht hat, spielte in dem Prozess keine Rolle. "Ob je ein Schadenersatzanspruch bestand, hat dieses Gericht nicht zu entscheiden", sagte Zivilrichter Holger Matthiessen.

Er legte in der mündlichen Verhandlung dar, dass für ab 1978 verabreichte Arzneimittel strengere Haftungsregeln gelten. Der Kläger könne aber nur im Jahr 1975 oder 1976 durch Duogynon geschädigt worden sein und sich lediglich auf das Bürgerliche Gesetzbuch stützten. "Spätestens 2006 ist ein Schaden verjährt gewesen", sagte Matthiessen.

Der Richter wies auch den Einwand zurück, der Hersteller habe in den siebziger und achtziger Jahren die Forschung zu Gefahren von Duogynon unzulässig beeinflusst und dadurch selbst rechtzeitige Schadensersatzklagen verhindert. Seit den sechziger Jahren sei auch in der Öffentlichkeit intensiv über Duogynon diskutiert worden. "Auch 1995 oder 2004 hätte mit ähnlicher Begründung eine Klage erhoben werden können", sagte er.

Kläger will weiterstreiten

Duogynon wurde von Schering hergestellt, das 2006 von Bayer übernommen wurde. Der Prozessvertreter des Klägers warf Schering vor, die fruchtschädigende Wirkung von Duogynon stets vertuscht zu haben. "Man kann nicht jahrzehntelang dafür sorgen, dass nichts ans Licht kommt und dann sagen: Pustekuchen, jetzt ist alles verjährt", bemängelte Rechtsanwalt Jörg Heynemamm.

Der Rechtsanwalt des Bayer Pharmakonzerns Henning Moelle erklärte, Duogynom sei vom Bundesgesundheitsamt und vielen weiteren Behörden geprüft worden. Auch ein dreijähriges staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren habe schon in den achtziger Jahren erhobene Vorwürfe nicht bestätigen können.

Der klagende 36-jährige Lehrer Andre Sommer äußerte sich "sehr enttäuscht" über das Urteil. Sein Anwalt kündigte an, man werde auf jeden Fall Rechtsmittel gegen die Entscheidung einlegen. Sommer war vor eineinhalb Jahren bereits mit einer Auskunftsklage gegen Bayer Pharma in Sachen Duogynon an der Verjährungshürde gescheitert.

Über das Internet haben sich nach Sommers Angaben mittlerweile 350 Opfer des Hormonpräparats gemeldet. Zum Teil handele es sich um Menschen, die mit Missbildungen geboren worden seien, nachdem ihre Mutter die Schwangerschaft mit Duogynon getestet habe, sagte er. Zum Teil handele es sich auch um Frauen, deren missgebildete Kinder nach der Geburt gestorben seien. Ein Dutzend Duogynonopfer protestierten zu Beginn des Prozesses vor dem Gerichtsgebäude gegen die Verjährung ihrer Ansprüche.

chs/dapd

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1. so ist es immer
Meckerliese 05.07.2012
Es ist eine Schweinerei dass die Pharmaindustrie nicht zu ihren Fehlern steht. Es wird immer so hingedreht, dass die Leute mit den Klagen scheitern. Wie bei Contergan. Das war auch so eine Kacke.
2. Pharma Verbrecher
taggert 05.07.2012
Zitat von MeckerlieseEs ist eine Schweinerei dass die Pharmaindustrie nicht zu ihren Fehlern steht. Es wird immer so hingedreht, dass die Leute mit den Klagen scheitern. Wie bei Contergan. Das war auch so eine Kacke.
Dem ist denke ich nichts hinzuzufügen.
3. Warum ...
quark@mailinator.com 06.07.2012
Warum beginnt die Verjährungsfrist nicht erst mit der Feststellung der Vertuschung ? Man hat doch auch in anderen Fällen die Verjährungsfristen angepaßt, z.B. bei Vergewaltigung Minderjähriger. Außerdem hängt die Verjährungsfrist ja auch mit dem zu erwartenden Strafmaß zusammen. Leider gibt es in Deutschland nicht die gleichen Möglichkeiten zur gemeinsamen Klage wie in den USA (nicht das ich mir die US Justiz als ganzes wünschte), aber da hier sehr viele Menschen geschädigt wurden, müßte das Gesamtstrafmaß auch entsprechend hoch sein und damit sollte die Verjährungsfrist steigen. Aber vor Gericht wird nicht Gerechtigkeit erzeugt, sondern Recht gesprochen ... Komisch, das immer die gleichen Dreckskerle zu gut dabei wegkommen :-(.
4. titel
forenaccount 06.07.2012
Zitat von MeckerlieseEs ist eine Schweinerei dass die Pharmaindustrie nicht zu ihren Fehlern steht. Es wird immer so hingedreht, dass die Leute mit den Klagen scheitern. Wie bei Contergan. Das war auch so eine Kacke.
Hier kam es aber relativ zeitnah zu einem Prozess und einem Vergleich der Eltern mit Grünenthal, es wurde eine Stiftung gegründet. 2008 erfolgte eine freiwillige Zahlung Grünenthals, um die aufgebrauchten Stiftungsgelder wieder aufzustocken. Die schädigende WIrkung wurde nachgewiesen. Fragen kann man sich höchstens, ob die Eltern für ihre Kinder diese Entscheidung für einen Vergleich überhaupt hätten übernehmen dürfen, den Kindern evtl. bei Volljährigkeit trotz des Vergleichs der Eltern ein Klagerecht zugestanden hätte, die Mittel zu gering angesetzt wurden (wahrscheinlich hatte man mit einer kürzeren Lebenszeit gerechnet), etc. Bei Duogynon wurde dagegen nie eine schädigende Wirkung nachgewiesen. Es hätte genausogut ein anderes Medikament, die Wechselwirkung mit anderen Wirkstoffen oder ein Chargenfehler sein können. Warum hat nicht irgendeiner bereits mindestens vor der 30-jährigen Verjährung geklagt? Diese Frist wurde ja nicht ohne Grund so lang angesetzt.
5. verjährung
hauptsachemalwassagen 06.07.2012
ich glaube das der richter völlig zu recht eine klage mit dem hinweis auf die verjährung abgelehnt hat. so sind die gesetze und das ist auch gut so. der einzige der hier verdient ist der anwalt des klägers, wahrscheinlich hat dieser superschlaue lehrer eine rechtschutzversicherung, die den affentanz auch noch zahlt. ein ordentlicher anwalt hätte den mandanten auf die verjährung hingewiesen und das mandat abgelehnt
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Das Hormonpräparat Duogynon
Der Wirkstoff
Der Arzneistoff Norethisteron gehört zu den synthetisch hergestellten Gelbkörperhormonen und wird vorwiegend zur Empfängnisverhütung verwendet. In der Antibabypille kommt es meistens in Kombination mit dem Hormon Östrogen zum Einsatz. Norethisteron kommt auch in Arzneimitteln vor, die zur Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden verwendet werden. Unter dem Markennamen Duogynon wurde hochdosiertes Norethisteron in Kombination mit dem Hormon Ethinylestradiol von 1950 bis 1973 eingesetzt.
Duogynon in den Siebzigerjahren
Seit 1950 bis in die siebziger Jahren wurde Duogynon zur Behandlung von ausbleibenden Monatsblutungen eingesetzt. Außerdem diente es als Schwangerschaftstest: War die normale Monatsblutung ausgeblieben, verschrieb der Arzt seiner Patientin zwei Dyogynon-Dragees. Einige Tage nach deren Einnahme setzte bei Nichtschwangeren die Blutung ein. Blieb sie jedoch aus, war mit einer Schwangerschaft zu rechnen.
Erste Hinweise auf massive Nebenwirkungen
1967 erschien im Wissenschaftsjournal "Nature" eine Studie, in der erstmals ein Zusammenhang zwischen hormonellen Schwangerschaftstests und Missbildungen des Zentralnervensystems vermutet wurde. In den folgenden Jahren kamen weitere Studien zu dem Ergebnis, dass ein Zusammenhang zwischen der Verwendung von Hormonpräparaten während der Schwangerschaft und missgebildet geborenen Kindern besteht. Andere Studien kamen hingegen zu dem Ergebnis, dass diese Zusammenhänge statistisch nicht signifikant sind. 1970 verboten die britischen Behörden Primodos (in Deutschland Duogynon) als Mittel für den Schwangerschaftstest. Schering strich zwar daraufhin die Indikation Schwangerschaftstest in Großbritannien, nicht aber in Deutschland. Ein Jahr später warnte das kritische "Arznei-Telegramm" erstmals vor der Anwendung von Gestagen-Östrogen Kombinationen in der Frühschwangerschaft.
Mögliche Folgen
Zahlreiche Frauen, die Duogynon während der Schwangerschaft eingenommen hatten, gebaren kranke oder behinderte Kinder. Die häufigsten Erkrankungen und Behinderungen waren Wasserkopf, Missbildung der Extremitäten, Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, Herzfehler und Fehlbildungen der Genitalien, offene Rücken, offener Bauch und offene Harnröhre.
Verbot in anderen Ländern
In einigen Ländern zog man Anfang der Siebzigerjahre Konsequenzen aus den Missbildungsdiskussionen: Erst zogen Schweden, Finnland, Belgien, Australien und die Niederlande Duogynon engültig aus dem Verkehr. 1978 zog Großbritannien nach und verbot das Medikament vollständig. In Deutschland dagegen empfahl man bis 1978 Duogynon uneingeschränkt als Schwangerschaftstest. Erst im März 1978 schickte die Schering AG ein Rundschreiben, indem es hieß: Nunmehr sind alle Duogynon-Formen zur Diagnose einer Schwangerschaft nicht indiziert. Im September wurde das Präparat in "Cumorit" umbenannt, auf der Packung wurde der Hinweis aufgedruckt, dass es nur bei nachweislich nicht schwangeren Frauen eingesetzt werden solle. Erst 1981 wurde das Präparat auch in Deutschland aus dem Handel gezogen. 1987 folgten Afrika, Kolumbien, Mexiko und die Philippinen.
Klagen in Deutschland
Das Berliner Landgericht hat im Juni 2012 die Klage eines Behinderten gegen den Konzern Bayer Pharma abgewiesen. Der Lehrer war 1976 mit schweren Missbildungen an Blase und Harnröhre geboren worden, die er auf das Hormonpräparat Duogynon zurückführt. Seine Mutter hatte das Mittel während der Schwangerschaft genommen. Der Lehrer hatte 50.000 Schmerzensgeld und Schadensersatz gefordert. Die Richter erklärten die Ansprüche des Klägers als verjährt.

Fotostrecke
Grafiken: Fakten zur Pharmaindustrie
Die größten Pharmakonzerne der Welt
Rang Unternehmen Umsatz (in Mrd. Dollar)
1 Pfizer 41,7
2 Novartis 36,7
3 Sanofi-Aventis 35,1
4 GlaxoSmithKline 34,3
5 AstraZeneca 33,2
6 Roche 31,3
7 Johnson & Johnson 26,9
8 Merck & Co. 25,0
9 Eli Lilly 19,6
10 Abbott 19,4
Quelle: IMS Health, Stand: 2009