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Durchbruch für Regenerative Medizin: Forscher züchten erstmals Dickdarm-Stammzellen

Die Schleimhaut des Dickdarms ist für Mediziner voller Schätze, doch diese zu nutzen, war bisher lediglich eine Vision. Das könnte sich jetzt ändern: Ein internationales Forscherteam hat die Stammzellen im Dickdarmgewebe aufgespürt - und sie anschließend im Labor gezüchtet.

Dick- und Dünndarm (Computeranimation): Wo liegen die Stammzellen? Zur Großansicht
Corbis

Dick- und Dünndarm (Computeranimation): Wo liegen die Stammzellen?

Rund einmal pro Woche erneuert sich die Darmschleimhaut, jenes Gewebe, das den Darm auskleidet und unter anderem für die Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm ins Blut zuständig ist. Diese Zellen leisten derart viel, dass ihre Lebensdauer sehr kurz ist. Deshalb müssen verschlissene Zellen regelmäßig durch neue ersetzt werden.

Zwar weiß man seit langem, dass Stammzellen für die wöchentliche Erneuerung der Darmschleimhaut zuständig sind, indem sie sich bei Bedarf in neue Darmepithelzellen verwandeln. Doch bisher war es den Wissenschaftlern nicht möglich, den Quell jener Alleskönner-Zellen im Gewebe ausfindig zu machen und diese sogenannten adulten Stammzellen zu isolieren.

Wie das internationale Team um Eduard Batlle vom Institute for Research in Biomedicine (IRB) in Barcelona und Hans Clevers vom University Medical Center in Utrecht in "Nature Medicine" berichtet, haben die Forscher dieses Rätsel nun geknackt: Die Wissenschaftler fanden heraus, wo genau im Dickdarmgewebe die Stammzellen zu finden sind. Zudem haben sie erstmals eine Methode entwickelt, diese Zellen aus dem menschlichen Darmgewebe zu isolieren und im Labor zu züchten.

Stammzelle oder nicht?

Das Problem: Dickdarm-Stammzellen unterscheiden sich in ihrer Morphologie kaum von den normalen Zellen der Darmschleimhaut. Auch ihre Oberflächenstruktur ist nahezu mit der von den gewöhnlichen Zellen identisch. Man kann sie also nicht ohne Weiteres etwa unter dem Mikroskop oder sie anhand der Proteinmoleküle auf der Oberfläche voneinander trennen. Wissenschaftler gingen davon aus, dass sich Stammzellen in geringer Zahl in einer Art Gewebsnische befinden, in der die optimalen Wachstumsbedingungen herrschen, wobei sich die Stammzellen aber im Gegensatz zu den normalen Schleimhautzellen nur selten teilen.

Diese Gewebsnische haben die Mediziner nun ausfindig gemacht. Zudem entdeckten die Forscher ein Oberflächenprotein, das von den Stammzellen in besonders hohem Maße produziert wird. Mit Hilfe eines Antikörpers, das dieses Oberflächenmolekül erkennt, gelang es den Wissenschaftlern, die Zellen aus dem Dickdarmgewebe zu isolieren. Anschließend ahmten die Forscher die Bedingungen im Gewebe nach und entwickelten ein Kulturmedium, in dem die Stammzellen wachsen - ohne sich in Darmzellen zu verwandeln.

"Auf diese Weise können wir die Stammzellen bis zu fünf Monate lang in Kulturschalen halten", erklärt Peter Jung vom IRB, einer der Erstautoren dieser Studie. "Oder wir können sie künstlich dazu bringen, sich in Darmzellen zu verwandeln so wie sie es auch in unserem Körper tun."

Die Hoffnungen, die auf diesen adulten Stammzellen liegen, sind groß, die Forscher sprechen von einem Durchbruch für die regenerative Medizin. Das ist jener Forschungszweig, der von der Idee lebt, defektes Gewebe im Körper zu reparieren, in dem man es durch gesundes, im Labor gezüchtetes Gewebe, ersetzt: Mit Hilfe der gezüchteten Dickdarm-Stammzellen sollen eines Tages beispielsweise Patienten mit Dickdarmkrebs oder Menschen geheilt werden können, deren Darmschleimhaut nicht mehr richtig funktioniert.

Außerdem, so die Wissenschaftler, sollen die gezüchteten Dickdarm-Stammzellen helfen, die Vorgänge bestimmter Krankheiten besser zu verstehen. Darunter etwa Darmkrebs oder die gefürchtete Erkrankung Morbus Crohn, bei der die Darmwand dauerhaft entzündet ist.

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1. Kleine Schritte ...
phobos81 07.09.2011
So, also man hat Dickdarmstammzellen dazu gebracht nicht ihre eigentliche Funktion einzunehmen sondern in adulter Phase zu "warten". Immerhin aber bevor Therapien aus diesen Grundlagen hervorgehen, vergehen nocheinmal 10 Jahre! Und dann kommt es auf die finanzielle Situation an, den ich denke das die "gesetzliche" Stammzellentherapien wohl kaum übernehmen wird. Aber wer weiß!? Vlt. wird die Petrischalenzüchtung künstlicher "Organe" günstiger als wir alle denken bzw. es wird eine Art "Vivisektion" geben d.h. züchtung menschlicher Ersatzorgane in Tieren ... Nix für Hartzer aber versichern sollte man seine Kinder bei Geburt schon dafür ...! ;)
2. Zukunft
Anhaltiner 07.09.2011
Zitat von phobos81So, also man hat Dickdarmstammzellen dazu gebracht nicht ihre eigentliche Funktion einzunehmen sondern in adulter Phase zu "warten". Immerhin aber bevor Therapien aus diesen Grundlagen hervorgehen, vergehen nocheinmal 10 Jahre! Und dann kommt es auf die finanzielle Situation an, den ich denke das die "gesetzliche" Stammzellentherapien wohl kaum übernehmen wird. Aber wer weiß!? Vlt. wird die Petrischalenzüchtung künstlicher "Organe" günstiger als wir alle denken bzw. es wird eine Art "Vivisektion" geben d.h. züchtung menschlicher Ersatzorgane in Tieren ... Nix für Hartzer aber versichern sollte man seine Kinder bei Geburt schon dafür ...! ;)
Wenn man bedenkt wie knapp Organe für die Transplantation sind und welchen (auch finanziellen) Aufwand für so ein Organ getrieben wird, könnte es durchaus möglich sein das irgendwann die Organe selbst gezüchtet werden, eh man auf den Tod eines passenden Spenders wartet. Dazu sind noch viele solcher kleinen Schritte zugehen, aber ein Weg scheint sich abzuzeichnen
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Stammzellen - die zellulären Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
DPA
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
MPI Münster / Jeong Beom Kim
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese germline derived pluripotent stem cells (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens.

In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.

Chronik der Stammzellforschung
1998 - Embryonale Stammzellen
Die internationale Stammzellforschung hat sich seit 1998 extrem rasch entwickelt. Der US-Forscher James Thomson gewann damals weltweit erstmals embryonale Stammzellen aus übriggebliebenen Embryonen von Fruchtbarkeitskliniken. Sie galten sofort als Hoffnungsträger, um Ersatzgewebe für Patienten mit Diabetes, Parkinson oder anderen Erkrankungen zu schaffen. Die Technik ist aber ethisch umstritten, da dafür Embryonen zerstört werden müssen. In Deutschland ist sie verboten. Seitdem suchen Forscher nach ethisch unbedenklichen Wegen.
2006 - Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Im August 2006 präsentieren die Japaner Kazutoshi Takahashi und Shinya Yamanaka eine erste Lösung. Sie versetzen Schwanzzellen von Mäusen mit Hilfe von vier Kontrollgenen in eine Art embryonalen Zustand zurück. Das Produkt nennen sie induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen). Der Nachteil: Die eingesetzten Gene können das Krebsrisiko bei einem späteren medizinischen Einsatz erhöhen.
2007 - Menschliche iPS-Zellen
Im Jahr 2007 gibt es entsprechende Erfolge mit menschlichen Hautzellen. Nach und nach können die Forscher auf ein Kontrollgen nach dem anderen verzichten, um die iPS-Zellen herzustellen.
Februar 2009 - Nur noch ein Reprogrammier-Gen
Im Februar 2009 präsentiert der Münsteraner Professor Hans Schöler iPS-Zellen von Mäusen, die er nur mit Hilfe eines Kontrollgens aus Nervenstammzellen gewonnen hatte.
März 2009 - Reprogrammier-Gene entfernt
Anfang März 2009 stellen zwei Forscherteams schließlich iPS-Zellen vor, die keinerlei Kontrollgene mehr im Erbgut enthalten. Sie hatten die Kontrollgene in das Erbgut von menschlichen Hautzellen eingefügt und nach der Arbeit wieder aus dem Erbgut herausgeschnitten.
März 2009 - Reprogrammier-Gene nicht im Erbgut
Ende März 2009 veröffentlicht der US-Forscher James Thomson eine Arbeit, bei der er die Kontrollgene nicht einmal mehr ins Erbgut der Zellen einschleusen muss. Er gab sie nur in einem Ring (Plasmid) in die Zelle und zog sie später wieder heraus.
April 2009 - Reprogrammierung von Mauszellen mit Proteinen
Ende April 2009 kommt ein US-amerikanisches Forscherteam um Sheng Ding mit Beteiligung von Hans Schöler ganz ohne Gene aus und nutzt nur noch Proteine, um die Hautzellen von Mäusen zu reprogrammieren. Damit ist das zusätzliche Krebsrisiko ausgeschlossen, das beim Einsatz von eingeschleusten Genen generell besteht.
Mai 2009 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit Proteinen
Einem südkoreanisch-US-amerikanischem Team um Robert Lanza gelingt die Reprogrammierung menschlicher Hautzellen nur durch Zugabe von Proteinen.
Oktober 2010 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit RNA-Schnipseln
Bostoner Forscher um Derrick Rossi probieren eine weitere Methode, um das Einschleusen von Fremd-DNA zu vermeiden: Das Team erzeugte künstliche Schnipsel aus sogenannter Messenger-RNA. Diese Moleküle entstehen in der Zelle während der Übersetzung des Gens in das Protein. Mit Hilfe dieser modifizierten RNA-Moleküle werden diejenigen Erbinformationen in die Zelle geschleust, die zur Herstellung der Reprogrammierproteine notwendig sind. Die RNA-Moleküle dringen nicht in den Zellkern und beschädigen somit nicht das darinliegende Erbgut, wie es etwa bei der Virenmethode der Fall ist. Zudem ist die Methide wesentlich effizienter und schneller als bisherige Verfahren zur Herstellung von iPS.
Januar 2010 - Direkte Umwandlung von Körperzellen
Warum den Umweg über Stammzellen gehen? Einem Forscherteam um Marius Wernig von der Stanford University School of Medicine gelang es, Hautzellen von Mäusen direkt in einen anderen Zelltyp zu verwandeln. Die Forscher schleusten drei Gene in die Zellen und verwandelten die Hautzellen in weniger als einer Woche in voll funktionstüchtige Nervenzellen.
Januar 2011 - Direkte Umwandlung ohne Umweg über Stammzellen
Einen Schritt weiter gehen Forscher vom Scipps Research Institute im kalifornischen La Jolla: Sie nehmen quasi eine Abkürzung. Anstatt die Körperzellen erst in pluripotente Stammzellen umzuprogrammieren, wandelten sie Hautzellen direkt in Herzzellen um. Das Verfahren könnte die Herstellung von Körper-Ersatzteilen extrem beschleunigen.
Februar 2011 - Forscher entdecken gefährliche Mutationen
Zwei große Forscherteams haben sich an die Arbeit gemacht und das Erbgut verschiedener iPS-Zelllinien untersucht. Dabei haben sie festgestellt, dass es bei der Herstellung von iPS-Zellen zu genetischen Veränderungen kommen kann, die sogar das Risiko für Krebs erhöhen könnten. Das wirft Zweifel an der Zuverlässigkeit und Praxistauglichkeit der neuen Technik auf, die als vielversprechend für die Zucht von körpereigenen Geweben für Transplantationen gilt. Die Forscher fordern daher jetzt die genaue genetische Untersuchung der vielseitigen Zellen, bevor erste Studien an Patienten beginnen.

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