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Durchbruch: Netzhaut-Chip gibt Blinden Augenlicht zurück

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Lichtblick für Blinde: Ein unter die Netzhaut implantierter Mikrochip aus Tübingen ersetzt zerstörte Sinneszellen - und stellt das Sehvermögen teilweise wieder her. Schon 2011 könnte der Chip zugelassen werden, hoffen die Forscher. Billig wird er allerdings nicht.

Netzhaut-Chip: Die Welt auf 1500 Photozellen Fotos
Retina Implant

Tübingen - Als er nach sorgfältiger Betrachtung eine Banane von einem Apfel unterscheiden kann, applaudieren die Mediziner: Nach 22 Jahren, in denen seine Welt nur aus Schatten bestand, hat Miikka einen Teil seines Sehvermögens zurückerhalten. Ärzte der Uniklinik Tübingen haben dem Finnen einen Mikrochip unter die Netzhaut verpflanzt; er ist Teilnehmer einer Pilotstudie, über deren Durchbruch die Wissenschaftler um Eberhart Zrenner jetzt im Fachmagazin "Proceedings oft the Royal Society B" berichten.

Bei Miikka zeigte sich der größte Erfolg: Der Mittvierziger, dessen Zapfen und Stäbchen im Auge durch die Krankheit Retinitis pigmentosa zerstört wurden, konnte wieder sehen, wo sich in einem Raum andere Menschen befinden. Er unterschied verschiedene Objekte - wie Banane und Apfel oder Messer und Gabel. Und er erkannte, als die Ärzte ihm seinen Namen mit Schreibfehlern - Mika statt Miikka - vorlegten.

30.000 bis 40.000 Menschen leiden in Deutschland unter der erblichen Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa, die im mittleren Erwachsenenalter oder bereits in der Jugend einsetzt und über Jahre das Sehvermögen verschlechtert - bis die Betroffenen praktisch erblinden. Die Tübinger Forscher arbeiten daran, die zerstörten Zellen durch Technik zu ersetzen. Drei mal drei Millimeter klein ist der Mikrochip, den die Chirurgen in einem mehrstündigen Eingriff direkt unter die Netzhaut schieben.

Auf dem Chip befinden sich 1500 Dioden: Fällt auf diese Licht, geben sie das Signal über einen Verstärker als elektrischen Impuls an die Nervenzellen der Netzhaut weiter. Von dort wird das Signal ganz normal ins Sehzentrum des Gehirns geschickt. Feine in Silikon eingekapselte Drähte versorgen den Chip mit Energie von außen - die Stromversorgung befindet sich hinterm Ohr. Auch bei weiteren Augenerkrankungen wie der Chorioideremie und der Zapfen-Stäbchen-Dystrophie könnte das Implantat helfen.

Test für den Dauereinsatz

Miikka musste sich nach vier Monaten zum Ende der Studie wieder von seinem Implantat verabschieden, denn es war nicht für den Dauereinsatz angelegt. Doch seit Mai 2010 läuft eine weitere Untersuchung mit einem überarbeiteten System, das bisher vier Patienten implantiert wurde. Sie sollen das Gerät auf unbegrenzte Zeit tragen. Nur falls es Probleme bereitet, wird es wieder entfernt.

Geplant ist, dass mindestens 25 Menschen das System testen. Nach Ende dieser Studie könnte der Chip, den das Unternehmen Retina Implant herstellt, marktreif sein. Walter Wrobel, Vorstandsvorsitzender der Reutlinger Firma, hält eine Zulassung bis Ende 2011 für erreichbar.

Der Markt wäre lukrativ. "Jedes Jahr erblinden in Deutschland 2000 Menschen, denen das Implantat helfen könnte", sagt Wrobel. Die Kosten für ein Implantat werden seiner Aussage zufolge voraussichtlich bei 70.000 bis 80.000 Euro liegen. Auf seiner Webseite geht das Unternehmen noch von 25.000 Euro aus - und verweist dabei darauf, dass ein Blindenhund, den der Augenarzt verschreiben kann, ähnlich teuer sei.

Ob die Krankenkassen im Falle einer Zulassung die Kosten tatsächlich übernehmen werden, könnte in Zeiten, in denen im Gesundheitssystem an jeder Ecke das Geld fehlt, ein weiterer Streitfall werden. Aber erst einmal muss sich das Implantat überhaupt im Dauereinsatz beweisen.

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insgesamt 11 Beiträge
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    Seite 1    
1. oder nicht?
Klo, 03.11.2010
Zitat von sysopLichtblick für Blinde: Ein unter die Netzhaut implantierter Mikrochip aus Tübingen ersetzt zerstörte Sinneszellen - und stellt das Sehvermögen teilweise wieder her. Schon 2011 könnte der Chip zugelassen werden, hoffen die Forscher. Billig wird er allerdings nicht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,726813,00.html
Also das hätte man nun wirklich billiger haben können. Drei mal kräftig zum Papst Johannes Paul gebetet und eine Wallfahrt nach Lourdes und das Ergebnis wäre das gleiche gewesen. Oh Wunder, oh Wunder...
2. Sehqualität
Meckermann 03.11.2010
---Zitat--- Nach 22 Jahren, in denen seine Welt nur aus Schatten bestand, hat Miikka einen Teil seines Sehvermögens zurückerhalten. ---Zitatende--- Bevor wir nun in Euphorie ausbrechen: Betonung liegt hier auf "einem Teil". So ähnlich wie z.B. ein Rollstuhl die Mobilität eines Querschnittsgelähmten teilweise wiederherstellt. Mit gesundem Sehen lässt sich das nicht vergleichen. Trotzdem besser als nichts, ohne Frage.
3. Mal die Blinden fragen
Nonvaio01 03.11.2010
Hallo, also die ersten 2 Posts hier sind ja unglaublich. Ich denke mal diese Herren koennen noch sehr gut sehen. Fuer jeden Blinden der auch nur etwas seines Augenlichts wieder bekommt ist es eine fantastische sache, egal ob es nun 20% oder 70% sind. Aber wieder typisch deutsch, erstmal schlecht machen die neue medizin und als scharlatanerei brandmarken. Nur weil einige keine Ahnung von Microchips und Nanno technologie haben ist es in Ihren Augen nicht moeglich und nur schwindel um am leid der Blinden zu verdienen. Auch wenn es noch nicht 100% ausgereift ist, man darauf aufbauen und es weiter entwickeln bis zur perfection. Manchmal muss ich mich echt schaemen deutscher zu sein. Es ist eine neue qualitaet alles positive so schnell wie moeglich in negatives zu wenden, darin sind wir echte Meister.
4. ...
Ruhrpottjunge 03.11.2010
Jede Wette - die Krankenkassen werden die Aufnahme in den Leistungskatalog um mindestens 500 Jahre hinauszögern. Denn: "billig wird er allerdings nicht" Irgendwie zynisch, daß die Möglichkeit einem Menschen (wenn auch nur zum Teil) die Sehkraft wieder zu geben zunächst einmal Fragen nach den Kosten aufwirft. Arme Menschen werden also weiterhin ohne Zahnprothesen und Netzhautmikrochip durch die Welt laufen, leisten können sich das nur wieder "Besserverdiener".
5. Eine tolle Sache, ...
own_brain_user 03.11.2010
... da sollte man die Haeme mal weglassen. Aber etwas Spass muss sein, wir sind ja nicht in Trauer: ---Zitat--- Bei *Miikka* zeigte sich der größte Erfolg: Der Mittvierziger, dessen Zäpfchen und Stäbchen im Auge durch die Krankheit Retinitis pigmentosa zerstört wurden, konnte wieder sehen, wo sich in einem Raum andere Menschen befinden. Er unterschied verschiedene Objekte - wie Banane und Apfel oder Messer und Gabel. Und er erkannte, als die Ärzte ihm seinen Namen mit Schreibfehlern - *Mika* statt *Miika* - vorlegten. ---Zitatende--- Vielleicht wuerde Frau Weber der Chip auch helfen?
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