Tödliches Virus Warum es noch keine Waffe gegen Ebola gibt

In Westafrika tötet das Ebola-Virus immer mehr Menschen - die Ärzte sind hilflos. Es gibt weder eine Impfung noch ein wirkungsvolles Medikament gegen den Erreger. Dabei mangelt es nicht an wissenschaftlichen Fortschritten.

Von Cinthia Briseño

CDC/ Frederick Murphy

Ebola. Allein das Wort lässt viele Menschen erschaudern - in den Medien ist gerne vom Killervirus die Rede. Mehr als 700 Menschen sind in Westafrika an den Folgen einer Ebola-Infektion bereits gestorben. Fest steht: In den nächsten Wochen und Monaten werden weitere daran zugrunde gehen, denn Mediziner und Helfer vor Ort sind weitgehend hilflos: Sie haben keine Waffe - weder Medikamente noch eine Impfung -, die das tödliche Virus in Schach halten könnte.

Experten wie Stephan Monroe, Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten der CDC malen allesamt ein düsteres Szenario: "Der Kampf gegen diesen Ausbruch wird kein Sprint, sondern ein Marathon." "Diese Epidemie ist beispiellos", sagte auch Bart Janssens, Einsatzleiter bei Ärzte ohne Grenzen vor einigen Tagen, "sie ist ganz und gar nicht unter Kontrolle, und die Situation verschlechtert sich immer weiter." Und auch Margret Chan, Chefin der Weltgesundheitsorganisation WHO wandte sich am Freitag mit alarmierenden Worten an die Öffentlichkeit: "Der Ausbruch schreitet schneller voran als unsere Bemühungen, ihn zu kontrollieren."

Doch warum sind die Ärzte so machtlos? Warum gibt es noch keine wirkungsvolle Therapie oder eine Impfung gegen Ebola?

Das Ebolavirus
Ebolafieber
Die Erkrankung beginnt wie eine Erkältung: Fieber, Kopf-, Hals- und Muskelschmerzen sind meistens die ersten Symptome. Hinzu kommen Übelkeit und, nach fünf bis sieben Tagen, schwere Schleimhautblutungen im Magen-Darm- und Genitaltrakt. Die für die Blutgerinnung wichtigen Blutplättchen (Thrombozyten) sind bei vielen Patienten stark verringert, die Patienten drohen innerlich zu verbluten. Später versagen die Nieren ihren Dienst, schließlich das Herz-Kreislauf-System. Eine Heilung gibt es bislang nicht, 50 bis 80 Prozent aller Betroffenen sterben.
Virus
Die Viren stammen vor allem aus Afrika und Südostasien. Sie gehören zu den sogenannten Filo-Viren, von denen bislang drei Stämme bekannt sind (Ebola-, Marburg- und Reston-Virus). Vor allem Ebola- und Marburg-Virus ähneln sich stark und lassen sich anhand der Symptome beim Menschen nur schwer unterscheiden. Allerdings unterscheiden sie sich in ihren Antigenstrukturen.
Ansteckung
Die Übertragung der Ebolaviren von Mensch zu Mensch findet durch infizierte Körpersekrete statt. Die Inkubationszeit beträgt zwei bis 21 Tage. Ist von einer Infektion noch nichts bekannt, können sich die Viren innerhalb eines Krankenhauses immer dann ausbreiten, wenn Hygienemaßnahmen nicht streng verfolgt werden. Zur Vermeidung von Ansteckungen muss das Krankenhauspersonal engen Kontakt zum Infizierten meiden und ihn isolieren. Vor allem mit Blut und anderen Sekreten kontaminiertes Material muss fachgerecht entsorgt werden.

In Deutschland gibt es in neun Städten Sonderisolierstationen: in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Düsseldorf, Leipzig, Würzburg, Stuttgart und Saarbrücken.
Nachweis
Um eine Infektion mit Ebolaviren zu diagnostizieren, muss ein Labor entweder die Viren selbst, Bestandteile oder spezifische Antikörper gegen die Erreger nachweisen. Es besteht Meldepflicht.
Epidemien
Häufig gehen Epidemien beim Menschen von infizierten Menschenaffen aus, der Hauptwirt des Virus ist jedoch noch nicht bekannt.

2000 erkrankten in Uganda 425 Menschen bei ein Epidemie, mehr als die Hälfte (53%) starb.

2003 breitete sich das Virus in Kongo-Brazzaville aus, 140 Menschen erkrankten, 123 starben.

2007 war wieder Uganda betroffen: Laut Weltgesundheitsbehörde WHO erkrankten 121 Menschen, 35 fielen der Infektion zum Opfer.

2009 war die Demokratische Republik Kongo betroffen: Von 36 Betroffenen starben nach Angaben der WHO zwölf.

Seit Dezember 2013 grassiert das Ebolavirus in Westafrika. Es ist der bisher größte bekannte Ausbruch. Bis Mitte August 2014 starben mehr als 1000 Menschen an den Folgen einer Infektion.

Zu weiteren Ausbrüchen kam es im Sudan, Gabun und an der Elfenbeinküste.
Ein Blick in die Fachliteratur zeigt, dass die Wissenschaft in den vergangenen Jahren durchaus Fortschritte im Kampf gegen die Seuche erzielt hat: "Es gibt einige Impfstoffe in der Entwicklung", sagt Thomas Geisbert von der University of Texas und einer der führenden Ebola-Forscher in den USA in einem Interview mit dem "Scientific American". Drei bis fünf davon hätten gezeigt, dass sie nichtmenschliche Primaten vollständig vor Ebola schützen. Keiner sei aber bisher so weit, um zugelassen werden zu können.

Einer der Impfstoffe stammt aus dem Labor von Geisberts Forscherteam selbst. 2005 veröffentlichten die Wissenschaftler erstmals eine Studie über die sogenannte VSV-Vakzine. Diese besteht aus dem Vesicular stomatitis Virus, ein Virus, das eng mit dem Tollwutvirus verwandt ist und dessen Erbgut gentechnisch verändert ist, sodass es zwar keine Krankheit mehr im Menschen verursachen kann, aber dennoch die Immunabwehr dazu anregt, Antikörper dagegen zu produzieren. Der Clou: Statt des eigenen Oberflächenmoleküls trägt das gentechnisch veränderte VSV ein Oberflächenmolekül des Ebola-Virus. Auf diese Weise produziert das Immunsystem Antikörper, die sich speziell gegen das Ebola-Molekül richten und die so später im Falle einer Infektion jene Zellen zerstören, in denen sich Ebola-Viren vermehren.

Neben der Entwicklung von Impfstoffen gibt es auch vielversprechende Therapie-Ansätze: Derzeit aussichtsreichster Kandidat für ein Medikament ist ein spezielles Serum bestehend aus drei Antikörpern. Forscher konnten ebenfalls im Tierversuch zeigen, dass dieses nach einer Infektion wirksam gegen das tödliche Virus ist - sogar einige Tage nach Ausbruch des gefürchteten Ebola-Fiebers.

Seither haben die Forscher einige Studien veröffentlicht, die beweisen, dass die Vakzine Mäuse und Makaken effektiv vor den Folgen einer Ebola-Infektion schützt. Der nächste Schritt sei es, den Impfstoff an Menschen zu testen. Dafür fehle aber bisher das Geld, sagt Heinz Feldmann vom US National Institute of Allergy and Infectious Disease (NIAID) in Hamilton, der zusammen mit Gilbert an der VSV-Impfung forscht. Die Ursache dafür ist in Feldmanns Augen eindeutig: "Ebola ist kein allzu großes Problem für die weltweite Gesundheit der Bevölkerung." Daher hätten weder öffentliche noch private Geldgeber großes Interesse daran, die Forschung zu finanzieren.

Würde es nicht derart an finanzieller Unterstützung mangeln, schätzt Gilbert, sei man möglicherweise nur noch zwei bis sechs Jahre von der Zulassung eines Impfstoffs entfernt. "Studien am Menschen sind teuer", sagt der Virologe. Da große Pharmahersteller aus wirtschaftlichen Gründen kaum Interesse an der Entwicklung hätten, seien die kleinen Firmen, die daran arbeiten, sehr stark auf Hilfsmittel seitens der Regierung angewiesen.

Diese gibt sich zumindest in den USA teilweise als recht großzügig, was die Erforschung von wirksamen Therapien gegen Ebola betrifft. Doch zum einen reichen die bereitgestellten Mittel nicht aus, zum anderen mutet die Motivation der Regierung angesichts der desaströsen Lage in Westafrika, wo Hunderte Menschen in den ärmsten Ländern der Welt an der Seuche sterben, eher zynisch an: Die USA fürchten, dass Ebola-Viren für terroristische Zwecke entfremdet werden könnten. Obgleich es Experten zufolge kaum möglich wäre, die Viren derart zu verändern, dass sie auch über die Luft übertragbar wären (Menschen stecken sich nur durch direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten an - mehr dazu finden Sie hier), investiert das US-Verteidigungsministerium Millionen in die Ebola-Forschung.

140 Millionen Dollar hat das US-Ministerium etwa in die Firma Tekmira Pharmaceuticals in Burnaby in Kanada gesteckt, die ein weiteres gentechnisch hergestelltes Mittel gegen Ebola testet. Dabei handelt es sich um kleine Erbgut-Schnipsel (siRNA-Moleküle), die die Vermehrung des Virus bremsen sollen. Im Januar hatte die Firma tatsächlich mit ersten Versuchen an Menschen begonnen. Doch die US-Zulassungsbehörde FDA hatte die Versuche aus Mangel an Daten darüber wie die Therapie wirkt und aus Mangel an Daten zur Sicherheit des Medikaments, zunächst unterbrochen. Bei Tekmira hofft man, die Studie bald wieder aufnehmen zu können. Doch für die Menschen in Westafrika, die jetzt dringend Hilfe gegen das tödliche Virus benötigen, kommen diese Hoffnungen der Forscher zu spät.

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insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
Augustusrex 01.08.2014
1.
Ist mir völlig egal, warum die USA die Forschung finanzieren. Die Hauptsache ist, dass sie es tun.
sabaidii 01.08.2014
2. Naiv!!!
"investiert das US-Verteidigungsministerium Millionen in die Ebola-Forschung..." Beim Militär egal unter welcher Flagge geht es immer erst darum die eigenen Truppen zu schützen und sobald das erreicht ist hat man eine wunderbare Waffe, selbst ist man ja immun. Die im Text geäußerte Verwunderung über das großzügige Militär ist an Naivität nicht zu überbieten.
1lauto 01.08.2014
3. Das Virus scheint gelernt zu haben und ist weniger tödlich
Bei früheren Ausbrüchen waren schnell fast alle Angesteckten tot. Das scheint jetzt anders zu sein. So kann er sich jetzt leichter verbreiten, er hat einen neuen Wirt gefunden der sein Genom weiter verbreitet.
BlakesWort 01.08.2014
4.
Es ist leider nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Virus wie Ebola in den Multimillionen-Städten Afrikas einnistet und den Sprung auf andere Kontinente schafft. Die letzten Meldungen aus Nigeria gehen in der Weltpresse unter, aber wenn das passiert, sind die Konflikte in der Ukraine und Israel/Gaza Peanuts dagegen.
schinkenpizza 01.08.2014
5. Nicht übertreiben
Klar es ist eine Seuche und klar es sterben Menschen, allerdings ist die Seuche relativ harmlos. Was das Ebolavirus in den letzten Monaten "geschafft" hat, hat die Pest damals an einem Tag "geschafft". Es wird seit längerem vor einer globalen Seuche gewarnt, Ebola wird es sicherlich nicht sein
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