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Ehec-Ausbruch in Norddeutschland: "Wir sind alle geächtet"

Von , Pinneberg

Ärzte sagen, so etwas hätten sie noch nie erlebt. Behördensprecher schweigen. Patienten beklagen Panikmache und Verunsicherung. Der Ehec-Ausbruch hat viele Kliniken in Norddeutschland in den Ausnahmezustand versetzt.

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Hinweis in der Regio-Klinik Pinneberg: Seit zwei Wochen arbeitet die Belegschaft durch

Die Regio-Klinik Pinneberg am Samstag, Infektionssprechstunde im Hamburger Speckgürtel: Mehr als 40 Patienten kommen, wie jeden Tag, die meisten werden positiv auf Ehec getestet. Seit zwei Wochen arbeitet die Belegschaft durch, einige von 7 bis 23 Uhr. Zwei komplette Stationen dienen jetzt als Isolierbereich. "Wir haben so etwas noch nicht erlebt", meint der Belegungsmanager. Und der Direktor. Und die Pflegeleiterin. Und die Ärztin der Notaufnahme, seit mehr als 20 Jahren.

Ein Professor für Innere Medizin, Nierenspezialist an einer anderen Klinik, zögert, als er gefragt wird, wann er das letzte Mal so etwas wie Ehec erlebt habe. Den Vergleich möchte er erst gar nicht wagen, man solle es lieber nicht aufschreiben. Aber das wäre wohl die Polio-Epidemie. Vor mehr als 50 Jahren, da ging er noch zur Schule.

Für Panik sei trotzdem kein Anlass, sagte er. Aber für Beunruhigung. Jede Grippe treffe mehr Leute, das müsse man dazu sagen. Aber die Grippe treffe alte, bereits geschwächte; diese Krankheit erwische dagegen junge Leute, Muster: Frau, jung, intelligent, und wie nenne man das? Gesundheitsbewusst.

1428 Menschen in Deutschland haben sich seit Anfang Mai bei einem der schlimmsten Ehec-Ausbrüche weltweit mit den Bakterien infiziert, die meisten davon in Norddeutschland. 573 Patienten haben das gefährliche hämolytisch-urämische Syndrom (Hus) entwickelt - 70 Prozent davon sind Frauen. In manchen Krankenhäusern gab es bereits Engpässe. Noch immer ist es ein Rätsel, wo sich die Menschen mit dem gefährlichen Erreger anstecken.

Im Flur vor der Sprechstunde im Pinneberger Klinikum sind alle Plätze belegt, einige stehen. Drinnen nehmen Ärzte Blut ab, ordnen die Proben ein, beruhigen, erklären, verweisen. Darf ich arbeiten? Was ist mit meiner Familie? Kann ich noch ins Solarium?

Draußen schimpfen einige Patienten auf die Medien, wieder mal werde zu viel Panik gemacht, jedes Jahr denke man sich etwas Neues aus. Schon komisch, Sars, Schweinegrippe, Vogelgrippe, und jetzt das, klar, im Sommerloch. Und nirgendwo steht, dass man von Ehec auch einfach nur Durchfall bekommen könne, und das wär's.

"Schlimmer als die Schweinegrippe"

Wie die Bekannten auf die Diagnose reagieren? Eine junge, blonde Frau lacht nur kurz auf. Es komme doch keiner mehr zu Besuch, und man werde auch nicht eingeladen. "Wir sind alle geächtet, inklusive Kinder, ich finde es grausam." Sie könne es den Leuten ja noch nicht mal übelnehmen. "Haben wir halt unsere Ruhe", brummt ihr Mann. Aber was sei mit ihrem Kind, fragt sie sich, darf sie es auf den Arm nehmen, mal drücken?

Eine andere junge Frau sitzt fünf Plätze weiter, sie sei schon ganz irre, sagt sie leise. Zwei Nächte habe sie nicht geschlafen. Zu Hause habe sie ein Baby, sie habe Ehec, was soll sie denn jetzt machen? In dem einen Krankenhaus hieß es, sofort trennen und Isolierstation. In dem anderen: Abstillen, in dem dritten: Gar nichts machen. "Keiner wusste, was mit der Muttermilch sei. Das hier ist viel schlimmer als Schweinegrippe", sagt sie.

Ihr sei es nicht aufgefallen, dass sie sich mit Ehec angesteckt hat, kein Blut im Stuhl, kein Durchfall, ihr ging es nicht mal schlecht. Ein bisschen angeschlagen habe sie sich gefühlt, aber die Krankheit sei erst bei der Blutprobe eines Routinechecks aufgefallen. "Das heißt doch, dass ganz viele Leute es auch haben können, die es nicht wissen. Gruselig, oder?"

Subklinischer Verlauf heißt das in der Fachsprache - und ist aus medizinischer Sicht ein bekanntes Phänomen. Doch das ist für die Patienten gerade kein Trost.

"Haben Sie eine sonstige Vorstellung, wo Ihre Erkrankung herrühren könnte?"

"Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr", heißt es auf den Fragebögen der Gesundheitsämter, die die junge Frau ausfüllen musste, "bei Ihnen ist eine Erkrankung aufgetreten, die (vermutlich) durch sog. Ehec-Bakterien ausgelöst wurde. Dies ist eine besondere Art von E.coli-Bakterien. Über die Übertragungswege und Infektionsquellen für diese Ehec-Bakterien ist bislang recht wenig bekannt."

Danach kommen Fragen wie: "Haben Sie in der Woche vor Beginn Ihres Durchfalls rohe Tomaten gegessen? Falls ja, wie oft? Wo gekauft? Markt/Wochenmarkt bitte benennen, inklusive Ortsteil, Standnamen falls vorhanden." Das Gleiche für Mozzarella, Spargel, Ziegen- und Schafskäse, Salatgurke, rohe Möhren, grünen Salat, Rinderhackfleisch und Erdbeeren. Punkt 12: "Haben Sie eine sonstige Vorstellung, wo Ihre Erkrankung herrühren könnte?" Viele grübeln den ganzen Tag, wenn sie auf Isolierstation liegen. Fernsehen schauen zur Ablenkung bringe wenig, sagt ein junges Pärchen, eben erst entlassen. Denn im Fernsehen laufe ja auch Ehec. Gerade versuchen sie herauszufinden, ob sie arbeiten dürfen, obwohl sie mit Lebensmitteln zu tun haben. Verpackte Süßigkeiten, Einzelhandel.

"Bislang ist recht wenig bekannt": Viel mehr kann keiner sagen, kein Patient, kein Arzt, kein Behördensprecher, keine Zeitung. Das Krisenmanagement der Behörden ist bereits in die Kritik geraten. "Die Ehec-Fälle werden gut versorgt, das System funktioniert. Aber das Robert-Koch-Institut ist in seiner Informationspolitik sehr sparsam. Die dokumentieren zwar sehr gut die Fälle, aber man kriegt nicht mit, wie sie dran sind, die Infektionsquelle zu finden", sagt Ulrich Frei, ärztlicher Direktor der Charité. Eine Pressesprecherin des Robert-Koch-Instituts seufzt, ja, sie könne leider niemanden hereinlassen, selbst bei der ARD habe die Chefin gezögert.

Krankheit kann Wesensveränderungen auslösen

Eine merkwürdige Krankheit ist es, darin zumindest sind sich alle einig. Vielleicht ist es das Unheimlichste, dass der Erreger zur der trivialsten aller Spezies zählt ist, von denen jeder Mensch ein paar Milliarden im Darm hat: Coli-Bakterien. Schon seit mehr als hundert Jahren umforscht, "Das berühmteste Bakterium" heißt ein Buch über sie.

Aber nur bestimmte Stämme lösen eine Krankheit aus, die im schwersten Verlauf, von Durchfall zu Nierenversagen führen kann, zu Wesensveränderungen und zum Tod innerhalb weniger Tage.

Von aggressiven Patienten berichten Neurologen, von verwirrten, von traurigen, sogar von einer Patientin mit Locked-in-Syndrom, einer Frau bei erhaltenem Bewusstsein, aber fast vollständig gelähmt, und von einer anderen, die nicht mehr sprechen kann und der nur noch der Speichel aus dem Mund läuft.

Die schwersten Fälle mit HU-Syndrom liegen im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf, auf der Intensivstation im ersten Stock. Ein junger Mann kommt den Flur entlang. Hinter ihm hängt ein meterlanges Bild vom Ozean. Ein Bild, wie sie oft dort hängen, wo es Angehörigen nicht mehr nach Ozean zumute ist. Irgendwo dahinter liegt seine Freundin, 26 Jahre alt.

Ausgerechnet am Freitag, dem 13. Mai habe es angefangen. Da hätten sie noch geskypt. Von Bauchschmerzen erzählte sie, aber da gehe man doch erstmal von Magen-Darm-Geschichten aus. Dann Blut im Stuhl, nachts mit dem Taxi in die Uni-Klinik, abgewiesen worden. Damals wäre Ehec ja noch kein Thema gewesen. Dann die richtige Diagnose vom niedergelassenen Arzt, Einweisung, Dialyse, Plasmaaustausch, Antikörperbehandlung.

"Zwei-, dreimal war der Punkt erreicht, wo ich dachte, der Exitus ist jetzt da", sagt er. Als seine Freundin da lag, wohin man nur mit Mundschutz, Kittel und Handschuhen kommt, so orientierungslos und nur die falschen Wörter gefunden habe. Da habe sie sich in eine Angstwelt zurückgezogen, sagt er, und dann wurde es immer schlimmer. Jetzt ist sie im Kopf wieder die Alte, zum Glück.

Gesund sei sie gewesen, immer gesund, keine Vorerkrankungen. Natürlich aß sie Tomaten und Gurken, aber wenn das die Ursache sei, müsste dann nicht die Hälfte Hamburgs hier liegen?

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insgesamt 160 Beiträge
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1. N24 berichtete heute morgen, ...
glaubblosnix 05.06.2011
man vermute das EHEC aus Biogasanlagen stammt. Wenn sich das bestätigen sollte verlange ich die sofortige Abschaltung aller Biogasanlagen. Wir müssen an die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder denken.
2. Das ist der beste Artikel zum Thema, den ich bisher gelesen habe
Europa! 05.06.2011
Meinen Glückwunsch!
3. Auch ich wurde gemieden
MissMarple59 05.06.2011
Als ich 1963 für 4 Wochen mit der Diagnose Scharlach ins Krankenhaus auf die Isolierstation musste, wurde ich auch von Kindern und Eltern gemieden, als ich wieder zu Hause war. Sie alle hatte Angst sich anzustecken. Wundern tut mich nicht, dass Norddeutschland gemieden wird. Meine vergleichsweise harmlose Kinderkrankheit, die heute viele berufstätigen Eltern veranlasst, die Kinder in Schule und Kindergarten zu schicken, reichte damals schon, um mich wochenlang zu meiden. Ich werde mit meiner Familie, Norddeutschland meiden. Ebenso weiß ich von Bekannten, die eigentlich demnächst dort Urlaub machen wollten, dort nicht mehr hin fahren. Die Regierung sollte statt irgendwelche Klugschwätzer Arbeitskreise zu gründen, schleunigst handeln und die Ehec Quelle finden. Und sich mal ganz nebenbei an die eigene Nase packen, warum die Krankenhäuser im Norden an die Grenzen geraten. Wer sind denn permament das Lied, Gewinne müssen steigen und Personalbabbau über alles?
4. Super Artikel
Portugiese 05.06.2011
Zitat von Europa!Meinen Glückwunsch!
Kann ich mich nur anschliessen !
5. ..
Olaf 05.06.2011
Zitat von glaubblosnixman vermute das EHEC aus Biogasanlagen stammt. Wenn sich das bestätigen sollte verlange ich die sofortige Abschaltung aller Biogasanlagen. Wir müssen an die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder denken.
Sogar die edlen Großweisen von Grünen und Greenpeace, die sonst immer was zu sagen haben hat, hüllen sich in Schweigen. Was ich als durchaus angenehm empfinde, so nicht. Das ist wohl nicht der Stoff, aus dem man eine Lichterkette macht.
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