Bonn/Berlin - Bockshornkleesamen finden sich in Lebensmitteln - und in Arzneimitteln oder Medizinprodukten. Die Behörden sind deshalb doppelt alarmiert: Denn Samen aus Ägypten gelten mittlerweile als Ursache für die Ehec-Epidemie. Konkret haben die Fahnder eine bestimmte Lieferung von 15 Tonnen Bockshornkleesamen aus dem Land im Visier. Um sicher zu gehen, verhängte die EU-Kommission ein sofortiges Verkaufsverbot, die Einfuhr für ägyptische Samen und Bohnen zur Sprossenzucht wurde bis Ende Oktober untersagt.
Jetzt werden auch bestimmte Chargen von Arzneimitteln und Medizinprodukten mit Bockshornkleesamen zurückgerufen, weil sie möglicherweise mit dem gefährlichen Darmkeim Ehec kontaminiert sein könnten. Das teilte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) am Freitag in Bonn mit.
Die Landesbehörden seien aufgefordert worden, solche Wirkstoffe und Arzneimittel vom Markt zu nehmen, die Bockshornkleesamen enthielten, die von 2009 bis 2011 aus Ägypten eingeführt worden seien. Der Samen wird unter anderem als pflanzliches Magen-Darm-Mittel verwendet. Patienten nehmen dazu mehrmals täglich zerkleinerte Samen mit Flüssigkeit ein.
Der Beschluss der EU-Kommission verpflichte alle Mitgliedstaaten, bestimmte Produktchargen mit Bockshornkleesamen vom Markt zu nehmen, die im entsprechenden Zeitraum aus Ägypten eingeführt worden seien, teilte das BfArM mit.
Im unterfränkischen Miltenberg haben die Behörden bei einem Händler rund 35 Kilogramm Bockshornkleesamen sichergestellt. Damit seien die EU-Vorgaben umgesetzt worden, bestimmte Chargen vom Markt zu nehmen, erklärte eine Sprecherin des bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Erlangen. Zur genauen Herkunft der Samen wollte ein Sprecher des Landratsamts Miltenbergkeine Angaben machen. Der Händler hatte den Angaben zufolge insgesamt 75 Kilogramm Bockshornkleesamen bezogen. 35 Kilogramm seien noch im Lager des Betriebs gewesen, 40 Kilogramm habe er schon weiterverkauft. Man sei derzeit dabei, diese Lieferwege zu prüfen.
Ehec-Massentests
Ehec-Darmkeime wurden am Freitag in einem Kläranlagenablauf in Gütersloh gefunden. Einer ersten Untersuchung zufolge handelt es sich um einen besonders aggressiven Typ, an dessen Folgen in den vergangenen Wochen Dutzende Menschen in Deutschland gestorben sind. Das teilte das nordrhein-westfälische Umweltministerium am Freitagabend in Düsseldorf mit. Das Ergebnis soll nun durch eine zweite Untersuchung überprüft werden. Zudem sollen rund um die Kläranlage weitere Proben entnommen werden. Dass in der Gütersloher Anlage das Bakterium gefunden wurde, ist dem Ministerium zufolge nicht verwunderlich, da in dem Kreis mehrere Menschen an Ehec erkrankt waren.
Auch im Kreis Lippe sind Ehec-Fahnder auf der Spur des Erregers: Anfang der Woche waren zwei Bewohner einer Behinderteneinrichtung in Detmold an dem Durchfallerreger Ehec erkrankt. Sie litten an der gefährlichen Komplikation Hus. Daraufhin wurden in dem Heim 200 Menschen getestet, bisher wurden dabei zwei weitere Infektionen ohne Erkrankung festgestellt. Von Montag an sollen nun noch bis zu 500 Menschen getestet werden, die "Essen auf Rädern" von einem Betrieb erhalten hatten, der auch eine Grundschule bei Paderborn beliefert, an der drei Jungen schwer erkrankt waren. Dort hatte der Kreis einen Ehec-Massentest an 800 Menschen gestartet.
Unterdessen hat der Bundesrat am Freitag grünes Licht für ein neues Gesetzespaket gegeben: Mehr Personal und strengere Hygiene sollen Klinikpatienten vor tödlichen Infektionen schützen. Außerdem soll der Pflege-TÜV verschärft werden.
Nach offiziellen Angaben sterben jährlich bis zu 15.000 Menschen durch Klinikinfektionen. Die Dunkelziffer ist vermutlich höher. Insgesamt erleiden 600.000 Patienten im Krankenhaus solche Infektionen. Dabei sind viele der Betroffenen sowieso schon schwer krank. Das Problem ist bekannt: Erreger wie Escherichia coli und andere Bakterien werden zunehmend unempfindlich gegen Antibiotika.
Jetzt soll das Infektionsschutzgesetz geändert werden - davon sind folgende Punkte betroffen:
Oft geht es um scheinbare Kleinigkeiten - wie stets keimfreie Ablageflächen sowie saubere Hände von Pflegern und Ärzten. Die Kliniken müssen künftig Lücken in der Infektionsvorsorge per Hygieneplan zu schließen versuchen.
Der niedersächsische Biohof, der als Ursprung der Ehec-Welle in Deutschland ermittelt worden war will vor Gericht eine Aufhebung des verhängten Handelsverbots erreichen. Außerdem solle eine vor mehr als einem Monat angeordnete Rückholaktion nach Willen der Betreiber nachträglich für rechtswidrig erklärt werden, teilte das Verwaltungsgericht in Lüneburg mit.
Die von den Behörden verhängten Maßnahmen kämen einer faktischen dauerhaften Betriebsstilllegung gleich und seien mit enormen wirtschaftlichen Verlusten bis hin zur Insolvenzgefährdung verbunden, klagte der Inhaber des Sprossenhofs in Bienenbüttel. Bei keiner der seit dem 3. Juni ausgewerteten rund 1000 Proben sei ein positiver Ehec-Befund festgestellt worden.
Der Hof war auf Grund einer dichten Indizienkette als Ursprung der Epidemie ausgemacht worden. Ermittlungen gegen die Betreiber wurden inzwischen eingestellt, weil ihnen kein fahrlässiges oder vorsätzliches Verhalten angelastet werden kann.
cib/dpa
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