Ehec-Epidemie Europa rechnet mit deutschem Krisenmanagement ab

Kompetenzgerangel, Kommunikationsprobleme, irreführende Aussagen: EU-Politiker beschweren sich massiv über den Umgang der deutschen Behörden mit Ehec, vor allem das Hickhack zwischen Bund und Ländern empört die Volksvertreter. Nun sollen geschädigte Bauern bis zu 150 Millionen Euro bekommen.

Einsatz in Bienenbüttel: Experten entnehmen Proben auf dem Gelände des Gärtnerhofs
dapd

Einsatz in Bienenbüttel: Experten entnehmen Proben auf dem Gelände des Gärtnerhofs


Hamburg - Die Ehec-Seuche beschäftigt Deutschland seit mehr als einem Monat - und noch immer ist die Infektionsquelle nicht gefunden. Die Folgen hingegen sind dramatisch: Behördenwarnungen haben zu Millioneneinbußen bei Landwirten geführt, weil die Verbraucher Gemüse gemieden haben.

Jetzt hat die EU Hilfe angekündigt: Mit bis zu 150 Millionen Euro will sie notleidende Bauern unterstützen. Gleichzeitig kritisiert das EU-Parlament das deutsche Krisenmanagement zur Ehec-Epidemie scharf. Aber auch die EU selbst hat nach Ansicht zahlreicher Volksvertreter zu langsam reagiert und sollte Lehren aus der Krise ziehen.

Was in Deutschland fehlt, ist aus Sicht vieler EU-Parlamentarier eine klare Kompetenzaufteilung zwischen Bund und Ländern. In den USA gebe es eine zentrale Seuchenbekämpfungsbehörde in Atlanta (CDC), sagte die Fraktionschefin der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms. In Europa hingegen seien weder Deutschland noch die EU auf die Ehec-Krise vorbereitet. "Bei zwei Bundesministerien und Länderministerien gibt es Kommunikationsprobleme, und es fehlt eine echte Kompetenz für Entscheidungen."

Ängste bei Verbrauchern geschürt

Der Vorsitzende des Bundestag-Verbraucherausschusses, Hans-Michael Goldmann (FDP), regte jetzt an, die beteiligten Bundesbehörden zu fusionieren. Das Robert Koch-Institut (RKI), das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) müssten zu einem Institut zusammengelegt werden, das die "Gesundheit der Menschen in besonderer Weise im Blick hat", sagte Goldmann am Dienstag im SWR. Die derzeitige Vielfalt an Behördenstrukturen sei zur Bewältigung einer derartigen Krise nicht geeignet. Das RKI ist dem Gesundheitsministerium unterstellt, das BfR dagegen dem Verbraucherschutzministerium.

Gesundheitskommissar John Dalli mahnte am Dienstag vor dem Europaparlament in Straßburg mehr Zurückhaltung an: Solange es keine wissenschaftlichen Belege gebe, sollten nationale Behörden keine möglichen Infektionsquellen angeben, sagte er. Der vor knapp zwei Wochen von deutschen Behörden geäußerte Verdacht, spanische Gurken seien die Infektionsquelle, habe sich nicht bestätigt. Dies gelte auch für Bohnensprossen. Diese vorschnellen Schlüsse hätten jedoch Ängste bei Verbrauchern geschürt, kritisierte Dalli. Die Folge seien schwere finanzielle Auswirkungen auf die Gemüsebranche.

Die SPD-Abgeordnete Dagmar Roth-Behrendt prangerte im Europaparlament ein "Kommunikationschaos" in Deutschland an. Ihr Fraktionskollege Jo Leinen fand es "inakzeptabel, dass man drei Wochen nach Ausbruch der Krise immer noch nicht weiß, woher der Erreger kommt".

Bisher kein Ehec-Befund in Sprossen

Die Suche nach der Infektionsquelle hat derweil wieder einen Rückschlag erlitten: Die von einem Hamburger Ehec-Patienten abgegebene Sprossenprobe des gesperrten Hofs in Niedersachsen weist keine Keime auf. Das sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Dienstag.

Der 42-jährige Hamburger hatte das Sprossengemüse im Kühlschrank vergessen. Die mehrere Wochen alte Packung mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum vom 23. April hätte den Behörden dabei helfen können, die Infektionsquelle zweifelsfrei nachzuweisen. Erste Laborproben von Sprossengemüse von dem betroffenen Hof im niedersächsischen Bienenbüttel waren am Montag ebenfalls negativ.

Vor allem aufgrund von Lieferwegen war der Gärtnerhof als Quelle für die Ehec-Epidemie in den Fokus gerückt. Das niedersächsische Verbraucherministerium berief sich bei seinem Ehec-Verdacht auf eine Indizienkette. Laut dem Ministerium erkrankte eine Frau in dem Betrieb an Ehec. Über Zwischenhändler wurden die Sprossen an ein Golfhotel im Kreis Lüneburg geliefert, wo mehrere Menschen erkrankten. Das Lübecker Restaurant, in dem sich mehrere Gäste mit Ehec-Keimen infiziert haben sollen, servierte demnach ebenfalls Sprossen aus dem Bienenbüttler Betrieb. Dasselbe gelte für drei Kantinen, ein Bochumer Hotel sowie ein Gasthaus im niedersächsischen Kreis Rotenburg.

Die Zahl der Ehec-Opfer ist unterdessen gestiegen: 22 Tote hat der aggressive Darmkeim nach Angaben des Robert Koch-Instituts mittlerweile in Deutschland gefordert. 15 davon sind demnach an den Folgen des HU-Syndroms gestorben. Bei sieben weiteren Ehec-Infizierten wurde diese schwere Komplikation nicht festgestellt. Die meisten Toten gibt es nach den Zahlen des Robert Koch-Instituts in Niedersachsen. Dort starben sechs Menschen. Fünf kamen in Schleswig-Holstein ums Leben, vier in Nordrhein-Westfalen.

Die Suche nach dem Erreger gestaltet sich nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums schwierig, da seit dem vermuteten ersten Bakterienbefall bereits mehrere Wochen vergangen sind. Die Behörden hatten deshalb Erwartungen gedämpft, dass bei den Tests Erreger gefunden werden könnten.

wbr/dpa/Reuters/AFP

Forum - Haben die deutschen Behörden im Kampf gegen Ehec versagt?
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bibernell 04.06.2011
1. Sehr auffällig..
finde ich, dass noch kaum ( erst jetzt, das Restaurant in Lübeck..) Berichte über Gruppenerkrankungen gab. Diverse Foristen, so auch ich, haben immer wieder die Frage gestellt, wieso gerade bei solchen Gruppenerkrankungen ( am selben Ort zu selben Zeit das Gleiche gefuttert und gleichzeitig erkrankt...) der Rückschluss auf die Quelle nicht gezogen werden kann. Mir selbst sind andere Gruppenerkrankungen bekannt, nicht nur die, aus der Kantine in Frankfurt, und nie wurde darüber berichtet. Also, nochmal : welchem Denkfehler unterliegt man mglw., wenn man meint, dass solche Gruppenerkrankungen ein deutlich einfacheres Verfolgen der Nahrungswege möglich machen, als das Verfolgen der Speisen von Einzelerkrankten ? Hä ?
heinrichp 05.06.2011
2. Allheilmittel
Zitat von sysopBei der Suche nach der Quelle der Ehec-Epedemie standen zunächst spanische Gurken im Verdacht, die Erreger zu verbreiten. Nun hat sich dies als falsch herausgestellt. Die Verbraucher sind zunehmend verunsichert und wollen wissen, was sie noch gefahrlos essen dürfen. Haben die deutschen Behörden im Kampf gegen Ehec versagt?
Jede Zeit hat ihre besondere Charakteristik. So werden wir im hoch technisierten und kapitalistischen Zeitalter immer mehr mit Krankheiten und Leiden konfrontiert, die für unsere Vorfahren noch undenkbar waren. Viele Erkrankungen lassen sich dabei auf eine unnatürliche Lebensweise, Umweltgifte, Luftverschmutzung, übermäßige Belastung im Beruf und auf den so genannten Freizeitstress zurückführen. Das Gleichgewicht des Menschen gerät in zunehmendem Maße aus den Fugen. Betrachten wir nur die stetig ansteigende Anzahl der Allergiker. Es gibt kaum noch einen Stoff, dem nicht eine allergische Wirkung nachzuweisen wäre. Angefangen vom harmlosen Blütenstaub, bis hin zu kosmetischen Präparaten oder gar Nahrungsmitteln. Wurden antibiotisch wirkende Medikamente vor nicht allzu langer Zeit noch als das Allheilmittel für infektiöse Erkrankungen angesehen, manifestiert sich jetzt mehr und mehr eine hartnäckige Resistenz der Bakterien gegenüber Antibiotika. Wir können die Vermehrung von Bakterien hemmen, letzten Endes züchten wir dadurch Antibiotika-resistente Organismen! Antibiotika-Resistanz durch Fleischkonsum - Massentierhaltung macht's! Was uns heute wirklich helfen würde wird ignoriert! http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/
W. Robert 05.06.2011
3. Gefährliches Spiel
Ganz offensichtlich sind derartige veränderte Bakterien gentechnisch sehr einfach herzustellen, angeblich experimentieren in Frankreich Gymnasiasten speziell mit derartigen Aufgabestellungen aus einem "Bio-Baukasten". Überall gibt es militärische Labore, die speziell zur biologischen Kriegsführung und deren Abwehr unterhalten werden. Man muss sich klar sein, dass diese biologischen Kampfstoffe speziell zum Töten von Menschen entwickelt werden und das Fatale ist, dass mit fortschreitender "Globalisierung" nicht nur jeder Kampfstoff von jedem besseren Studenten hergestellt werden kann und dass sich derartige "Seuchen" auch sofort global ausbreiten, wie man an den Neuinfektionen mit EHEC in den USA schon sieht. Jedenfalls gibt es enorm viele Ungereimtheiten in diesem Fall, angeblich wurde die Quelle der Konterminierung noch nicht gefunden, was höchst seltsam erscheint. Zudem steht jetzt praktisch die gesamte Nahrung unter Generalverdacht und immer neue Theorien verbreiten sich in Windeseile. Zuerst sind es die spanischen Gurken, dann weiß man es wieder nicht so genau, dann gerät natürlich Bio-Kost unter Generalverdacht, andere halten die Gentechnik (wohl zurecht) für den Verursacher. Fakt ist, dass unsere Regierung und auch die Presse kaum noch Vertrauen genießt, zu oft wurde an den Fakten gedreht. Die WHO und die Pharmaindustrie sind nach dem "Schweinegrippe"-Skandal erst recht im Zwielicht. Keiner garantiert uns, dass derartige mutierte Bakterien nicht eines Tages die Menschheit ausrotten. Wir verhalten uns wie im Mittelalter mit unserer aggressiven Politik und vergessen, dass die modernen Waffen jederzeit das Ende der Gattung bewirken können und nicht wenigen Spinnern wäre eine drastische Bevölkerungsreduktion auf gewaltsame Weise ganz recht.
Montanaman 05.06.2011
4. Anders ist richtig
Zitat von heinrichpJede Zeit hat ihre besondere Charakteristik. So werden wir im hoch technisierten und kapitalistischen Zeitalter immer mehr mit Krankheiten und Leiden konfrontiert, die für unsere Vorfahren noch undenkbar waren. Viele Erkrankungen lassen sich dabei auf eine unnatürliche Lebensweise, Umweltgifte, Luftverschmutzung, übermäßige Belastung im Beruf und auf den so genannten Freizeitstress zurückführen. Das Gleichgewicht des Menschen gerät in zunehmendem Maße aus den Fugen. Betrachten wir nur die stetig ansteigende Anzahl der Allergiker. Es gibt kaum noch einen Stoff, dem nicht eine allergische Wirkung nachzuweisen wäre. Angefangen vom harmlosen Blütenstaub, bis hin zu kosmetischen Präparaten oder gar Nahrungsmitteln. Wurden antibiotisch wirkende Medikamente vor nicht allzu langer Zeit noch als das Allheilmittel für infektiöse Erkrankungen angesehen, manifestiert sich jetzt mehr und mehr eine hartnäckige Resistenz der Bakterien gegenüber Antibiotika. Wir können die Vermehrung von Bakterien hemmen, letzten Endes züchten wir dadurch Antibiotika-resistente Organismen! Antibiotika-Resistanz durch Fleischkonsum - Massentierhaltung macht's! Was uns heute wirklich helfen würde wird ignoriert! http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/
Auf so etwas muss man erst einmal kommen. Anders herum wird ein Schuh daraus: VOR dem "technisierten und kapitalistischen Zeitalter" haben die Menschen ungesund gelebt, waren sie doch schutzlos Seuchen wie Cholera ausgeliefert, die hunderttausende Menschenleben forderte: http://de.wikipedia.org/wiki/Cholera#Geschichte_der_Krankheitsausbr.C3.BCche Natürlich leben wir heute viel gesünder als die Menschen vor hundert Jahren - das kann man etwa an der rapide steigenden Lebenserwartung sehen.
dillerjohann 05.06.2011
5. Es gibt keine gefahrlose Welt.....
Diese Welt steht für den ständigen Wandel. So sind Epidemien, immer wieder aufgetreten weil Menschenmassen, zu dicht, zu eng, zu Unhygienisch, auf einander treffen.Veränderungen in den Klimatischen Bedingungen sind nicht zu Unterschätzen, dazu kommt der Raubbau, der seit Industrialisierung um sich greift.Bis jetzt sind alle Mutmaßungen, die EHEC betreffen, in Leere gelaufen.Massentierhaltung, Monokulturen,Chemie und Radioaktive Strahlung,Umweltverschmutzungen, in unermesslichen Ausmaß, führen zu negativen Ergebnissen, die unser Leben beeinflussen.Wir werden wieder umdenken müssen, um in einer Welt leben zu können, in der die Gefahren, besser ein zu schätzen sind,und mehr Natürlichkeit unser Leben bestimmt.Eine Welt ohne Gefahren wird es niemals geben, denn die größte Fehlerquelle ist der Mensch!
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