Ehec-Heilversuche: Volles Risiko gegen die Zellzerstörer

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Warum ist der grassierende Ehec-Keim so aggressiv? Die schlimmen Symptome einer Hus-Erkrankung haben Mediziner überrascht. An einigen Kliniken erproben Ärzte neue Therapien. Das ist riskant - doch oft die letzte Hoffnung für die Betroffenen.

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Hus-Patientin auf der Intensivstation: Ehec-Ausbruch hat Mediziner überrascht

Sprachstörungen, Epilepsien, Krampfanfälle: Der aggressive Ehec-Keim hatte viele Mediziner böse überrascht. Zwar sind sie vertraut mit den jährlichen Ehec-Ausbrüchen, die vor allem in den warmen Sommermonaten stattfinden, weil sich die Keime dann gut vermehren können. Diese Epidemie aber war anders.

Der Keim, das enterohämorrhagische Escherichia coli-Bakterium, Subtyp O104:H4, ist besonders aggressiv. "Wir beobachten unerwartete Krankheitsverläufe, die wir bisher nicht kannten", sagte Hendrik Lehnert, Direktor der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck.

Hunderte von Ehec-Patienten litten oder leiden immer noch an den Folgen des hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus). Auch dieses ist den Medizinern eigentlich bekannt. 2009 zählte das RKI 65 Hus-Fälle, zwei Jungen im Alter von fünf und sieben Jahren starben daran. Dieses Mal sind besonders häufig erwachsene Frauen vom Hus betroffen, auch das ist eine der Überraschungen für die Ärzte.

Die andere ist besonders besorgniserregend: An mehreren Kliniken berichten die Ärzte von schweren neurologischen Komplikationen, unter denen ungewöhnlich viele Hus-Patienten leiden. Sie sind verwirrt, finden nicht mehr die richtigen Worte. Einige erleiden epileptische Anfälle, haben zeitweise Lähmungen oder Krampfanfälle.

Ärzte der Universitätskliniken Greifswald und Bonn haben eine Theorie, die zumindest einen Teil dieser schweren Krankheitsverläufe erklären könnte. Demnach kann es im Lauf einer Ehec-Infektion passieren, dass der Körper Antikörper gegen eigene Gewebsstrukturen entwickelt. Diese sogenannten Autoantikörper könnten ebenso wie das Shigatoxin - das Gift, welches die Ehec-Bakterien produzieren - Schäden am Nervensystem verursachen. Zudem entdeckten die Mediziner in manchen Hus-Patienten Hinweise für einen gestörten Gerinnungsfaktor.

Warum bei bestimmten Ehec-Patienten das Immunsystem derartig fehlgeleitet ist, wissen die Ärzte aber nicht. Einerseits greifen die von den Ehec-Bakterien produzierten Giftstoffe Blutzellen an. Diese werden zerstört, Zellreste setzen sich in kleinen Blutgefäßen ab, so dass insbesondere die Nieren, aber auch das Hirn Schaden nehmen können. Andererseits, so die Theorie der Greifswalder Ärzte bewirkt der Autoantikörper, dass in den Zellen von Gehirn und Nebennieren ein für die Blutgerinnung verantwortliches Eiweiß, der sogenannte Von-Willebrand-Faktor, nicht wie im Normalfall in kleine Stücke zerlegt wird. Dieser sammelt sich daraufhin an und verstopft die Kapillaren, also die kleinsten Gefäße. Dies könnte zu den schwerwiegenden Krankheitsbildern führen.

Manche Heilversuche machen Hoffnung

Deshalb starteten die Mediziner in Greifswald und Bonn einen experimentellen Heilversuch: Vier der schwer erkrankten Hus-Patienten behandelten sie mit einer speziellen Blutwäsche, bei der die Autoantikörper aus dem Blut gefiltert werden. Nach der Behandlung verbesserten sich die Laborwerte innerhalb eines Tages. Auch der Zustand der Patienten stabilisierte sich.

Am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und einigen anderen Kliniken setzen Ärzte bei besonders schweren Hus-Fällen ebenfalls Hoffnungen auf eine experimentelle Therapie: Sie behandeln die Betroffenen mit einem Antikörper namens Eculizumab. Das Mittel ist seit 2007 zugelassen und wird in der Regel zur Behandlung einer seltenen Blutkrankheit sowie einer seltenen angeborenen Form des Hus eingesetzt. Nach ersten Einschätzungen der Ärzte scheint der Heilversuch erfolgreich zu verlaufen. Wie erfolgreich er tatsächlich ist, wird sich aber vermutlich erst in einigen Wochen zeigen.

Der Zustand mancher Erkrankter ist so schlecht, dass sie im Kampf um ihr Leben solchen Heilversuchen bedingungslos zustimmen. "Ich wäre wohl mit jeder Art von Behandlung einverstanden gewesen, wenn sich nur etwas gebessert hätte", erzählte eine 41-jährige Frau, die eine Woche lang mit heftigen Bauchkrämpfen und blutigem Durchfall in der Asklepios-Klinik Altona stationiert war. Dort hatte man ihr vorgeschlagen, sie mit einem Antibiotikum zu behandeln.

Antibiotika aber werden bei der Behandlung von Ehec-Infektionen für gewöhnlich gemieden, da sie die Produktion der gefährlichen Toxine verstärken können - und es so zu den gefährlichen Komplikationen kommen kann. Doch die Mediziner gehen davon aus, dass man diese vermeiden kann, wenn man mit der Antibiotika-Gabe rechtzeitig beginnt. Die Idee: Solange nur vergleichsweise wenige Keime im Körper sind, kann man sie durch ein Antibiotikum abtöten, bevor es zur vermehrten Toxin-Ausschüttung kommt.

Stephen Smith, Mikrobiologe am Trinity College in Dublin, sieht das ähnlich: Nicht alle Antibiotika hätten den gleichen Effekt und würden die Produktion der Shigatoxine beschleunigen. "Wir haben es mit einem neuen Stamm zu tun, deshalb brauchen wir möglicherweise auch neue Therapien." Das Problem: Bei dem aktuellen Ehec-Erreger handelt es sich um eine Kreuzung aus zwei verschiedenen E. coli-Stämmen, und dieser ist gegen eine Reihe von Antibiotika resistent.

Ehec - die wichtigsten Informationen im Überblick

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