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Ehec-Seuche: Experten warnen vor Rohkost

Von Cinthia Briseño

Fieberhaft fahnden Experten nach der Quelle der Ehec-Seuche, die derzeit in Deutschland grassiert. Im Verdacht steht ungewaschene Rohkost. Der potentiell lebensbedrohliche Erreger ist schon seit den achtziger Jahren bekannt - doch er gibt Forschern noch immer Rätsel auf.

Ehec-Bakterien: Nur wenige Mikroben reichen aus, um schwere Schäden anzurichten Zur Großansicht
HZI/ Manfred Rohde

Ehec-Bakterien: Nur wenige Mikroben reichen aus, um schwere Schäden anzurichten

Berlin - Es begann mit blutigem Stuhl in der Windel. Wenige Tage später schwollen Füße und Oberschenkel des Säuglings dick an. Besorgt ging die Mutter mit ihrem Baby zum Arzt, dieser schickte sie mit Verdacht auf Grippe wieder heim. Dann plötzlich kamen die Erstickungsanfälle. Das einjährige Kind landete in der Notaufnahme - und hatte Glück. Die Ärzte konnten das Baby dank einer Blutwäsche retten.

Mitte der neunziger Jahre mussten Mediziner in bayerischen Krankenhäusern häufiger Rettungsaktionen dieser Art durchführen. Die Diagnose war stets die gleiche: Ein bösartiger Keim hatte sich in den Kindern vermehrt. Bauchkrämpfe, Wasser in der Lunge, Nierenkollaps waren die Folgen. Für insgesamt sieben Kinder kam jede Hilfe zu spät, sie starben an den Folgen der heimtückischen Darminfektion.

Jetzt, etwa 15 Jahre später, versetzt die gleiche Mikrobe namens Ehec (kurz für enterohämorrhagische Escherichia coli) Forscher und Gesundheitsbehörden wieder in Alarmbereitschaft.

Patienten auf der Intensivstation

Das Bakterium, das fälschlicherweise oft für ein Virus gehalten wird, grassiert derzeit in Deutschland, die Zahl der lebensgefährlichen Darminfekte ist auffällig gestiegen: Bundesweit haben die Behörden insgesamt bereits mehr als 300 bestätigte Erkrankungen oder Verdachtsfälle registriert. In hessischen Krankenhäusern müssen derzeit 18 Menschen behandelt werden, acht in Darmstadt, zehn in Frankfurt. Zwei der Patienten sind in einem kritischen Zustand und müssen beatmet werden. Insgesamt liegen in Frankfurt vier Menschen auf der Intensivstation, im Saarland weitere zwei.

In Frankfurt hat das Gesundheitsamt inzwischen vorsorglich zwei Kantinen einer Unternehmensberatung geschlossen: Einige Patienten, die in der Stadt wegen des Ehec-Keims behandelt werden, arbeiten laut der Behörde bei dieser Beratung. Man wolle sichergehen, dass nicht Mitarbeiter des Küchenpersonals den Keim übertragen haben. Das Gesundheitsamt hat die Kantinen bereits am Freitag kontrolliert, diese aber in "einwandfreiem" Zustand vorgefunden. Die Kantinen dürften wieder öffnen, wenn die Stuhlproben aller Mitarbeiter analysiert seien - vermutlich Ende der Woche.

In Mecklenburg-Vorpommern ist bisher ein Ehec-Fall bestätigt worden, ebenso bei einem Patienten in Nordrhein-Westfalen. Hinzu kommen bundesweit weitere Verdachtsfälle, zum Teil mit schweren Verläufen. Bereits am Wochenende waren Erkrankungen aus Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holstein und Hamburg gemeldet worden. Allein in Hamburg werden am Montagmittag nach Angaben der Gesundheitsbehörde 40 Erkrankte in Kliniken behandelt; 53 sind es in Bremen. Noch ist unklar, wie viele von ihnen tatsächlich mit Ehec infiziert sind. Mehr als 160 Verdachtsfälle müssen bundesweit noch geprüft werden.

"Die Lage ist weiter ernst", sagte der Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde, Rico Schmidt. Man habe es mit einer ungewöhnlichen Ausbreitung des Bakteriums zu tun. Alle Menschen, die blutigen Durchfall haben, sollten schnellstmöglich zu einem Arzt gehen, lautet die Empfehlung der Behörden.

Woher kommen die Bakterien? In den neunziger Jahren vermuteten die Experten, dass die Epidemie aus bayerischen Viehställen stammen könnte. Zuvor hatten Veterinäre registriert, wie sich der Ehec-Erreger in den deutschen Ställen ausbreitete. Insbesondere der Kot der Tiere war kontaminiert. Bauernkinder, die mit Kuhmist in Berührung gekommen waren, gehörten seinerzeit zu den Betroffenen. Auch in den USA hatte die gefährliche Variante des ansonsten harmlosen Escherichia-coli-Bakteriums in den frühen achtziger Jahren für Schlagzeilen gesorgt - es war von "Big-Mac-Attack" die Rede, weil die Erreger unter anderem durch den Verzehr von zu kurz gegartem Fleisch übertragen wurden.

Besonders Frauen sind betroffen

Die aktuelle Infektionswelle aber scheint anders zu sein. Ungewöhnlich sei sie, lässt das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin wissen, weil in der Regel Kinder an der Ehec-Infektion erkrankten, dieses Mal aber vor allem Erwachsene und in erster Linie Frauen betroffen seien. Am Samstag hatten sich Vertreter des RKI mit Experten aus den betroffenen norddeutschen Ländern zu einem Krisentreffen in Hamburg zusammengesetzt.

"Aktuell kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Infektionsquelle noch aktiv ist", erklärte das RKI. In den vergangenen Jahren habe es noch nie so viele Fälle des sogenannten hämolytisch-urämischen Syndroms, kurz HUS, gegeben. Als HUS bezeichnen die Experten die Folgen, die durch Bakterienarten wie Ehec ausgelöst werden können und meistens mit blutigem Durchfall einhergehen.

Ungewöhnlich ist laut RKI auch, dass es bisher keinen Hinweis darauf gibt, dass rohes Fleisch oder Rohmilch die Ursache des Ausbruchs sind. Deshalb richten sich die Augen der Experten bei dieser Seuche auf Rohkost wie Salat oder Gemüse. Angesichts der Verbreitung der Erkrankungen liege es nahe, dass es sich um ein überregional vertriebenes Lebensmittel handele. "Das Lebensmittel muss sich irgendwo im Handel befinden", sagte der Präsident des niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, Matthias Pulz. Vorstellbar sei als Quelle Rohkost, die mit Gülle gedüngt worden sei.

Während die Gesundheitsbehörden nun also die Bevölkerung dazu aufrufen, Tomaten, Gurken, Karotten und alles andere roh verspeiste Grünzeug gründlich zu waschen, können sie eine bestimmte Gemüse-Art als Infektionsquelle noch nicht benennen. Doch die Gemüse-Theorie passt offenbar gut ins Bild, da vor allem Frauen bei der Zubereitung der Speisen mit dem Erreger in Kontakt kommen. Das könnte die ungewöhnlich hohe Anzahl erkrankter Frauen erklären.

Bis die Ursache endgültig ausfindig gemacht ist, gelten die bei Seuchen üblichen Vorkehrungsmaßnahmen: Rohkost vor dem Verzehr gründlich waschen, Lebensmittel wie Fleisch ausreichend erhitzen, um die Keime abzutöten, und gründlich Hände waschen.

Obgleich Ehec-Erreger seit den achtziger Jahren bekannt sind, zählt die WHO sie nach wie vor zu den gefährlichsten Keimen. Besonders gefährlich macht sie die Tatsache, dass nur wenige Mikroben ausreichen, um einen Organismus zu befallen und erkranken zu lassen. Der hochinfektiöse Erreger produziert ein Gift, das Darm- und Nervenzellen zerstört und die Innenwände der Blutgefäße in den Nieren schädigt. Unbehandelt oder zu spät erkannt, tötet das Bakterium die Mehrheit seiner Opfer durch Nierenversagen und Harnvergiftung. Etwa die Hälfte der Überlebenden erleidet schwere Nieren- und Nervenschäden.

Immer wieder sind Ehec-Keime in Deutschland aufgetreten. Seit Einführung der Meldepflicht 2001 hat das RKI bundesweit jährlich zwischen 800 und 1200 Erkrankungen registriert, die aber oft einen leichteren Verlauf nehmen.

Mit Material von dpa und AFP

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1. Bio-Lebensmittel...
chocochip, 23.05.2011
Zitat von sysopFieberhaft fahnden Experten nach der Quelle der Ehec-Seuche, die derzeit in Deutschland grassiert. Im Verdacht steht ungewaschene Rohkost. Der potentiell lebensbedrohliche Erreger ist schon seit den achtziger Jahren bekannt*- doch er gibt Forschern*noch immer Rätsel auf. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,764250,00.html
SPON eiert rum: "Vorstellbar sei als Quelle Rohkost, die mit Gülle gedüngt worden sei." Heißt also in besonderem Ausmaß also Lebensmittel aus BIO-Herstellung. Es ist ja auch bekannt, dass Bio-Eier höher bakteriell belastet sind, als Eier aus konventioneller Haltung.
2. Panikmache?
shaleya 23.05.2011
Wenn jährlich 800 - 1200 der Durchschnitt sind, sind dies um die 100 Erkrankungen pro Monat. Wenn ich mir den Krankheitsverlauf ansehe und die derzeit gemeldeten Patienten in unterschiedlichen Stadien sind, liegt das meiner Ansicht nach nicht wirklich über dem Durchschnitt. Die Art und Weise, wie das Heute von den Medien gepusht wird, finde ich daher ein wenig übertrieben.
3. Sprachverirrung
Ishibashi 23.05.2011
Zitat von sysopFieberhaft fahnden Experten nach der Quelle der Ehec-Seuche, die derzeit in Deutschland grassiert. Im Verdacht steht ungewaschene Rohkost. Der potentiell lebensbedrohliche Erreger ist schon seit den achtziger Jahren bekannt*- doch er gibt Forschern*noch immer Rätsel auf. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,764250,00.html
Warum können Mediziner nie auf deutsch sagen wir wissen es nicht. Immer verwenden sie dafür das Synonym "Hygiene" wenn sie keine Ahnung haben.
4. ..
assiwichtel 23.05.2011
Fleisch ist mein Gemüse!
5. tja....
peddersen 23.05.2011
...wenn der Mensch in der Lage wäre, Rohkost zu verdauen, wäre es ja Blödsinn gewesen, die energiefressende und zeitaufwendige Kocherei anzufangen.
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HZI/ Manfred Rohde
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