Emu-Öl: Wundermittel aus der Steinzeit

Von Kurt F. de Swaaf

Die Aborigines nutzen es seit Jahrtausenden - inzwischen wird Emu-Öl als Wundermittel gegen Allergien oder gar gegen Krebs angepriesen. Forscher versuchen zu ergründen, was dran ist am Vogelöl-Hype. Emu-Züchter verdienen schon jetzt.

Emu: Hype um Öl der zotteligen Laufvögel Zur Großansicht
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Emu: Hype um Öl der zotteligen Laufvögel

Deutlich mehr als ein Meter Schulterhöhe, bis zu 50 Kilogramm schwer: Dromaius novaehollandiae, besser bekannt als Emu, ist eine beeindruckende Erscheinung. Die zotteligen Laufvögel bewohnen den größten Teil Australiens. Sie fühlen sich vor allem in lichten Wäldern und Baumsteppen wohl, kommen aber auch in Gebirgslandschaften vor. Anpassungsfähige Tiere, die sich mit ihren kräftigen Schnäbeln und Krallen Respekt zu verschaffen wissen. "Es sind ziemlich fiese Biester, man möchte ihnen nicht zu nahe kommen", sagt Suzanne Abimosleh, Wissenschaftlerin an der University of Adelaide.

Abimoslehs Interesse gilt allerdings weniger dem Verhalten der Emus als vielmehr ihrer Physis, genauer gesagt: ihrem Fett. In der traditionellen Kultur der Aborigines, Australiens Ureinwohnern, spielt Öl aus Emu-Fettgewebe eine wichtige Rolle. "Unsere Vorfahren haben es seit Jahrtausenden genutzt", sagt Abimosleh - als Mittel zur Wundheilung, Schmerzlinderung und gegen Entzündungen, vor allem in den Gelenken.

Später schauten sich europäische Siedler die Methode von den Eingeborenen ab. Die Einwanderer fanden auch Gefallen an dem wohlschmeckenden Fleisch der Tiere. Die Jagd auf Emus wurde zwar 1999 weitgehend verboten, doch schon vorher hatten findige Farmer damit begonnen, die Riesenvögel zu züchten. Sie sind genügsam und pflanzen sich in Gefangenschaft leicht fort - ein prima Nutztier.

Auch das Emu-Öl liegt inzwischen im Trend. Als Nahrungsergänzungsmittel, alternativmedizinisches Präparat und sogar als Kosmetikprodukt ist es erhältlich, die australische Schauspielerin Cate Blanchett nutzt das Vogelfett angeblich als Geheimwaffe gegen Falten. Doch es gibt reichlich Anlass zur Skepsis. Die Werbung für Emu-Öl wird zum Teil von überbordenden Heilsversprechen begleitet. Vom erfolgreichen Einsatz gegen Allergien und Arterioskleros, ja sogar gegen Krebs ist die Rede, auch Alzheimer-Symptome soll das Wunderöl lindern. Die US-Zulassungsbehörde FDA warnt deshalb: Emu-Öl ist keine klinisch erprobte Substanz, eine medizinische Wirksamkeit wissenschaftlich nicht erwiesen.

Entzündungshemmende Wirkung

Das könnte sich allerdings bald ändern. Die ersten Studien über Emu-Öl erschienen Mitte der neunziger Jahre, und zuletzt ist die Frequenz der Veröffentlichungen deutlich gestiegen. Die Arbeitsgruppe des Medizinprofessors Gordon Howarth, zu der auch Abimosleh gehört, meldet einige Erfolge. In Tierversuchen etwa habe sich gezeigt, dass Emu-Öl die Folgen von Colitis ulcerosa, einer entzündlichen Darmerkrankung, lindern kann - zumindest bei Ratten. Eine vor wenigen Wochen publizierte Studie hat Hinweise auf eine ähnliche Wirkung gegen medikamentös verursachte Schäden im Dünndarm der Nager nachgewiesen. Bei Labormäusen ließen sich auch starke Hautreizungen mit dem Emu-Produkt behandeln. Anscheinend habe das Öl tatsächlich ein entzündungshemmendes Potential. Aber worauf basiert es?

Laut chemischen Analysen besteht Emu-Öl überwiegend aus langkettigen Fettsäuren wie Ölsäure (42 Prozent), Linoläure (21 Prozent) und Palmitinsäure (21 Prozent). Die Omega-3-Fettsäure Alpha-Linolensäure macht lediglich ein Prozent der Gesamtmasse aus. Ebenfalls enthalten sind geringe Mengen Carotinoide, Flavonoide, Polyphenole und weitere organische Substanzen. Eine ernährungsphysiologisch durchaus interessante Mischung - aber keine, die auf eine besondere Heilwirkung schließen lässt. Zumindest nicht auf den ersten Blick.

Die medizinisch relevanten Effekte gingen nicht von speziellen gesundheitsfördernden Fettsäuren aus, meint Abimosleh. "Wenn wir Emu-Öl mit seinem niedrigen Omega-3-Gehalt mit Fischöl vergleichen, dann sehen wir, dass Ersteres eine viel höhere entzündungshemmende Wirkung hat." Vielleicht komme es auf das Verhältnis zwischen langkettigen und kürzeren Aminosäuren und den Zusatzstoffen an, mutmaßt die Physiologin. "Es ist möglicherweise ein synergistischer Effekt, aber wir können noch nicht genau sagen, welcher." Denkbar sei auch die Anwesenheit von hochwirksamen biochemischen Verbindungen, die nur in äußerst geringen Konzentrationen vorliegen. Doch auch das ist noch reine Spekulation.

Medikamentenhersteller zeigen kaum Interesse

Die Zusammensetzung des Emu-Öls dürfte sich zudem mit der Ernährung der Vögel ändern. In der Natur fressen die Tiere vor allem Samen, Grünfutter und Insekten. Diese abwechslungsreiche Kost ist kaum vergleichbar mit dem, was in den Emu-Farmen auf dem Speiseplan steht. Dort wird hauptsächlich Getreide verfüttert, vermischt mit anderen Zutaten wie Sojaöl oder Rindertalg. Zurzeit untersuchen Abimosleh und ihre Kollegen die Wirksamkeit des Öls unterschiedlich ernährter Emus, um die entzündungshemmenden Eigenschaften zu enträtseln. Wäre das einmal geschafft, könnte man Emu-Öl-Präparate möglicherweise gezielt zur Behandlung entzündlicher Darmerkrankungen und einiger Nebenwirkungen von Chemotherapien einsetzen, meinen die Forscher.

Die pharmazeutische Industrie zeigt bislang allerdings wenig Interesse am Öl des Emus. Die Studien wurden zum Teil von der staatlichen australischen Rural Industries Research and Development Corporation gefördert. In den USA, wo die Emu-Zucht ebenfalls praktiziert wird, hat die American Emu Association einige Untersuchungen mitfinanziert. Für die oft um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfenden Farmer wäre ein medizinischer Beweis für die Wirksamkeit von Emu-Öl natürlich ein Segen. Doch die Züchter profitieren bereits jetzt vom zunehmenden Hype um das Vogelfett, wie die "New York Times" berichtete. Ein schlachtreifer Emu liefert bis zu sechs Liter Öl, der Marktwert beträgt über 1000 US-Dollar pro Liter. Mancher Erfolg braucht offenbar keine wissenschaftlichen Belege.

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