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Entscheidung des Bundesgerichtshofs: Ärzte loben Embryo-Grundsatzurteil

Der Bundesgerichtshof hat Gentests an Embryonen erlaubt - der Behindertenbeauftragte der Regierung und Kirchenvertreter sehen damit den Weg zu "Designerbabys" weit offen. Die Bundesärztekammer widerspricht dieser Einschätzung vehement.

Streit um Gentests: Grundsatzurteil schafft Rechtssicherheit Fotos
DPA

Berlin - Vorläufig ist er also zu Ende, der Streit um die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID): Ärzte dürfen die außerhalb des Mutterleibs befruchteten Eizellen ihrer Patientinnen auf genetische Schäden untersuchen, bevor diese der Frau wieder eingepflanzt werden. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) in Leipzig einem Grundsatzurteil entschieden. Der Vorsitzende des zuständigen BGH-Senats, Clemens Basdorf, sagte, die Untersuchung sei erlaubt, wenn es um die Erkennung schwerer Erbkrankheiten gehe und nicht "um die Geburt eines Wunschkindes".

Mit dem Urteil setzte das Gericht Grenzen für die genetische Untersuchung an Embryonen und verwies darauf, dass eine Selektion der Eizellen nach Augen- oder Haarfarbe und Geschlecht weiterhin strafbar sei. Die Reaktionen auf den Richterspruch im Verfahren um einen Berliner Gynäkologen gehen trotzdem weit auseinander.

Die Bundesärztekammer lobte, der BGH habe Rechtssicherheit geschaffen. Gleichzeitig hätten die Richter hervorgehoben, dass die PID nur bei entsprechend schwerwiegender Indikation zur Anwendung kommen dürfe. Der Gesetzgeber sei nun aufgefordert, dass Embryonenschutzgesetz entsprechend nachzubessern. Der BGH hat eine geschlechtsspezifische Auswahl wie auch eine unbegrenzte Selektion von Embryonen strikt untersagt. "Damit hat der BGH eindeutig klargestellt, dass die PID keinesfalls als Methode zur Erzeugung von sogenannten Designerbabys erlaubt ist", erklärte der Chef der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe.

Massive Kritik am Urteil gab es hingegen vom Behindertenbeauftragten der Bundesregierung. Hubert Hüppe kritisierte, mit dieser Entscheidung sei die Tür zu "Designerkindern" und damit zum Aussortieren menschlichen Lebens weit geöffnet. "Das bedeutet letztendlich, dass Menschen mit Behinderungen schon vor ihrer Geburt aussortiert werden", erklärte Hüppe.

Auch der Chef des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, kritisierte den Richterspruch mit scharfen Worten. Das Urteil sei "ein schwerer Schlag gegen den Schutz und die Würde menschlichen Lebens". Es sei zwar selbstverständlich, dass Eltern sich ein gesundes Kind wünschten, so Glück. Die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens verbiete aber jede Selektion von Embryonen. Auch ein genetischer Defekt sei hierzu keine Rechtfertigung. Die PID sei keine Methode zur Feststellung oder Behandlung von Krankheiten, sondern ausschließlich zur Selektion. Auch Glück forderte die Politik auf, das Embryonenschutzgesetz zu präzisieren.

Diese Forderung wird auch von den Grünen geteilt. Das Urteil zeige, dass es an der Zeit sei, alle Ansätze der Reproduktionsmedizin in einem Fortpflanzungsmedizingesetz zu regeln, erklärten die Sprecherinnen für Biotechnologie und Gesundheitspolitik, Priska Hinz und Birgitt Bender: "Zu prüfen ist, ob die PID vom Gesetzgeber klar verboten werden soll oder ob sie auf klar begrenze Ausnahmefällen eingegrenzt werden kann."

"Ziemlich problematische Entwicklungen"

Bereits vor der Urteilsverkündung hatte auch der ehemalige Thüringer Landesbischof Christoph Kähler, er ist Mitglied des Deutschen Ethikrats, schwerwiegende Bedenken gegen die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik angemeldet. Die BGH-Entscheidung werde "eine große Diskussion" auslösen, sagte er MDR Info. Bereits die bisher praktizierte Pränataldiagnostik, also Untersuchungen des ungeborenen Kindes im Mutterleib, zeige "ziemlich problematische Entwicklungen". Wird bei einer solchen Untersuchung ein genetischer Defekt am Embryo festgestellt, kann die Schwangerschaft unter bestimmten Umständen abgebrochen werden.

Der Vorsitzende der Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, Jan-Steffen Krüssel, befürchtet keinen Dammbruch durch eine Legalisierung der PID. Krüssel sagte, er verstehe, dass es Vorbehalte gebe. Es gehe aber nicht darum, "Wertungen aufzustellen oder zwischen lebenswertem und unwertem Leben zu unterscheiden". Stattdessen sollten "ganz konkrete genetische Störungen", untersucht werden. Die Anzahl der Betroffenen bezifferte der Mediziner auf etwa 150 bis 200 Paare im Jahr.

chs/ddp/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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1. Für einen titelfreies SpOn-Forum.
Rainer Helmbrecht 07.07.2010
Zitat von sysopDer Bundesgerichtshof hat Gentests an Embryonen erlaubt - der Behindertenbeauftragte der Regierung und Kirchenvertreter sehen damit den Weg zu "Designerbabys" weit offen. Die Bundesärztekammer widerspricht dieser Einschätzung vehement. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,705057,00.html
Ich finde, dass man natürlich alle Möglichkeiten für ein Gesundes Kind nutzen sollte, schließlich machen wir heute auch Vorsorgeuntersuchungen für Mutter und Kind. Diese Untersuchungen begannen mal mit Blutdruckmessen und Aufklärung über mögliche Vorsorge, heute gibt es Ganze Pläne, welche Untersuchungen man in welchem Alter der Kinder machen sollte, bzw. muss. Wir kennen allein 3 Kinder unterschiedlichen Alters, deren Seenerv eingeschlafen ist. Das Auge kann man nicht mehr reaktivieren, hätte man darauf geachtet, hätte man das dem Kind erspart. Wenn man nun, Embryonen einzeln erzeugt, warum sollte man sie nicht untersuchen. Der Vorwurf, dass wir Gott, oder sonstwem ins Handwerk pfuschen, ist doch lächerlich. Was passiert denn, wenn sich wer die Nase richten lässt, oder den Busen operieren. Das sind halt Entwicklungen, die man heute technisch im Griff hat. Keiner muss sie machen, aber wer davon einen Vorteil hat, wird es begrüßen. Wer richtig Geld hat, lässt es halt im Ausland machen, was macht man dann mit den Kindern, wenn es hinterher raus kommt? Abtreiben? Eine Behinderung als Gottesurteil zu akzeptieren bedeutet, seine Ansichten auf dem Rücken von Unschuldigen auszutragen. MfG. Rainer
2. Präimplantationsdiagnostik
Antje Technau, 07.07.2010
Zitat von sysopDer Bundesgerichtshof hat Gentests an Embryonen erlaubt - der Behindertenbeauftragte der Regierung und Kirchenvertreter sehen damit den Weg zu "Designerbabys" weit offen. Die Bundesärztekammer widerspricht dieser Einschätzung vehement. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,705057,00.html
ein gutes Urteil! Schliesslich zwingt man im anderen Fall Frauen mit Kinderwunsch, sich befruchtete Eizellen "blind" einpflanzen zu lassen. Und wenn diese sich dann eingenistet haben - etwas, das bei einer künstlichen Befruchtung nicht selbstverständlich ist - dann steht sie erst nach einer pränatalen Untersuchung vor dem Problem, ob sie die Schwangerschaft, bei der schwerste Behinderungen fiagnostiziert wurden, abtreiben lassen soll oder austragen soll. so ein Unsinn. Auswählen kann man unter den befruchteten Einzellen nur das, was vorhanden ist. Ein braunäugiges, schwarzhaariges Elternpaar wird nie ein blondes, blauäugiges Kind bekommen. Es sei denn, sie adoptierten eines. zu Recht. Die Leute lesen zu viele Science Fiction-Romane. Ausserdem hat jedes Kind ein Recht darauf, gesund zur Welt zu kommen. Und nicht schon von Anfang an sein Leben buchstäblich mit Behinderungen beginnen zu müssen.
3. Genau
THM, 07.07.2010
Zitat von sysopDer Bundesgerichtshof hat Gentests an Embryonen erlaubt - der Behindertenbeauftragte der Regierung und Kirchenvertreter sehen damit den Weg zu "Designerbabys" weit offen. Die Bundesärztekammer widerspricht dieser Einschätzung vehement. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,705057,00.html
diese Diskussion war zu erwarten. Den Standpunkt der Kirchenvertreter kann ich aus ihrer Lehre heraus nachvollziehen. Den Standpunkt des Behindertenbeauftragten halte ich, gelinde gesagt, für eine freche Unterstellung und seine Ausführungen für Rabulistik. Als Behinderter (bin ich das eigentlich auch als mittelstark Kurzsichtiger?) würde ich mich dagegen verwehren, mit einem Zellhaufen ohne Bewußtsein und Persönlichkeit gleich gesetzt zu werden. Behinderungen sind weder verdammenswert, noch machen sie einen Menschen weniger menschlich oder wertvoll, aber sind Behinderungen etwas Erstrebenswertes?? Ich würde gerne auf meine Brille verzichten und konnte in dieser "Behinderung" noch nie einen Vorteil erkennen.
4. Das ganze Urteil ist sinnlos, wenn
ReneMeinhardt, 07.07.2010
man beim natürlichen bleiben würde. Wenn ein Paar auf biologischen Weg keine Kinder zeugen kann, dann kann es das eben nicht. Und dann wird es biologisch wohl seinen sinn haben. Meine Güte! Immer dieses Reingefusche der Ärzte.
5. Zurück zur Natur!
webuser_2347678 07.07.2010
Endlich hat ein Deutsches Gericht entschieden das die PID nicht verboten ist, schon melden sich Moral und Ethik Apostel aus der Kirche und von sonstwo und sprechen über Aussonderung und Selektion. Wer sich mal richtig mit dem Thema befassen wird und erkennt, was die PID und Gendiagnostik überhaupt in der Lage ist zu diagnostizieren, wird schnell erkennen, das die PID und die Gendiagnistik auch in 1000 Jahren nicht in der Lage sein wird "Designer Babys" zu produzieren. Eine Ausnahme ist sicherlich die Frage ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, das ist sicher problematisch. Aber dafür muss es Lösungen geben, welche nicht zum Totalverbot von Fortschritt und Wissenschaft führen. Es geht darum Leid zu verhindern wenn Frauen immer und immer wieder eine Totgeburt riskieren, weil Sie oder Ihr Partner einen Gendefekt haben. Die Moral Apostel welche über die schreckliche Zukunft der Welt phantasieren, wenn alle nur noch blauäugige Babys mit blonden Haaren zur Welt bringen, sollten sich mal damit befassen was es überhaupt für eine Belastung für die Frau ist eine PID durchführen zu lassen. Keine Frau der Welt, welche die Möglichkeit hat auf natürlichem Weg schwanger zu werden und ein gesundes Kind zur Welt zu bringen, wird sich freiwillig dieser Prozedur unterziehen. Die Kirche hat auch mal Menschen verbrannt weil diese gesagt haben die Erde ist keine Scheibe und steht nicht im Mittelpunkt der Welt. Aber vielleicht sollten wir wieder zurück in's Mittelalter oder gleich auf die Bäume, die Moderne Welt ist ja ach so schrecklich! Ich hoffe das sich die Vernunft durchsetzt.
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Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
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Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.

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