Entscheidung über PID: Bundestag erlaubt Gentests bei Embryos

Es war ein emotionales Ringen um eine heikle ethische Frage: Nun hat der Bundestag ein Gesetz zur umstrittenen Präimplantationsdiagnostik verabschiedet. Künftig dürfen Eltern bei künstlichen Befruchtungen die Embryonen auf Gendefekte testen lassen - in gewissen Grenzen.

Ethische Debatte: Sollen Gentests an Embryonen aus dem Reagenzglas erlaubt werden? Zur Großansicht
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Ethische Debatte: Sollen Gentests an Embryonen aus dem Reagenzglas erlaubt werden?

Berlin - Jenseits aller Parteigrenzen und frei von Fraktionszwang haben die Abgeordneten im Bundestag am Donnerstag um eine Entscheidung über die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) gerungen. Jetzt ist eine Entscheidung gefallen: Die Parlamentarier stimmten für die begrenzte Zulassung der PID. Der entsprechende Gesetzentwurf erhielt die erforderliche Mehrheit. Künftig dürfen Paare die Methode nutzen, wenn aufgrund ihrer genetischen Veranlagung eine schwerwiegende Erbkrankheit beim Kind oder eine Tot- oder Fehlgeburt wahrscheinlich ist.

Während der Debatte waren die Gefühle stellenweise hochgekocht. Mit tränenerstickter Stimme warb etwa der Linken-Abgeordnete Steffen Bockhahn für die Zulassung von Gentests an Embryonen. Er selbst sei "der glücklichste Vater der Welt", sagte er im Plenum. Dieses Glück, "das ich jetzt mit meiner Frau teilen kann", sollten auch andere haben können, auch wenn sie wegen Erbkrankheiten zweifeln, ob sie ein Kind bekommen sollen. Auch andere Redner führten ihre persönliche Lebenssituation und ihre Kinder ins Feld.

Diese drei Anträge lagen dem Bundestag zur Abstimmung vor:

  • Antrag pro PID: Die begrenzte Zulassung von Gentests an künstlich erzeugten Embryonen soll Paaren, die eine Veranlagung für eine schwere Erbkrankheit haben, die Chance auf ein gesundes Kind ermöglichen. PID soll deshalb im Grundsatz verboten, aber in Ausnahmefällen zulässig sein - etwa wenn die Eltern die Veranlagung für ein schweres vererbbares Leiden haben oder eine Tot- oder Fehlgeburt droht. Eine vorherige Beratung ist Pflicht, eine Ethikkommission muss zustimmen. PID darf nur an Zentren mit Lizenz vorgenommen werden. Für diese Position stehen FDP-Fraktionsvize Ulrike Flach, Wirtschaftsstaatssekretär Peter Hintze (CDU), die SPD-Expertin Carola Reimann, Linken-Fraktionsvize Petra Sitte und der Grünen-Rechtspolitiker Jerzy Montag.
  • Striktes gesetzliches Verbot: Die Gegner warnen vor einer Zukunft mit "Designer-Kindern". Die künstliche Befruchtung bekäme nach ihrer Meinung durch PID eine neue Dimension. Nicht nur über Krankheiten, sondern auch andere Merkmale wie das Geschlecht könne durch die Tests zuvor aufgeklärt werden. Die Forschung würde versuchen, Nutzen aus Embryonen zu ziehen, die zu "Abfallprodukten" würden. Dabei hätten Embryonen von Anfang an Menschenwürde, auch wenn sie im Reagenzglas erzeugt würden. Zu den Gegnern zählen Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU), sein Vize Johannes Singhammer (CSU), Grünen-Gesundheitsexpertin Birgitt Bender, SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, Pascal Kober (FDP), Kathrin Vogler (Linke) - und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).
  • Kompromissentwurf pro PID mit Ausnahmen: Auch nach diesem Gesetzentwurf soll PID grundsätzlich verboten werden, Ausnahmen sind erlaubt, die Kriterien werden jedoch noch strenger gefasst: Die PID soll nur für Paare zugelassen werden, die eine genetische Veranlagung dafür haben, "dass Schwangerschaften in der Regel mit einer Fehl- oder Totgeburt oder dem sehr frühen Tod des Kindes innerhalb des ersten Lebensjahres enden". Auch hier wird Beratung sowie die Zustimmung einer Ethikkommission vorgeschrieben. Unterstützt wird der Antrag von den Abgeordneten René Röspel (SPD), Priska Hinz (Grüne), Patrick Meinhardt (FDP) sowie Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).

Auf den Gesetzentwurf pro PID der FDP-Abgeordneten Ulrike Flach und anderer entfielen 326 Stimmen. Der Entwurf für ein Verbot erhielt 260 Stimmen. Acht Abgeordnete enthielten sich. Ein Kompromissentwurf war mit 58 Stimmen in zweiter Lesung gescheitert.

Bei der PID werden Embryonen aus künstlicher Befruchtung in einem sehr frühen Stadium auf Erbkrankheiten oder Behinderungen untersucht. Bereits heute sind solche Tests an Embryonen aus dem Reagenzglas vor dem Einpflanzen in den Mutterleib erlaubt. Der Streit über die gesetzliche Regelung entzündete sich vor allem daran, was geschieht, wenn bei Embryonen Behinderungen und Erbkrankheiten festgestellt werden. Die PID macht es möglich, solche Embryonen zu "verwerfen" - also nicht einzupflanzen.

Obwohl es bisher keine umfassenden Regeln gab, galt die Methode lange als verboten. Geändert hat dies ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom Juli 2010. Die Richter sprachen einen Arzt frei, der die PID bei Embryonen dreier Paare in den Jahren 2005 bis 2006 angewandt hatte. In Abstimmung mit den Frauen ließ er die Embryonen mit einem Gendefekt absterben. Mit einer Selbstanzeige gab er den Anstoß für die höchstrichterliche Klärung.

Nach der faktischen Legalisierung der PID durch die Richter hielten viele Politiker eine gesetzliche Regelung für nötig. Dem Bundestag lagen dazu am Donnerstag zur Beschlussfassung drei fraktionsübergreifende Vorschläge vor - von der eng begrenzten Zulassung bis zu einem generellen Verbot.

"Ein totes Kind ist eine Lebenskatastrophe, die niemals heilt"

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cib/dpa/dapd

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insgesamt 204 Beiträge
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1. Höchste Zeit
makutsov 07.07.2011
Da es hier wirklich um die Verhinderung von Leid geht, ist das wirklich an der Zeit gewesen. Danke für diese sinnvolle Entscheidung.
2. Eine Entscheidung der Vernunft und Menschlichkeit
wanderprediger 07.07.2011
Zitat von sysopEs war ein emotionales Ringen um eine heikle ethische Frage:*Nun hat der Bundestag ein Gesetz zur umstrittenen Präimplantationsdiagnostik verabschiedet - mit größerer Mehrheit als erwartet. Künftig dürfen Eltern, die künstlich befruchten, die Embryonen auf Gendefekte testen lassen - in gewissen Grenzen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,772905,00.html
Ein guter Tag. Selten erleben wir im Bundestag vernünftige und menschliche Entscheidungen. HOFFNUNG FÜR SO VIELE
3. Sehr schön!
jujo 07.07.2011
na endlich ist eine weitere Bastion der vorgeblichen Christen zerbröselt. Die Oberpfaffen werden Gift und Galle spucken.
4. blub
faramund 07.07.2011
schön zu sehen das sich hin und wieder dann doch die vernunft durchsetzt -.-
5. Ein guter Tag für die Rechte der Bürger!
simonlange 07.07.2011
Zitat von sysopEs war ein emotionales Ringen um eine heikle ethische Frage:*Nun hat der Bundestag ein Gesetz zur umstrittenen Präimplantationsdiagnostik verabschiedet - mit größerer Mehrheit als erwartet. Künftig dürfen Eltern, die künstlich befruchten, die Embryonen auf Gendefekte testen lassen - in gewissen Grenzen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,772905,00.html
Ein guter Tag für die Bürgerrechte. Insbesondere von Behinderten, Menschen mit Gendefekten, etcpp. Diese haben endlich ein Instrument ihre Familie sicher planen zu können. Ein schlechter Tag für die alle Menschen beherrschen wollenden Gutmenschen. Diese Volks-Erzieher, welche dem Souverän gerne die Selbstbestimmung und damit auch die Souveränität des Handelns abnehmen wollen. Simon PS: GdB 100%, H, RF, B, G - nur für den Fall das hier jemand meint ich wäre ja nicht betroffen. Ach und die Selektion/Nazi-Keule dürfen sich die "Kritiker" gerne in ihr Rektum stecken. Danke!
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"Ein totes Kind ist eine Lebenskatastrophe, die niemals heilt"

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Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
DPA
Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.
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