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Giftmüll-Skandal: Envio-Prozess wird doch nicht ausgesetzt

Welchen Schaden verursacht das Umweltgift PCB? Im Prozess um den Gift-Skandal bei der früheren Dortmunder Entsorgungsfirma Envio verzweifeln Anwälte und Gutachter an dieser Frage. Erst sollte das Verfahren ausgesetzt werden - jetzt geht es doch weiter.

Entsorger Envio im Dortmunder Hafen (Archivbild): "Gutachten bringt nichts" Zur Großansicht
dapd

Entsorger Envio im Dortmunder Hafen (Archivbild): "Gutachten bringt nichts"

Dortmund - Damit hatte tatsächlich niemand mehr gerechnet: Bislang war der Prozess um den PCB-Skandal bei der Entsorgungsfirma Envio eine zähe Veranstaltung, wochenlang wurden Urkunden verlesen. Weil das entscheidende Gutachten eines Arbeitsmediziners drohte, jahrelange Folgeuntersuchungen nach sich zu ziehen, hatte der Vorsitzende Richter Mitte Setptember erklärt, das Verfahren aussetzen zu wollen. Was im Klartext heißt: Der Prozess wird abgebrochen und erst nach Jahren wieder aufgenommen.

Doch am Dienstag kam es ganz anders, wie der Sprecher des Landgerichts Dortmund bestätigt. Der Prozess wird nicht ausgesetzt, stattdessen hat die Staatsanwaltschaft beantragt, noch einmal weitere Gutachter zu hören. Die Sachverständigen sollen beurteilen, ob es zu der vom Gericht anvisierten Reihenuntersuchung der 51 Kläger kommen soll.

"Es könnte also passieren, dass die Kammer entscheidet, dass ein Gutachten nichts bringt." Eigentlich sollte mit dieser Analyse geklärt werden, ob es einen Zusammenhang zwischen den aktuellen Erkrankungen der früheren Envio-Mitarbeitern und einer erhöhten PCB-Belastung an ihrer damaligen Arbeitsstätte gibt.

Auf der Anklagebank des Landgerichts in Dortmund sitzen vier Manager von inzwischen insolventen Envio-Tochterfirmen, unter ihnen der ehemalige Geschäftsführer Dirk Neupert. Aus Gewinnsucht sollen er und seine Mitarbeiter auf grundlegende Vorsichtsmaßnahmen bei der Beseitigung hochgiftiger Chemikalien verzichtet haben. Zahlreiche Mitarbeiter sollen schwerste Vergiftungen erlitten haben. Die Verteidigung hatte den Anklagevorwurf der Körperverletzung bereits zum Verfahrensauftakt zurückgewiesen.

Andere Ursache für die Vergiftung ausgeschlossen

Strittig sind die gemessenen PCB-Werte von insgesamt 51 Betroffenen. Es handelt sich um frühere Mitarbeiter, Leiharbeiter und Angestellte von Subunternehmen, die nach dem Gutachten des Arbeitsmediziners gegenüber der Allgemeinbevölkerung überdurchschnittlich stark belastet sind. Eine andere Ursache als die Arbeit bei Envio könne für diese erhöhten Werte nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft ausgeschlossen werden.

Laut Verteigung stimmt dies nicht, da in der Expertise unterschiedliche PCB-Varianten zum Vergleich genutzt wurden. Auch sei bei 23 der insgesamt 51 als geschädigt benannten Personen, der "Referenzwert für die Allgemeinbevölkerung" nicht erreicht.

Tatort des PCB-Skandals war das Gelände der Entsorgungsfirma Envio im Dortmunder Hafen, dem größten Kanalhafen Europas. Dort ließ das Unternehmen Transformatoren und Kondensatoren von dem gefährlichen PCB befreien. Über viele Jahre hinweg verdiente die Firma mit der Entsorgung der Bauteile aus deutschen Umspannwerken gutes Geld.

Die Mitarbeiter des Entsorgers zerlegten am Dortmunder Hafen ausgemusterte Bauteile, in denen PCB als Isolieröl und als Kühlflüssigkeit diente - für gerade mal 7,50 Euro die Stunde. Vorschriften des Arbeitsschutzes sollen dabei grob missachtet worden. Den Leihkräften in der Belegschaft stellte das Unternehmen nicht mal Monteuranzüge - die Arbeiter brachten ihre Kleidung nach Hause und kontaminierten so auch ihre Familien mit PCB.

Dass die Staatsanwaltschaft erwägt, den Prozess ohne das Gutachten zur Gesundheitsschädigung fortzusetzen, nannte der Anwalt eines Nebenklägers am Dienstag eine "Kehrtwende um 180 Grad", die Ankläger aber erklärten, man müsse in einem solchen Fall nuneinmal alle Seiten beleuchten.

Am 17. Oktober soll es nun in Dortmund weiter gehen - mit neuen Gutachtern.

nik

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PCB - eine hochgiftige Chemikalie
Was ist PCB?
Polychlorierte Biphenyle (PCB) sind hochgiftige Chemikalien. die Flüssigkeit ist von gelblicher Farber, in reiner Form ist es fast geruchlose. Polychlorierte Biphenyle sind thermisch und chemisch stabil, schwer entflammbar, elektrisch nicht leitend und superhydrophob. Sie haben eine relativ hohe Dichte von 1,4 g/ml. PCB wurde bis in die 1980er Jahre als Isolierflüssigkeit in Transformatoren verwendet, seit 1989 ist es in Deutschland verboten. Bei der Entsorgung von PCB gelten besondere Vorsichtsregeln. PCB kann zu Erkrankungen des Immun-, Nerven- und Hormonsystems führen, ebenso zu Unfruchtbarkeit, Leberschäden, Hautveränderungen.
PCB - das Verbot
In Deutschland ist die Produktion von PCB bereits seit 1983 verboten. 1989 trat eine zusätzliche Verordnung in Kraft, die das Inverkehrbringen und Verwenden von Stoffen, Zubereitungen und Erzeugnissen mit PCB-Gehalten von mehr als 50mg/kg untersagt. 2004 wurde es mit der Stockholmer Konvention endgültig weltweit verboten. Bis zum 31. Dezember 2010 mussten alle PCB und PCB-haltigen Geräte beseitigt sein - die Geschäftsgrundlage von Envio, die sich mit der Entsorgung des Gefahrstoffs und der mit dem Stoff kontaminierten Gerätschaften befasste.
PCB - Datengrundlage im Envio-Prozess
Laut des Gutachten des beautragten Experten liegen im aktuellen Prozess gegen die früheren Mitarbeiter der Envio Daten von insgesamt 713 Menschen vor. Die Messungen der Konzentration von PCB im Blut wurde seitens der Staatsanwaltschaft Dortmund beim Gesundheitsamt Dortmund und dem Betriebsarztzentrum sichergestellt. Die Konzentrationsangaben beziehen sich auf sechs von insgesamt über 209 existierenden PCB-Varianten, Kongenere genannt. Erfasst wurden demnach PCB 28, PCB 52, PCB 101, PCB 138, PCB 153, PCB 180 und deren Summe sowie auf fünf der sogenannten dioxinähnlichen PCB-Kongenere.
PCB-Werte der Envio-Mitarbeiter
Bei 310 der untersuchten 713 Menschen, die bei Envio gearbeitet haben oder mit einem Mitarbeiter im Kontakt standen, lag mindestens eines der gemessenen Kongenere zum Zeitpunkt der Blutentnahme über die zulässigen Referenzwert - schreibt der Sachverständige der Staatsanwaltschaft in seinem ersten großen Gutachten.

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