Ersatzgewebe aus eigenen Zellen Forscher züchten funktionstüchtige Harnröhren

Erfolg für die regenerative Medizin: Aus den körpereigenen Zellen von fünf Jungen haben Wissenschaftler Harnröhren gezüchtet - die sie schließlich den Patienten eingepflanzt haben. Auch nach sechs Jahren arbeitet das Gewebe tadellos.

Zellkultur: Im Labor gewachsene Zellen dienen als Basis für Gewebeersatz
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Zellkultur: Im Labor gewachsene Zellen dienen als Basis für Gewebeersatz


London - Ein Ärzteteam aus Mexiko und den USA hat einen Erfolg mit künstlich hergestellten Harnröhren aus körpereigenen Zellen erzielt. Die Mediziner hatten vor mittlerweile vier bis sechs Jahren fünf Jungen im Alter von 10 bis 14 Jahren die Ersatzorgane eingesetzt. Die behandelten Kinder haben sie in der Folge immer wieder untersucht. Ergebnis: Die neuen Harnröhren sind immer noch voll funktionstüchtig - ihre Gewebestruktur und ihre Funktion gleichen nahezu vollständig denen des natürlichen Organs.

Damit könnte sich diese Behandlungsmethode als gute Alternative zu herkömmlichen Verfahren anbieten, die eine hohe Fehlerrate haben, schreibt die Gruppe um Atlantida Raya-Rivera von der Wake Forest University in Winston-Salem im Fachmagazin "Lancet".

Schäden an der Harnröhre können durch Unfälle, Krankheiten oder Gendefekte entstehen. Sind nur kleine Abschnitte betroffen, können diese leicht durch eine Operation repariert werden. Schäden über größere Strecken erfordern eine Gewebetransplantation. Das Gewebe wird normalerweise aus der Haut oder der Mundschleimhaut entnommen.

"Diese Transplantate können Ausfallraten von mehr als 50 Prozent haben", erläutert Raya-Rivera. "Zudem verengen sie sich häufig, was zu Infektionen, Schwierigkeiten beim Harnlassen, Schmerzen und Blutungen führen kann." Da die Wissenschaftler bereits zuvor aus körpereigenem Gewebe gewachsene Harnblasen erfolgreich bei Kindern implantiert hatten, hofften sie nun, dass sich dieses Verfahren auch auf die Harnröhre übertragen lässt.

Zellen wachsen in Harnröhrenform

Fünf Jungen wurden für die Behandlung ausgewählt. Drei der jungen Patienten hatten durch ein Hüfttrauma große Verletzungen an der Harnröhre erlitten, zwei Patienten hatten bereits gescheiterte Operationen an der Harnröhre hinter sich.

In einem ersten Schritt entnahmen die Ärzte den Jungen bei einer Blasenbiopsie eine kleine Gewebeprobe. Daraus isolierten sie Muskelzellen und sogenannte Epithelzellen - eine Zellart, die innere und äußere Körperoberflächen bedeckt und zum Beispiel in der Haut und in Schleimhäuten vorkommt. Diese Zellen ließen die Forscher über drei bis sechs Wochen im Labor wachsen und setzten sie danach auf ein dreidimensionales Gerüst, das wie eine Harnröhre geformt war.

Dabei platzierten sie die Muskelzellen auf der Außenseite und die Epithelzellen auf der Innenseite - ganz so, wie es bei natürlichen Harnröhren der Fall ist. Die Gerüste selbst waren biologisch abbaubar und individuell geformt: Sie entsprachen den beschädigten Abschnitten der Harnröhre jedes Patienten. Nach sieben Tagen waren die Harnröhrengerüste mit den Zellen überwachsen, und die Ärzte ersetzten in einer Operation den beschädigten Teil der alten Harnröhre durch die individuell geformte, neue Harnröhre.

Wiederholte umfangreiche Untersuchungen über die kommenden Jahre zeigten, dass die neuen Harnröhren in Gewebe und Funktion normalen Harnröhren praktisch vollständig entsprachen. Damit könnte sich diese neue Behandlungsmethode als gute Alternative zu herkömmlichen Verfahren anbieten, die eine hohe Fehlerrate haben, schließen die Forscher. Es seien jedoch weitere, größer angelegte Studien nötig. Da sich die Harnröhren von Kindern und Erwachsenen unterscheiden, könnten die Ergebnisse auch nicht eins zu eins auf Erwachsene übertragen werden.

boj/dapd

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insgesamt 1 Beitrag
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mitbürger 08.03.2011
1. Forschung, die auch Nutzen bringt.
Das ist doch mal gute Forschung! Warum wird so was nicht in Deutschland gemacht? Ethische Bedenken?
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