Erstaunliches Nagetier: Warum Nacktmulle keinen Krebs bekommen

Schön sind sie nicht, aber ihre inneren Werte überzeugen: Nacktmulle werden älter als jedes andere Nagetier und bekommen trotzdem keinen Krebs. Wissenschaftler haben nun eine mögliche Erklärung gefunden: Die Zellen der Nager sind doppelt geschützt.

Nacktmull: Hässlich, gesund und langlebig Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Nacktmull: Hässlich, gesund und langlebig

Nacktmulle sind in vielerlei Hinsicht sonderbare Tiere. Äußerlich sind sie eine eher unansehnliche Erscheinung, für manche zählen sie zu den hässlichsten Tieren der Welt (siehe Video). Und auch ihr Sozialleben ist unter den Säugetieren einmalig: Die kleinen Nagetiere leben organisiert wie in einem Bienenstaat.

Doch nicht nur Verhaltensbiologen und Zoologen faszinieren diese seltsamen Nager, auch Krebsforscher haben auf die Nacktmulle nun ein Auge geworfen, denn sie haben noch eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie werden steinalt und bekommen keinen Krebs. Mehr als 28 Jahre alt kann ein Nacktmull werden. Für ein mausgroßes, nur 35 Gramm schweres Nagetier ist das absoluter Rekord. Zum Vergleich: Mäuse werden gerade einmal vier Jahre alt. Ein Grund für diese Methusalem-Eigenschaft, so vermuten Wissenschaftler, könnte sein, dass Nacktmulle nie an Krebs erkranken. Ganz im Gegensatz zum Menschen, bei dem Krebs nach Angaben der WHO für 13 Prozent aller Todesfälle verantwortlich und ist damit eine der Haupttodesursachen weltweit. Und auch bei anderen Nagetieren ist Krebs verbreitet, bei manchen Mäusestämmen gibt es Krebs-Todesraten von bis zu 90 Prozent.

Wissenschaftler um Vera Gorbunova von der University of Rochester (US-Bundesstaat New York) haben nun untersucht, warum Nacktmulle vom Krebs verschont bleiben. Im Fachmagazin " Proceedings of the National Academy of Sciences" beschreiben sie verschiedene Experimente an Nacktmull-Zellen, die eine mögliche Erklärung dafür liefern.

Nacktmull-Zellen wachsen nicht so dicht wie die von Mäusen und Menschen

Die Forscher fanden heraus, dass Nacktmulle einen speziellen Mechanismus besitzen, der übermäßiges Wachstum von Zellen unterdrückt: die sogenannte Kontaktinhibition. Sie stoppt ab einer gewissen Dichte die Vermehrung von Zellen. Ausgelöst wird sie durch den Kontakt der Zellen untereinander. Der Sinn der Kontaktinhibition: Sie verhindert, dass in Geweben und Organen Zellen unkontrolliert wuchern. Bei Krebs ist diese Kontaktinhibition außer Kraft gesetzt, daher wachsen Tumore unkontrolliert und breiten sich im Körper aus.

Zwar besitzen auch Mäuse und Menschen Kontaktinhibition, doch Gorbunova und ihre Kollegen fanden heraus heraus, dass Nacktmull-Zellen eine ganz besonders sensible Kontaktinhibition besitzen.

Das konnten die Forscher mit bloßem Auge sehen: Wenn sie Hautzellen von Mäusen oder Menschen in einer Kulturschale züchten wollten, vermehrten diese sich so lange, bis sie den Boden der Kulturschale mit einer dicht gepackten einzelligen Schicht bedeckten. Dann stoppten die Zellen ihre Vermehrung - bedingt durch Kontaktinhibition.

Mit Hautzellen von Nacktmullen lief es anders. Jedesmal, wenn die Forscher diese Zellen züchten wollten, stoppten diese ihre Vermehrung schon beim allerersten Zell-Zell-Kontakt. Die Dichte der Nacktmull-Zellen in der Kulturschale war etwa dreimal geringer als die von Mauszellen, fanden Gorbunova und ihre Kollegen heraus. Das war die erste wichtige Erkenntnis der Forscher: Nacktmull-Zellen besitzen eine sehr früh einsetzende Kontaktinhibition.

Doch worin unterschied sie sich von der in Maus- und Menschenzellen?

Die Forscher wussten aus früheren Studien, dass die Kontaktinhibition bei Maus und Mensch über einen speziellen biochemischen Signalweg in der Zelle zum Wachsstumsstopp führt: Proteine in der Zellmembran lösen diese Signalkette aus, die über das Protein p27 im Inneren der Zelle weiterläuft. Aus früheren Untersuchungen ist bereits bekannt, dass p27 auch eine Rolle bei Krebs spielt. Eine niedrige p27-Aktivität steht in Zusammenhang mit einer geringen Überlebensrate.

Nacktmull-Zellen sind doppelt geschützt

Die Forscher untersuchten nun die bis zur Kontaktinhibition ausgewachsenen Kulturen von Nacktmull-, Maus- und Menschenzellen hinsichtlich des p27-Proteins. Bei letzteren beiden fanden sie hohe Werte des Proteins, bei den Nacktmull-Zellen dagegen nicht.

Dann untersuchten die Forscher ein weiteres Protein - p16 - das ebenfalls Kontaktinhibition vermittelt, aber über eine andere Signalkette. Hier waren die Ergebnisse nun genau umgekehrt: In den Nacktmullzellen war p16 erhöht, bei Mensch und Maus nicht. War also der Weg über p16 ein früher einsetzender Schutzmechanismus in den Nacktmull-Zellen. Greift er bevor es zur Aktivierung von p27 kommt?

Eine dritte Untersuchung lieferte das fehlende Puzzleteil: Gorbunova und ihre Kollegen besaßen noch eine spezielle Nacktmull-Zelllinie, die die frühe Kontaktinhibition durch eine Mutation verloren hatte. Diese Zellen wuchsen genauso dicht wie Maus- und Menschenzellen. Als die Forscher diese Zellen auf p16 und p27 untersuchten, fanden sie genauso hohe p27-Werte wie bei den Maus- und Menschenzellen.

Die Forscher schließen daraus, dass Nacktmulle zwei Kontaktinhibitions-Mechanismen besitzen: Einen frühen, der über das p16-Protein führt, den Menschen und Mäuse nicht haben und der für Nacktmulle besonders ist. Wenn er außer Kraft gesetzt wird, tritt bei den Nacktmullzellen der zusätzliche reguläre Inhibitionsweg über p27-Protein in Aktion. Die Forscher spekulieren, dass es womöglich dieser doppelte Schutz ist, der die Nacktmulle vor Krebs bewahrt.

lub

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Tja...
Turikan 30.10.2009
...man kann wohl nicht alles haben. Entweder schön und/oder jung sterben oder steinalt in Höhlen werden. ;-)
2. Nacktmulle
dasky 30.10.2009
Die Hoffnung, sie (http://admin.goettinger-tageblatt.de/storage/pic/artikel/zentral/haz/archiv/2008/archiv_2008/fotostreckezuangelamerkelinfestkleidung/224198_1_merkel1.jpg) beizeiten loszuwerden, schwindet. (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,658116,00.html)
3. .
Poisen82 30.10.2009
Juhu, vom Nacktmull lernen heißt siegen lernen. Ich sehe schon eine Gesellschaft in der jeder 200 Jahre wird und an jeder Ecke ein Schönheitschirurg wartet weil alle so potten hässlich sind.
4.
Oma Peters 30.10.2009
Zitat von daskyDie Hoffnung, sie (http://admin.goettinger-tageblatt.de/storage/pic/artikel/zentral/haz/archiv/2008/archiv_2008/fotostreckezuangelamerkelinfestkleidung/224198_1_merkel1.jpg) beizeiten loszuwerden, schwindet. (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,658116,00.html)
Das sind aber zwei sehr übergewichtige Nacktmulle. Oder sind's nur Überhangmandate?
5. Schöne neue Welt
astrobyte 30.10.2009
Jetzt müssen wir die Nacktmull-Gene nur noch in Tabakpflanzen einbringen - und schon haben wir die krebsbekämpfende Zigarette, auf der dann steht: Vorsicht, von dieser Zigarette können Sie 200 Jahre alt werden!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Medizin
RSS
alles zum Thema Krebs
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
Fotostrecke
Nacktmulle: Absamen mit Elektro-Ejakulation