Erste Hilfe bei Hunden Immer an die Maulschlinge denken

Bisswunden, Vergiftungen, Autounfälle: Wenn Hunde medizinisch versorgt werden müssen, wissen ihre Besitzer oft nicht weiter. Beim Erste-Hilfe-Kurs werden ihre Fragen beantwortet.

Steve Przybilla

Von Steve Przybilla


Flaffy hat es erwischt. Mit Maulschlinge und verbundener Pfote liegt die Hündin starr auf dem Boden. Was ihr passiert ist, weiß niemand. Nur dass ihr schnell jemand helfen muss. Und dass dabei nichts schiefgehen kann. Denn Flaffy ist aus Plastik: eine braune Puppe, an der Herrchen und Frauchen lebensrettende Sofortmaßnahmen üben können.

Zehn Kursteilnehmer und fast ebenso viele Hunde haben sich in einem Vortragsraum in Freiburg versammelt. Ein Dackel, ein Labradorwelpe und mehrere Mischlinge beschnüffeln sich erst gegenseitig und dann Flaffy, die Hundepuppe. Kurze Zeit später dösen die Vierbeiner in einer schattigen Ecke. Herrchen und Frauchen lernen derweil, wie sie ihren Hunden im Notfall helfen können. "Erste Hilfe am Hund" heißt der Kurs, den die Johanniter bundesweit anbieten.

Die wichtigsten Utensilien

Carmen Santo, 24, tourt durch Baden-Württemberg, um Tierhalter für brenzlige Situationen zu sensibilisieren. "Was würdet ihr tun, wenn ihr seht, dass ein Hund angefahren wurde?", fragt Santo. Betretenes Schweigen. "Den Notruf wählen", sagt schließlich eine Teilnehmerin. "Dem Hund gut zureden", empfiehlt ein anderer. "Auf Verletzungen untersuchen", meint der Dritte.

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Kurs für Hundebesitzer: Flaffy braucht Hilfe

"Alles richtig", antwortet Santo. "Aber ihr habt das Wichtigste vergessen. Sammelt euch selbst, bevor ihr irgendwo hinrennt. Und sichert die Unfallstelle ab." Die Ausbilderin rät, immer ein Erste-Hilfe-Set für Hunde dabei zu haben. Die wichtigsten Utensilien: Einmalhandschuhe ("Passen in jede Leckerli-Tasche"), Dreiecktuch und "Life Key" - eine Plastiktüte mit Ventil, die das Beatmen eines Hundes erleichtert.


Sofort-Maßnahmen:

Bisswunde: Die Hunde trennen und anleinen. Beruhigend auf den Hund einreden. Bei stark blutenden Wunden einen Druckverband anlegen: Wunde mit sterilem Vlies abdecken, aufgerollte Mullbinde aufs Vlies drücken und diese mit einer weiteren Mullbinde fixieren. Wunden können mit Wasser ausgespült werden. Keine Salben oder Puder verwenden, weil dies dem Tierarzt später die Diagnose erschwert.

Bienenstich: Starke Schwellungen kühlen, zum Beispiel mit kaltem Wasser. Stiche im Rachen mit Eiswürfeln kühlen. Bei harmlosen Stichen (ohne große Schwellungen) hilft es, Zwiebelsaft auf die Einstichstelle zu träufeln.

Vergiftung: Viele für Menschen harmlose Lebensmittel - etwa Schokolade, Rosinen, Zwiebeln - sind für Hunde giftig. Manchmal fressen Hunde auch Rattengift. Als Gegenmaßnahme so schnell wie möglich Kohletabletten verabreichen. Die Ration variiert je nach Größe des Hundes; im Vorfeld mit dem Tierarzt absprechen. Danach schnell zum Tierarzt.

Ausführliche Anleitungen finden Sie hier.


Anhand von Flaffy demonstriert Santo, wie man eine Maulschlinge richtig anlegt. Die sei bei Erster Hilfe grundsätzlich ratsam, da auch der eigene Vierbeiner unter Schmerzen zuschnappen könne. "Knoten rein, unten rum, über Kreuz", erklärt die Helferin. "Wichtig ist, dass euer Hund das kennt, falls andere ihm einmal helfen müssen."

Danach wird an Flaffy geübt: zuerst der "Bodycheck" (Körper auf Verletzungen untersuchen), dann Reanimation und Mund-zu-Hund-Beatmung. Die stabile Seitenlage demonstriert Santo an Paula, ihrem eigenen Jack-Russel-Mischling.

"Können im Ernstfall Leben retten"

Ob Verletzungen, Vergiftungen oder Autounfälle: Während bei Menschen der Rettungsdienst anrückt, müssen die Tiere im Notfall auf Laien vertrauen - ihre Besitzer. Die finden Anleitungen oft nur in Büchern oder im Internet. Dementsprechend groß ist der Bedarf an Praxis. Die Kurse der Johanniter in Freiburg sind weit im Voraus ausgebucht.

Auch Tierärzte und Hundeschulen bieten hin und wieder Erste-Hilfe-Schulungen an. "Wir wissen nicht, wie häufig so etwas geschieht und wer genau die Kurse anbietet", sagt Astrid Behr, Sprecherin des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte. Deshalb sei es schwierig, etwas zur Qualität der Angebote zu sagen. Aber: "Grundsätzlich sind solche Kurse eine gute Sache. Sie können im Ernstfall Leben retten."

In Freiburg haben die Teilnehmer inzwischen gelernt, wie man den Puls misst, Schockzustände feststellt, Blutungen abbindet und Herzstillstände bekämpft. "Beim Chihuahua reichen dafür zwei Finger", erklärt Santo. "Bei größeren Hunden müsst ihr beide Hände einsetzen."

Bei der Beatmung wird es knifflig. "Wie überwindet man den Ekel-Faktor?", will jemand wissen. Santo muss nicht lange überlegen. "Für viele ist ihr Hund wie ein Baby", sagt die Ersthelferin. Ansonsten gebe es immer noch den "Life Key", die besagte Plastiktüte mit Ventil, die eine Beatmung ohne direkten Mund- beziehungsweise Maulkontakt ermöglicht.

Viele Hundehalter haben solche Tipps zuvor noch nie gehört. "Man fühlt sich einfach unsicher", meint Julia Zele, 30, das Frauchen von Carlos. "Er ist mein erster Hund, und da möchte ich gerne vorbereitet sein." Ihr Mann Sandor, 31, ergänzt: "Bei Hunden sollten wir uns gut auskennen. Sie können uns schließlich nicht sagen, wo's wehtut."

Und was tut man, wenn der Hund im Wald in eine Scherbe tritt und nicht mehr laufen kann? "Dann ziehe ich meine Hose aus und baue daraus eine Trage", meint eine Teilnehmerin. "Notfalls gehe ich eben im Slip, das ist mir egal." Carmen Santo hat eine andere Idee. "Nehmt euren Hund über die Schulter, wie einen Rucksack."



insgesamt 17 Beiträge
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trimalchio 07.08.2017
1. Wen muss ich retten?
Gestern Abend, auf dem Rasen vor dem Haus, brachte mein Kater eine im Garten gefangene Maus. Versuchte das schwer verletzte Tier zum Laufen zu bringen, in dem er sie anstieß, durch die Luft warf. Versuchte es damit hineinzubeißen, unter ihrem heftigen Schreien hörte man die Knochen brechen. Erstaunlicher Weise konnte sie immer noch robben. So ging das weiter, bis er ihr den Kopf abbiss und dem Leiden ein Ende machte. Meine Fragen: hätte ich die Maus retten müssen? Den Notruf wählen? Hätte ich die Maus töten dürfen (um das Leiden zu beenden), oder hätte ich die Maus vom Tierarzt einschläfern lassen müssen? Wenn es die Maus "nicht wert" wäre, dann ein vielleicht ein Hamster? Eine Katze? Oder erst ein Hund? Oder erst ein durch Familieneingliederung hinreichend vermenschlichter Hund?
trolland_dump 07.08.2017
2. @trimalchio
Haben Sie auch nur eine Sekunde an die Milben gedacht,die auf der Maus wohnen?
albus_severus 07.08.2017
3. Schlecht recherchiert
Ich finde es journalistisch fragwürdig, dass hier der Anschein erweckt wird, als hätte EINE Hilfsorganisation (hier die Johanniter) das Angebot "Erste Hilfe am Hund" erfunden. Bei uns bietet das der Arbeiter-Samariter-Bund schon lange an!
spontanistin 07.08.2017
4. Interessante Prioritäten!
Wie wäre es mal mit der Forderung nach artgerechter Tierhaltung - auch in den Städten? Es ist schon pervers wie Haustiere als Kinderersatz herhalten müssen.
mol1969 07.08.2017
5. Geistreiche Kommentare hier #1 und #2
Was wollen Sie damit suggerieren? Dass ein Erste-Hilfe-Kurs für Hunde übertrieben und Blödsinn ist? Hätten Sie tatsächlich einen Kater würden Sie diese Frage nicht stellen. Ich habe vor einiger Zeit einen Hund verloren, nicht durch einen Unfall, sondern einfach nur aufgrund seines Alters. Und glauben Sie mir: wenn Sie 10 oder 15 Jahre mit einem Haustier zusammenwaren, tut das fast genau so weh, wie der Verlust eines Menschen. Ich begrüße diese Kurse, denn im Ernstfall kommt kein Rettungswagen, sondern man kann dem Tier nur selber helfen und es dann so schnell wie möglich zum nächstgelegenen Tierarzt bringen. Würde in meiner Nähe ein Kurs angeboten, so würde ich teilnehmen. Und bevor jetzt der Aufschrei kommt: an einem "normalen" Erste-Hilfe-Kurs für Menschen habe ich erst vor gut einem Jahr teilgenommen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.
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