30. April 2013, 17:40 Uhr

Zukunft der genetischen Diagnostik

Ethikrat fordert mehr Patientenschutz

Von Nicola Kuhrt

Gentests werden immer billiger, schneller und leichter verfügbar. Jetzt fordert der Deutsche Ethikrat eine Stärkung der Patientenrechte. Ausgerechnet zum umstrittenen Bluttest zur Früherkennung des Down-Syndroms kamen die Experten allerdings zu keinem gemeinsamen Votum.

Berlin - Die Schwangerschaft war zwar nicht geplant, aber Yvonne Peters (42, Name von der Redaktion geändert) freut sich dennoch. Ein Funke Unsicherheit ist ihr allerdings geblieben. "Was passiert, wenn mein Kind behindert zur Welt kommt?", fragt sich die Bürokauffrau. Immerhin sei sie schon über 40 - und da steige das Risiko, dass das Kind etwa am Down-Syndrom leide. Sie will Gewissheit. Der neue PraenaTest, bei dem per Gendiagnostik der Fötus untersucht wird, schien ihr eine besonders gute Möglichkeit.

Die Einführung der neuen Analysemöglichkeit im vergangenen Sommer hatte in Deutschland heftige Diskussionen ausgelöst. Kritiker warnen seither vor einer Selektion von Föten und einer Diskriminierung behinderter Menschen. Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe, hatte ein PraenaTest-Verbot gefordert.

Am Dienstag stellte der Deutsche Ethikrat (DER) nun seine langerwartete Stellungnahme zur Zukunft der genetischen Diagnostik vor. Sie geht weit über Pränataltests hinaus - aber wer eindeutige Antworten auf drängende Fragen erhofft hatte, wurde enttäuscht. Die Mitglieder der Kommission selbst sind in ihrem Votum nicht immer einer Meinung. Angesichts des immer häufigeren Einsatzes von genetischer Diagnostik in der Medizin fordert der Rat vor allem eine Stärkung der Patientenrechte. Dazu seien auch verschiedene Gesetzesänderungen sinnvoll, sagte die Ethikrat-Vorsitzende Christiane Woopen. Die wichtigsten Empfehlungen des Gremiums:

Welche weitreichenden Konsequenzen genetische Befunde haben können, zeigen schon heute die vorgeburtlichen Analysen: Ihr Ergebnis kann über Leben und Tod eines Menschen entscheiden. Die Diskussion darüber wurde auch im Ethikrat nicht entschieden. Die Mehrheit der Mitglieder sprach sich für eine Beschränkung von Genchecks wie dem PraenaTest aus. Dieser soll nur vorgenommen werden dürfen, wenn es ein erhöhtes Risiko für eine genetische Störung gibt. Eltern, die sich für ein behindertes Kind entschieden, gebühre "hohe gesellschaftliche Wertschätzung". Bei Gentests innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen forderten die Experten ein über die Pflichtberatung vor einem Schwangerschaftsabbruch hinausgehendes Schutzkonzept.

In einem Sondervotum sprachen sich allerdings acht Mitglieder des Rats gegen diese Beschränkung aus. Aus ihrer Sicht sollten Embryos vielmehr auch auf Krankheiten untersucht werden können, die sich erst viel später im Leben zeigen. Schwangeren dürfe der Zugang zu genetischen Informationen über das Ungeborene nicht erschwert werden, erklärten die Experten.

Yvonne Peters hat sich derweil entschieden: Die werdende Mutter macht keinen Test. Sie sei schließlich gesund, und in ihrer Familie seien keine schlimmen Krankheiten bekannt, sagt sie. "Wird schon gutgehen."


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