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EuGH-Urteil zur Stammzellforschung: Stillstandort Europa

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Ethiker bejubeln das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das Patente auf embryonale Stammzellen verbietet: Mit menschlichem Leben soll man keinen Kommerz treiben. Doch für den Forschungsstandort Europa bedeutet der Richterspruch einen herben Rückschlag.

Verbot: Der EuGH untersagt Patente auf Stammzellforschung Zur Großansicht
dapd

Verbot: Der EuGH untersagt Patente auf Stammzellforschung

Luxemburg/Hamburg - Höchstrichterliche Urteile sind dafür gedacht, Klarheit zu schaffen. Am Dienstag tat der Europäische Gerichtshof (EuGH) dies in einer Sache, in welcher der Bundesgerichtshof im November 2009 kein Urteil wagen wollte: Der BGH hatte die Entscheidung darüber gescheut, ob und unter welchen Umständen Ergebnisse aus der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen (ES) patentierbar sein sollten oder nicht, und stattdessen den EuGH in Luxemburg angerufen.

Dessen Urteil kommt einem Veto gegen die ES-Forschung in Europa gleich. Gegner der Stammzellforschung werden das als Sieg der Ethik feiern, es auch als Watsche gegen den Kommerz in der Wissenschaft deuten. Forschungs-Befürworter werden die drohende Verschärfung des Brain Drain - die Abwanderung der besten Forscher ins außereuropäische Ausland - anmahnen und den Schaden für den Forschungsstandort Europa beklagen.

Greenpeace gegen Brüstle: Chronologie eines Grundsatzstreits
1997-1999: das Brüstle-Patent
1997 beantragt der in Bonn forschende und lehrende Neurobiologe Oliver Brüstle ein Patent auf ein Verfahren zur Gewinnung von Nerven-Vorläuferzellen aus embryonalen Stammzellen. Brüstle hofft, daraus Therapien entwickeln zu können, mit denen sich Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson bekämpfen lassen, aber auch Verletzungen des Nervensystems heilen lassen, wie sie etwa bei Querschnittslähmungen gegeben sind. 1999 wird ihm als erstem deutschen Forscher ein Patent auf ein auf Stammzellen beruhenes Verfahren zugesprochen.
2000-2006: Greenpeace klagt gegen das Patent
Die Umweltlobbygruppe Greenpeace klagt beim Bundespatentamt auf die Nichtigkeit von Brüstles Patent. Die Organisation will verhindern, dass "menschliches Leben kommerziell verwertet werden darf" (Greenpeace-Aktivist Christoph Then, 2006). Das Gericht fällt schließlich ein Urteil, das in den wesentlichen Teilen der Klage von Greenpeace folgt: Brüstles Patent, urteilt es im Dezember 2006, verstoße gegen das Emryonenschutzgesetz. Art der Verwendung und Gewinnung von Stammzellen aus menschlichen Embryos im Patent Brüstles erklärte es für nichtig. Brüstles Patent für die Arbeit mit nichtmenschlichen Stammzellen bleibe aber bestehen. Brüstle wendet sich daraufhin an den Bundesgerichtshof (BGH).
2007-2009: Der BGH will nicht entscheiden
Der Streit tritt in seine heiße Phase: Die Verhandlung vor dem BGH wird von großer medialer Aufmerksamkeit begleitet und induziert eine heftige gesellschaftliche Debatte. Befürworter streichen den Nutzen der Verfahren heraus, die Hoffnung, bisher unheilbare Krankheiten und Verletzungen heilen zu können. Für die Gegner geht es vor allem um die Würde des Menschen: Für sie ist schon die Blastozyste (Embryo im Stadium weniger Zellen) eine potentielle Person und darum schutzwürdig. Der BGH vertagt seine Entscheidung im November 2009, weil ein solches Urteil die Biopatentrichtlinie der EU berühren würde: Der BGH ruft daraufhin den Europäischen Gerichtshof zur vorhergehenden Klärung an.
2009-2011: Der EuGH sucht seine Richtung
Eine Häufung von Patentanträgen auf europäischer Ebene wird von einer ganzen Reihe entsprechender Klagen und Beschwerden auf EU-Ebene begleitet. Die Weitergabe der Greenpeace-Klage an den EuGH erweist sich als bisher folgenreichste: Der EuGh urteilte, dass es sich auch bei befruchteten Eizellen bereits um Embryonen handelt. Die Gewinnung von Stammzellen auf Kosten der Zerstörung eines potentiellen menschlichen Lebens verstoße gegen den Schutz der Menschenwürde.
Beides hat seine Berechtigung. Nicht von ungefähr begründeten die Luxemburger Richter ihr Urteil unter anderem damit, dass die Verwendung menschlicher Embryonen zur wissenschaftlichen Forschung "nicht von einer industriellen und kommerziellen Verwertung getrennt werden und dadurch dem Ausschluss von der Patentierung entgehen" könne. Klar ist all das eng miteinander verwoben: Forschung ist aufwendig und teuer und heute oft privat finanziert. Natürlich wollen die Investoren dann die kommerzielle Nutzung, ihr Investment soll sich ja auch lohnen. Wer finanziert schon eine Forschung, mit deren Resultaten dann andere ohne Aufwand Geld verdienen können, weil sich diese Resultate nicht schützen lassen?

Brain Drain: Auch Forscher wollen Geld verdienen

Für Forscher, die auf sogenannte Drittmittel angewiesen sind, werden sich die Arbeitsbedingungen in Europa folglich nicht gerade verbessern. Für Forscher, die neben der reinen Wissenschaft auch eigene finanzielle Interessen im Blick haben, gilt das in erhöhtem Maße. Nur, um das einmal klar zu sagen: Das ist auch bei Forschern nichts Verwerfliches. Wissenschaftler tragen keine Kutten oder Tonsuren und haben dem Geld nicht grundsätzlich abgeschworen, zum alleinigen Wohle der Menschheit. Man redet hier über Menschen mit langen Ausbildungs- und Qualifikationsphasen, in denen viele lange Zeit weit unterdurchschnittlich verdienen. Dass sich das Know-how dann irgendwann lohnen soll, ist absolut legitim.

Seit langem landen darum viele der fähigsten Köpfe in der Privatwirtschaft oder an privaten Forschungsinstituten, weil dort nicht nur bessere Arbeitsbedingungen geboten werden, sondern auch mehr Lohn. Oliver Brüstle, der nun sein Patent verlor, gehört noch nicht einmal zu diesen vermeintlich "Gierigen": Er forscht und lehrt an der Uni Bonn.

Dem ursprünglichen Kläger Greenpeace ging es darum, zu verhindern, dass auf Kosten menschlichen Lebens eine "Milliardenindustrie" geschaffen würde. Ein verständliches, integeres Anliegen - nur ist die Realität eben komplexer, als sie in solchen plakativen Äußerungen oft erscheint.

Auch die Milliarde ist an sich nichts Verwerfliches, grundsätzlich Böses - manchmal ermöglicht Eigennutz erst den Gemeinnutz. Der, argumentieren Patentkritiker, muss dann aber auch erschwinglich sein, und das sei nicht gegeben, wenn nur ein Einziger die Preise diktieren könne. Stimmt auch wieder: Natürlich ist es etwa ethisch verwerflich, dass sich Reiche Aids-Medikamente leisten können, Menschen in armen Ländern aber nicht. Nur: Ist es ethisch besser, dann durch die Verhinderung der Patentierbarkeit schon die Entwicklung zu verhindern?

Leben oder potentielles Leben?

Stellen wir uns einmal vor, es würde wirklich gelingen, Diabetes, Multiple Sklerose, Parkinson oder Querschnittslähmung irgendwann einmal unter Einsatz einer Therapie mit embryonalen Stammzellen zu heilen. Bis es soweit wäre, würden Tausende von Embryonen im Blastozysten-Stadium (in der Regel acht Zellen) geopfert, um Stammzellen zu gewinnen.

Es gibt zahlreiche, durchaus ethisch denkende Menschen, die hier abwägen und die das Interesse Hunderttausender realer, konkret leidender Menschen und Millionen künftiger Leidender über das von Zellen stellen würden, die man als potentielle Menschen sehen kann. Ist das unmoralisch?

Greenpeace hat das Urteil natürlich begrüßt. Inzwischen verfüge die Forschung ja über induzierte pluripotente Stammzellen (iPS), für deren Gewinnung kein potentielles Leben ausgelöscht werden müsse. Keine Frage, das ist besser - nur ist es bisher nicht wahr, dass sich mit iPS schon alles erreichen ließe, was man mit ES erreichen kann. Wahr ist dagegen, dass etwa in den USA die Patentierbarkeit von ES-Verfahren gegeben ist. Wohin werden potentielle Investoren ihre Gelder tragen, wohin wird es die Elite der Forscher ziehen?

"Es gibt nur einen, der ein Patent auf menschliches Leben hat", kommentierte Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der evangelischen Kirchen in Deutschland, das EuGH-Urteil: "Das ist Gott."

Von Glaubensfragen einmal abgesehen ist es tatsächlich nicht wünschenswert, den Menschen an sich oder Methoden zu seiner Therapie patentierbar zu machen. Aber wahrscheinlich ist es schlicht nötig, wenn man Therapien will.

Das EuGH-Urteil ermöglicht weiterhin Grundlagenforschung, wird eine Verfahrensentwicklung aber wohl be-, wenn nicht verhindern. Damit, sagte der Neurobiologe Oliver Brüstle in einer ersten Stellungnahme, sei Europa in diesem Forschungsfeld "abgemeldet". Die Einschätzung dürfte kaum übertrieben sein: Mit dem Urteil fallen wohl auch zahlreiche verwandte Patente in anderen EU-Ländern. Vor allem aber setze das Urteil ein Signal, glaubt Brüstle: "Was ihr macht, das ist nicht moralisch."

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1. ...
richie, 18.10.2011
Zitat von sysopEthiker bejubeln das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das*Patente auf embryonale Stammzellen verbietet: Mit menschlichem Leben soll man keinen*Kommerz*treiben.*Doch für*den Forschungsstandort Europa bedeutet der Richterspruch einen herben Rückschlag. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,792412,00.html
Mal wieder ein Artikel, der von Fehlinformationen nur so strotzt: Ach, Oliver Brüstle ist nicht zufällig auch Geschäftsführer und wissenschaftlicher Direktor der LIFE & BRAIN GmbH, (Quelle: http://lifeandbrain.com/) die 2005 völlig selbstlos und uneigennützig eine Genehmigung zur Gewinnung und Transplantation neuraler Vorläuferzellen aus humanen embryonalen Stammzellen. erhalten hat...(Quelle: http://www.rki.de/cln_006/nn_225238/DE/Content/Gesund/Stammzellen/Register/register__node.html__nnn=true) Erst mit Steuergeldern und öffentlichen Mitteln patentierbare Verfahren entwickeln und deren wirtschaftliche Nutzung dann auf ein eigenes privates Unternehmen übertragen, um den Gewinn alleine abzusahnen....und dabei immer noch weiter fleissig den Professorensold einstreichen - so läuft Forschung in Deutschland... Kosten sozialisieren und Gewinne privatisieren...
2. .
karsten112 18.10.2011
Zitat von sysopEthiker bejubeln das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das*Patente auf embryonale Stammzellen verbietet: Mit menschlichem Leben soll man keinen*Kommerz*treiben.*Doch für*den Forschungsstandort Europa bedeutet der Richterspruch einen herben Rückschlag. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,792412,00.html
Dann wird ebend nicht an embryonalen Stammzellen geforscht - fertig. Wie sind wir nur in den letzten 1000 Jahren ohne ausgekommen... ?
3. Verwunderlich
felisconcolor 18.10.2011
Forschung ist also doch nur en vogue wenn damit direkt Kohle generiert werden kann. Und wenn es keine Patente mehr gibt könnte es im Prinzip jeder machen. Und schon ist die Luft raus und keiner hat mehr Lust auf Forschen um des Forschens willen. Dann kann ich natürlich eine EU totreden. Wenn es da draussen aber noch wirkliche Forscher gibt, dann ist der "Verzicht" auf Patentierbarkeit ein Segen. Weil man sich nicht mehr in kindergartenähnlichen Prozessen verzettelt und Zeit und Geld verschwendet, welches wo anders viel besser aufgehoben wäre. Dann zählt wieder wer der Bessere ist. Und ich brauche mir keine Gedanken mehr darum machen, ob ich mich nicht präventiv patentieren lassen sollte. Sonst hätte ich irgendwann mal Lizenzgebühren für mich selbst zahlen müssen.
4. Kolossaler Denkfehler
Tschirio 18.10.2011
Die Schlussfolgerung, dass nun keine Forschung in Europa mehr stattfindet ist einfach nur an den Haaren herbeigezogen. 1) Auch ohne Patente lässt sich Geld verdienen. 2) Auch kleine Margen führen u.U. zu Gewinnen. 3) Andere Länder lassen Patentierungen durch aus zu. 4) Da man als Firma zwar Nachahmer fürchten muss, gleichzeitig aber auch von anderen profitiert kann sich das ausgleichen. Nochmal: Da heute die Arzneimittelindustrie mehr Geld für Kosmetik-Forschung oder Werbung ausgibt als für Antibiotika-Forschung, funktioniert das ganze System bereits heute auch nicht mit Patenten. Wenn man dann noch den Umgang und die Blockade bei den HIV Medikamenten in Afrika und Asien sieht, dann zeigt sich das die Industrie in keinster Weise verantwortlich mit ihrer Macht durch Patente umgeht. Das Wohl der Gesellschaft ist, zumindest partiell, für die Firmen uninteressant. Für mich wirkt der Artikel wie eine unkritische Lobeshymne auf das Patentsystem.
5. .
Narn 18.10.2011
"Mit menschlichem Leben soll man keinen Kommerz treiben." Ich lach mich tot: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,783036,00.html http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,779750,00.html http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,773665,00.html http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,772625,00.html http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,772250,00.html http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,759092,00.html
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Stammzellen - die Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
AFP
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese "germline derived pluripotent stem cells" (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens. In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.

Chronik der Stammzellforschung
1998 - Embryonale Stammzellen
Die internationale Stammzellforschung hat sich seit 1998 extrem rasch entwickelt. Der US-Forscher James Thomson gewann damals weltweit erstmals embryonale Stammzellen aus übriggebliebenen Embryonen von Fruchtbarkeitskliniken. Sie galten sofort als Hoffnungsträger, um Ersatzgewebe für Patienten mit Diabetes, Parkinson oder anderen Erkrankungen zu schaffen. Die Technik ist aber ethisch umstritten, da dafür Embryonen zerstört werden müssen. In Deutschland ist sie verboten. Seitdem suchen Forscher nach ethisch unbedenklichen Wegen.
2006 - Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Im August 2006 präsentieren die Japaner Kazutoshi Takahashi und Shinya Yamanaka eine erste Lösung. Sie versetzen Schwanzzellen von Mäusen mit Hilfe von vier Kontrollgenen in eine Art embryonalen Zustand zurück. Das Produkt nennen sie induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen). Der Nachteil: Die eingesetzten Gene können das Krebsrisiko bei einem späteren medizinischen Einsatz erhöhen.
2007 - Menschliche iPS-Zellen
Im Jahr 2007 gibt es entsprechende Erfolge mit menschlichen Hautzellen. Nach und nach können die Forscher auf ein Kontrollgen nach dem anderen verzichten, um die iPS-Zellen herzustellen.
Februar 2009 - Nur noch ein Reprogrammier-Gen
Im Februar 2009 präsentiert der Münsteraner Professor Hans Schöler iPS-Zellen von Mäusen, die er nur mit Hilfe eines Kontrollgens aus Nervenstammzellen gewonnen hatte.
März 2009 - Reprogrammier-Gene entfernt
Anfang März 2009 stellen zwei Forscherteams schließlich iPS-Zellen vor, die keinerlei Kontrollgene mehr im Erbgut enthalten. Sie hatten die Kontrollgene in das Erbgut von menschlichen Hautzellen eingefügt und nach der Arbeit wieder aus dem Erbgut herausgeschnitten.
März 2009 - Reprogrammier-Gene nicht im Erbgut
Ende März 2009 veröffentlicht der US-Forscher James Thomson eine Arbeit, bei der er die Kontrollgene nicht einmal mehr ins Erbgut der Zellen einschleusen muss. Er gab sie nur in einem Ring (Plasmid) in die Zelle und zog sie später wieder heraus.
April 2009 - Reprogrammierung von Mauszellen mit Proteinen
Ende April 2009 kommt ein US-amerikanisches Forscherteam um Sheng Ding mit Beteiligung von Hans Schöler ganz ohne Gene aus und nutzt nur noch Proteine, um die Hautzellen von Mäusen zu reprogrammieren. Damit ist das zusätzliche Krebsrisiko ausgeschlossen, das beim Einsatz von eingeschleusten Genen generell besteht.
Mai 2009 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit Proteinen
Einem südkoreanisch-US-amerikanischem Team um Robert Lanza gelingt die Reprogrammierung menschlicher Hautzellen nur durch Zugabe von Proteinen.
Oktober 2010 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit RNA-Schnipseln
Bostoner Forscher um Derrick Rossi probieren eine weitere Methode, um das Einschleusen von Fremd-DNA zu vermeiden: Das Team erzeugte künstliche Schnipsel aus sogenannter Messenger-RNA. Diese Moleküle entstehen in der Zelle während der Übersetzung des Gens in das Protein. Mit Hilfe dieser modifizierten RNA-Moleküle werden diejenigen Erbinformationen in die Zelle geschleust, die zur Herstellung der Reprogrammierproteine notwendig sind. Die RNA-Moleküle dringen nicht in den Zellkern und beschädigen somit nicht das darinliegende Erbgut, wie es etwa bei der Virenmethode der Fall ist. Zudem ist die Methide wesentlich effizienter und schneller als bisherige Verfahren zur Herstellung von iPS.
Januar 2010 - Direkte Umwandlung von Körperzellen
Warum den Umweg über Stammzellen gehen? Einem Forscherteam um Marius Wernig von der Stanford University School of Medicine gelang es, Hautzellen von Mäusen direkt in einen anderen Zelltyp zu verwandeln. Die Forscher schleusten drei Gene in die Zellen und verwandelten die Hautzellen in weniger als einer Woche in voll funktionstüchtige Nervenzellen.
Januar 2011 - Direkte Umwandlung ohne Umweg über Stammzellen
Einen Schritt weiter gehen Forscher vom Scipps Research Institute im kalifornischen La Jolla: Sie nehmen quasi eine Abkürzung. Anstatt die Körperzellen erst in pluripotente Stammzellen umzuprogrammieren, wandelten sie Hautzellen direkt in Herzzellen um. Das Verfahren könnte die Herstellung von Körper-Ersatzteilen extrem beschleunigen.
Februar 2011 - Forscher entdecken gefährliche Mutationen
Zwei große Forscherteams haben sich an die Arbeit gemacht und das Erbgut verschiedener iPS-Zelllinien untersucht. Dabei haben sie festgestellt, dass es bei der Herstellung von iPS-Zellen zu genetischen Veränderungen kommen kann, die sogar das Risiko für Krebs erhöhen könnten. Das wirft Zweifel an der Zuverlässigkeit und Praxistauglichkeit der neuen Technik auf, die als vielversprechend für die Zucht von körpereigenen Geweben für Transplantationen gilt. Die Forscher fordern daher jetzt die genaue genetische Untersuchung der vielseitigen Zellen, bevor erste Studien an Patienten beginnen.

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