Was genau im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi am Samstag passiert ist, lässt sich noch immer schwer ermessen. Bisher steht fest:
Über die genauen Belastungen für Menschen und Umwelt gibt es unterschiedliche Angaben. Die japanische Behörde für Atomsicherheit geht nach eigenen Angaben nicht davon aus, dass es schwere Schäden am Sicherheitsbehälter des Reaktors gegeben hat. Trotzdem scheint klar, dass es gesundheitliche Gefährdungen zumindest für die Menschen in der Nähe des Kraftwerks geben dürfte - und möglicherweise nicht nur dort. "Problematisch ist insbesondere die hohe Bevölkerungsdichte in Japan", sagt Henrik Paulitz von der atomkritischen Ärtzeorganisation IPPNW zu SPIEGEL ONLINE. "Das ist kein Vergleich mit Weißrussland nach Tschernobyl." Nach schlimmsten Befürchtungen könnten also Tausende, vielleicht Zehntausende Menschen betroffen sein.
Tatsächlich gibt es laut Paulitz gleich mehrere Arten der Gefahr. Aktuell gemessen wird demnach vor allem die Gammastrahlung, die von dem explodierten Reaktor ausgeht. Doch die Gefahr geht auch von den radioaktiven Substanzen aus, die freigesetzt wurden: "Diese Strahlenquellen können sich in sensibles Gewebe einlagern." Um das zu verhindern, raten die japanischen Behörden, Menschen in der Nähe des Reaktors sollten Mund und Nase bedecken.
Das sind die gefährlichen Substanzen:
Für Cäsium und Strontium gibt es dagegen keine Schutztabletten.
Die Moderatoren des japanischen Senders Broadcasting System Television (BST) treten nach dem Erdbeben mit Helm vor die Kamera, zum Schutz vor herabfallenden Trümmern. Derart ausgerüstet vermitteln sie den Menschen, was im Ernstfall zu tun ist: in den Häusern bleiben, Fenster schließen, Klimaanlagen abstellen. Im Freien solle man eine Maske tragen. Es gelte, Hautkontakt mit der Luft so weit wie möglich zu vermeiden. Wer draußen war, solle sofort duschen und seine Kleider ablegen.
Und wie groß ist die Gefahr für den Rest der Welt?
Vorerst scheint das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi mit seinen sechs Meilern vor allem ein japanisches Problem zu sein. Positiv ist, dass der Wind in der betroffenen Region zumindest am Samstag auf das Meer hinaus wehte - und damit potentiell gefährliche Teilchen mitnahm.
Im fernen Osten Russlands blieben die Menschen zunächst ruhig. "Es gibt keinen Grund zur Panik", sagte Russlands Chefmeteorologe Alexander Frolow.
Ob für Deutschland eine Gefahr besteht, lässt sich nicht mit abschließender Sicherheit sagen. Die Meinungen gehen auseinander. "Es besteht die Möglichkeit, dass sich das radioaktive Material über die gesamte nördliche Hemisphäre verbreitet", warnt Atomkritiker Paulitz. "Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es keine Auswirkungen auf Europa geben. Die Abstände sind einfach zu groß", sagt dagegen Christoph Pistner vom Darmstädter Öko-Institut. Auch Umweltminister Norbert Röttgen sieht die Lage weit weniger dramatisch: Eine Gefährdung für die Menschen in Deutschland kann nach seinen Worten "praktisch ausgeschlossen werden" - wegen der großen Entfernung des havarierten Meilers sowie der Wind- und Wetterlage. Röttgen schränkte aber ein, dass es sich um Entwicklungen handle, "bei der keine Konsequenz ausgeschlossen werden kann".
"Ich halte Röttgens Aussage für zynisch. Ich habe Gänsehaut bekommen", kritisiert Reinhold Thiel von IPPNW. Die Rhetorik erinnere ihn an die Lage nach Tschernobyl. Tatsächlich ist die Informationslage der Regierung alles andere als rosig. "Uns erreichen widersprüchliche Meldungen. Wir haben bisher kein klares Lagebild", gestand auch Außenminister Guido Westerwelle am Nachmittag ein. In weiten Teilen ist man auch in Berlin auf Medienberichte angewiesen. Der Deutsche Wetterdienst beobachtet außerdem die Wetterlage in der Region. Die Experten berechnen dann im Auftrag des Ministeriums sogenannte Trajektorien. Sie sollen vorhersagen, wohin strahlende Partikel in der Atmosphäre reisen könnten.
Wichtig dabei ist neben der Windrichtung auch, wie hoch die Teilchen vom Reaktor in die Atmosphäre gelangt sind. Beim Reaktorunglück von Tschernobyl gelangten die gefährlichen Substanzen angefacht von einem Brand der Steuerstäbe in besonders hohe Luftschichten. In Japan scheinen sie sich dagegen eher in Bodennähe zu bewegen, soweit sich das bisher sagen lässt.
Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sieht sich gut gewappnet, die Lage in Deutschland zu verfolgen. Man verfüge über ein Messnetz von 1800 Stationen, erklärt die Behörde. "Die Bürgerinnen und Bürger können online die Messwerte der einzelnen Messsonden abrufen", sagt BfS-Sprecher Florian Emrich SPIEGEL ONLINE.
Das Sondennetz werde ergänzt durch eine hochsensible Messstation auf dem Berg Schauinsland bei Freiburg. Sie wurde eigentlich für die Überwachung des internationalen Atomteststoppvertrags gebaut. Doch selbst wenn es radioaktive Partikel von Japan bis dorthin schaffen würden, dauert das längere Zeit. Derzeit seien keine erhöhten Werte zu erkennen, heißt es beim BfS.
Mit Material von dpa
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