Vorwürfe gegen Düsseldorfer Kardiologen: Studien sollen Hunderte Fehler enthalten

Von Nicola Kuhrt

Unter Fälschungsverdacht: Kardiologe Bodo-Eckehard Strauer an der Düsseldorfer Universitätsklinik (Archivbild aus dem Jahr 2007) Zur Großansicht
DPA

Unter Fälschungsverdacht: Kardiologe Bodo-Eckehard Strauer an der Düsseldorfer Universitätsklinik (Archivbild aus dem Jahr 2007)

Zweifel an den spektakulären Erfolgen gab es schon länger: Bodo-Eckehard Strauer sah sich als Pionier der Stammzellforschung. Nun gibt es erneut schwere Vorwürfe: Britische Forscher legen eine lange Liste von vermeintlichen Fehlern und Widersprüchen vor.

Es war im Sommer 2001, als Bodo-Eckehard Strauer die Fachwelt verblüffte und Patienten große Hoffnung machte: Der Düsseldorfer Kardiologe hatte einem Mann nach einem Infarkt adulte Stammzellen ins Herz gespritzt. Das Material aus dem Knochenmark des 46-Jährigen sollte dessen krankes Organ stärken. Bereits fünf Monate nach dem Eingriff trommelte Strauer dann Journalisten zusammen und vermeldete: Die abgestorbenen Teile des Herzens seien zu neuem Leben erweckt. Eine Sensation.

Strauer wurde als "Spezialist in Herzensdingen" gefeiert. Politiker und Theologen handelten seine Methode als eine Art "Geheimwaffe" gegen die stark umstrittene embryonale Stammzelltherapie. Strauer erhielt das Bundesverdienstkreuz, CDU-Politiker Hubert Hüppe forderte ein "massives Forschungsprogramm" für die Methode der adulten Zelltherapie.

Heute steht der Mediziner unter dem Verdacht, wissenschaftlich unsauber gearbeitet zu haben. Erst im Dezember 2012 hatte es Manipulationsvorwürfe gegeben. Die Düsseldorfer Universität leitete eine Untersuchung wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens ein. Jetzt legen britische Forscher eine lange Liste vermeintlicher Fehler und Ungereimtheiten vor.

Ein "Minenfeld an Widersprüchen"

Die Kardiologen Darrel Francis und Graham Cole sowie der Biologe Michael Mielewczik vom Imperial College in London haben 48 Studien des Düsseldorfer Kardiologen analysiert und wollen mehr als 200 Widersprüche gefunden haben. Die Arbeit wurde im renommierten Fachmagazin "International Journal of Cardiology" veröffentlicht.

Die Erfolge des Mediziners, bis zu seiner Emeritierung 2009 Direktor der Klinik für Kardiologie in Düsseldorf, werden von ihnen massiv angezweifelt. Die Wissenschaftler aus London listen Fälle doppelt verwendeter Datensätze und Grafiken auf. Sie postulieren Rechenfehler und falsch verwendete Statistiken. Die Liste ist lang. Strauers Resultate seien "wegen eines Minenfelds von Widersprüchen nahezu uninterpretierbar", schreiben Francis und Kollegen.

Ein abschließendes Urteil liefern sie allerdings nicht, vielmehr kritisieren sie einen leichtsinnigen Umgang der Fachmagazine mit den Ergebnissen des Düsseldorfer Professors. Diese seien international mehrere tausendmal zitiert worden, ohne dass Ungereimtheiten entdeckt worden seien. "Ich bin der Meinung, dass die von uns aufgeführten Diskrepanzen einer umfassenden und transparenten Erklärung bedürfen", forderte Michael Mielewczik.

Privatkrieg oder Fachdiskurs?

Bodo-Eckehard Strauer will sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht äußern und verweist auf seinen Medienanwalt. Der erklärt, der Hauptautor der Analyse im "International Journal of Cardiology" kritisiere seinen Mandanten aus persönlichen Gründen.

Also alles ein Privatkrieg? Das würden viele Stammzellforscher sicher anders sehen. Dass Strauer gern Einzelfälle prominent vermeldete, dass er den Ansatz zunächst an Tieren testen müsse, monierten nicht wenige Kollegen. "Deutsches Draufgängertum" nannte es Piero Anversa, heute Professor in Boston, im Fachmagazin "Science".

Humane Stammzellen gelten als Alleskönner, mit ihrer Hilfe sollen sich Hirne regenerieren, zerstörte Knorpel erneuern und abgestorbene Gewebe reparieren lassen. Doch die Zellen sind so begehrt wie umstritten, insbesondere solche aus Embryonen. Strauers Methode kam ohne embryonale Stammzellen aus, auch deshalb faszinierte sie die Fachwelt. Als weitere Alternative gelten heute induzierte pluripotente Stammzellen, die sich aus gereiften Körperzellen gewinnen lassen.

Geteilte Reaktionen aus der Forschung

Der Rostocker Gustav Steinhoff forscht mit adulten Stammzellen in der Herzinfarkttherapie. Er glaube nicht, dass die negativen Schlagzeilen den ganzen Forschungszweig belasten, sagt Steinhoff: "Es gibt bereits viele andere Studien, die die Sicherheit und Wirksamkeit der kardialen Therapie mit Stammzellen aus dem Knochenmark aufzeigen."

Andreas Zeiher vom Universitätsklinikum Frankfurt sieht das anders. Die britische Analyse sei "ein weiterer herber Schlag gegen das Feld der Stammzellmedizin", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Das Feld habe große Erwartungen geweckt, werde aber durch unverantwortliche Wissenschaftler kaputtgemacht, die auf ihre eigene Agenda fokussiert seien.

Bedeckt hält man sich derzeit beim Universitätsklinikum Düsseldorf. Sowohl die "Kommission zur Sicherung der guten wissenschaftlichen Praxis" als auch ein Gremium unabhängiger externer Experten ermittelten bereits, erklärt Sprecherin Susanne Dopheide, noch seien die Untersuchungen nicht abgeschlossen. Die Analyse der britischen Forscher lässt den Grund erahnen: Die Kommissionen haben eine Menge aufzuklären.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. nein nein
gast2011 05.07.2013
Zitat von sysopZweifel an den spektakulären Erfolgen gab es schon länger: Bodo-Eckehard Strauer sah sich als Pionier der Stammzellforschung. Nun gibt es erneut schwere Vorwürfe: Britische Forscher legen eine lange Liste aus vermeintlichen Fehlern und Widersprüchen vor. Fälschungsverdacht: Düsseldorfer Kardiologe Bodo-Eckehard Strauer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/faelschungsverdacht-duesseldorfer-kardiologe-bodo-eckehard-strauer-a-909577.html)
das waren keine fehler! die pharmalobby wird sie so diktiert haben...
2. Worin liegt die Relevanz?
gbtate 05.07.2013
Strauer hat vermeldet, abgestorbenes Gewebe im Herzen sei über die eingespritzten Stammzellen regeneriert worden. Man liest aber nichts, ob diese Meldung nun richtig oder falsch war. Das ist doch aber die Frage, auf die es ankommt. Offensichtlich gibt es keine Erkenntnisse, die die Behauptung Strauers in Frage stellen. Was also soll das nun? Es liegt doch nun an die Institute, die sich mit diesem Thema befassen, diese Therapiemöglichkeit zu verifizieren oder zu falsifizieren. So, wie der Artikel aufgestellt ist, dient er lediglich einer Kampagne für wen oder für was auch immer. Also bitte, Fakten auf den Tisch. Ist die Therapie wiederholt worden? Wenn ja, mit welchem Erfolg oder Misserfolg. Wie gut sind, so es sie gibt, diese Prüfungen dokumentiert und folgen wissenschaftlichen Prinzipien. Nichts davon im Artikel. Ging es nur darum, ein paar Seiten noch zu füllen?
3.
chalchiuhtlicue 05.07.2013
Wie die "Pharmalobby" an etwas verdient, was mit Medikamenten gerade mal NULL zu tun hat, weiß vermutlich nur User "gast2011". Aber der glaubt wahrscheinlich auch, daß JFK von auf dem Mond lebenden Außerirdischen ermordet wurde, um die geplanten Mondlandungen und damit die mögliche Entdeckung der Mondbewohner durch die Menschheit zu verhindern ...
4.
z_beeblebrox 05.07.2013
Liest sich wie der altbekannte "Zickenkrieg" unter Klimaforschern. Die Wissenschaft scheint sich immer mehr zur Esoterik zu wandeln, zumindest zur Egozentrik.
5. lol
konstantin.hauser 05.07.2013
Dieser Mann und seine Studien waren das Hauptargument der katholischen Kirche gegen die Zulassung der embryonalen Stasmmzellforschung in Deutschland. Alles ginge, wie die Strauer-Studien gezeigt hätten, auch auf "ethisch sauberen Wegen". Die Wissenschaftsethik hatte man da wohl eher nicht im Sinn. :)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Medizin
RSS
alles zum Thema Stammzellforschung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 21 Kommentare
  • Zur Startseite