Familienplanung Mehrheit der Frauen möchte ihre Eizellen einfrieren

Eisfach für die Fortpflanzung: Viele Frauen erwägen, ihre Eizellen einfrieren zu lassen - um ihre Schwangerschaft auf einen gewünschten Zeitpunkt zu verschieben. Mediziner machen ihnen Hoffnung.

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Eizelle: Trend zur künstlichen Befruchtung
dapd

Eizelle: Trend zur künstlichen Befruchtung


Karriere oder Kinder? Diese Frage stellt sich für viele Frauen im Laufe des Lebens. Wer ein Kind bekommt, hat es oft schwer, erfolgreich ins Berufsleben zurückzukehren - wer die Familiengründung allerdings zu lange aufschiebt, kann vielleicht keine Kinder mehr bekommen. Vielen Frauen würde es daher helfen, wenn sie wüssten, wann in die Wechseljahre kommen - dafür könnte es möglicherweise bald einen Bluttest geben.

Einen anderen Ausweg aus diesem Dilemma könnte das Einfrieren unbefruchteter Eizellen sein: Der Arzt entnimmt der Frau dabei nach einer Hormonbehandlung mehrere Eizellen und friert sie ein. Wenn für die Frau der richtige Zeitpunkt gekommen ist, lässt sie die Eizellen wieder auftauen, mit den Samenzellen des Mannes befruchten und sich einsetzen.

"Auch in Deutschland ist das Einfrieren unbefruchteter Eizellen inzwischen ein gängiges Verfahren", sagte der Reproduktionsmediziner Olaf G.J. Naether vom Fertility Center Hamburg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Viele Kliniken bieten diese Methode bereits an, darunter auch die Praxis, in der Naether arbeitet. Er behandelt vor allem zwei Gruppen von Frauen: Manche kommen aus Familien, in denen verfrühte Wechseljahre ein Problem sind und die für den Fall vorbeugen wollen, dass auch sie schon in jungen Jahren unfruchtbar werden. Anderen steht eine Chemotherapie bevor, bei der die Eizellen großen Schaden nehmen können. Frauen, die keine gesundheitlichen Bedenken haben, seien bisher eher selten unter den Patientinnen, sagt Naether.

Nun zeigen Umfragen: Erstaunlich viele Frauen sind interessiert an der Methode. Srilatha Gorthi vom Leeds Centre for Reproductive Medicine in Großbritannien befragte 98 Medizinstudentinnen und 97 junge Frauen, die Pädagogik oder Sport studierten. Im Durchschnitt waren die Teilnehmerinnen 21 Jahre alt. Das Ergebnis: 86 Prozent der Medizinstudentinnen sagten, dass sie vorhätten, erst spät eine Familie zu gründen. In der anderen Gruppe galt dies nur für knapp die Hälfte der Befragten. Acht von zehn der Medizinstudentinnen gaben an, sie würden dazu auch ihre Eizellen einfrieren lassen, bei den Pädagogik- und Sport-Studentinnen waren es vier von zehn.

Die Medizinstudentinnen nannten am häufigsten die Karriere als Grund, die Familienplanung aufzuschieben. Eine weniger große Rolle spielte für sie dabei das Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit und einer stabilen Partnerschaft. Für die Pädagogik- und Sport-Studentinnen dagegen war es wichtiger, vor der Familiengründung für finanzielle Sicherheit zu sorgen und eine stabile Partnerschaft aufzubauen.

Gute Überlebenschancen der Eizellen

Eine Studie belgischer Forscher, die nun beim Kongress der European Society of Human Reproduction and Embryology vorgestellt wurde, liefert genauere Hinweise auf die Motivation der Frauen: Psychologen befragten 15 Frauen, die durchschnittlich 38 Jahre alt waren und sich dazu entschlossen hatten, ihre Eizellen einfrieren zu lassen. "Wir haben herausgefunden, dass die Frauen alle in der Vergangenheit schon Beziehungen hatten, eine war sogar gerade in einer Partnerschaft, aber alle gaben an, sie hätten sich ihren Kinderwunsch noch nicht erfüllt, weil sie noch nicht den richtigen Mann gefunden hätten", sagt Julie Nekkebroeck vom Centre for Reproductive Medicine an der Universität Brüssel, die an der Studie beteiligt war.

Sieben der 15 Frauen hatten laut Ergebnis zuvor darüber nachgedacht, mithilfe einer Samenspende eine alleinerziehende Mutter zu werden, jeweils vier hatten in Erwägung gezogen, ein Kind zu adoptieren oder kinderlos zu bleiben. Die Frauen wurden auch gebeten zu schätzen, in welchem Alter sie die gelagerten Eizellen nutzen wollten - sie gaben ein durchschnittliches Alter von 43,4 Jahren an.

Noch vor einigen Jahren galt es als wenig erfolgversprechend, unbefruchtete Eizellen einfrieren zu lassen, weil die meisten beim Auftauen zerstört wurden. "Seit einigen Jahren ist die Überlebensrate der Eizellen nach dem Erwärmen jedoch sehr gut. Ob eine künstliche Befruchtung erfolgreich ist, hängt dann vor allem von der Qualität der Samenzellen des Mannes ab", sagt Naether.

Reproduktionsmediziner wenden andere Verfahren an: Bei der alten Methode wurden die Eizellen langsam in flüssigen Stickstoff getaucht und auch langsam wieder erwärmt - nur etwa zehn Prozent der Eizellen überstanden diesen Prozess. Beim "Vitrifizieren" - dem neuen Verfahren - werden die Eizellen hingegen zunächst entwässert, denn Wasser kristallisiert beim Einfrieren und zerstört die Zellen. Dann werden sie extrem schnell in flüssigem Stickstoff abgekühlt. Zudem werden mehr Zusätze verwendet, die als eine Art Kälteschutzmittel fungieren und zusätzlich eine Kristallisation verhindern. Etwa 90 Prozent der Eizellen sind hier nach dem Aufwärmen intakt.

Erfolgschance von 30 Prozent

Etwas vorsichtiger beurteilt Klaus Diedrich, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck, die Methode: "Eine Frau, die unbefruchtete Eizellen einfrieren lässt, hat bei Weitem keine Garantie dafür, dass sie später tatsächlich schwanger wird", sagt der Mediziner. Die Chance, bei einer künstlichen Befruchtung mithilfe der gelagerten Eizellen schwanger zu werden, liege in jedem Zyklus bei etwa 30 Prozent.

Immerhin ist die Chance bei einer künstlichen Befruchtung mit frischen Ei- und Samenzellen ähnlich hoch. Und auch die Natur ist nicht erfolgreicher: Eine junge Frau hat in jedem Zyklus eine ähnlich hohe Wahrscheinlichkeit, auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Zudem fordert Diedrich: "Ärzte müssen Frauen sehr genau auf Kosten und Risiken der Behandlung hinweisen." Die Eizellen entnehmen und einfrieren zu lassen, kostet etwa 3000 Euro, sie später wieder auftauen, befruchten und einsetzen zu lassen, etwa 1000 Euro zusätzlich.

Die Risiken, vor denen Diedrich warnt, bestehen bei jeder Entnahme von Eizellen - egal, ob diese unbefruchtet eingefroren oder gleich für eine künstliche Befruchtung genutzt werden: Damit die Frau mehrere Eizellen in einem Zyklus produziert, ist eine Hormonbehandlung notwendig. Diese kann zu einer Überstimulation führen, wodurch sich Zysten bilden können. Auch wenn der Arzt der Frau die Eizellen entnimmt, kann es in seltenen Fällen passieren, dass er mit der Nadel Blutgefäße, den Darm oder die Blase verletzt.

"Wenn Frauen über all diese Faktoren aufgeklärt sind und sich trotzdem für die Behandlung entscheiden, ist dagegen aus meiner Sicht aber nichts einzuwenden", sagt Diedrich. Allerdings sei auch hier das Alter entscheidend: Am erfolgversprechendsten sei es, wenn sich Frauen im Alter zwischen 20 und 25 Jahren Eizellen entnehmen ließen. "Eine Frau, die sich für die Behandlung entscheidet, sollte unter 35 Jahre alt sein", rät Diedrich. Später lasse die Qualität der Eizellen stark nach. "Trotzdem bleibt das Einfrieren von Eizellen auch bei jungen Frauen nur die zweitbeste Möglichkeit - am besten sollten Frauen unter 35 Jahren versuchen, auf natürlichem Weg schwanger zu werden."



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