Im Jahr 1980 bemerkte ein kanadischer Flugbegleiter einen braunen Fleck auf seiner Haut. Vermutlich machte er sich zunächst keine größeren Sorgen - bis sein Arzt eine besondere Form der Krebserkrankung diagnostizierte, die normalerweise nur bei geschwächtem Immunsystem ausbricht. Der Steward, der 1984 starb, ging als "Patient 0" in die Geschichte einer tödlichen Seuche ein.
Etwa zur gleichen Zeit häuften sich in den USA sowie in Europa merkwürdige Krankheitsfälle, die zunächst scheinbar nur homosexuelle Männer wie den Patienten 0 betrafen. Die Immunabwehr der Betroffenen war komplett zusammengebrochen - mit dramatischen Folgen: Viele Patienten erlagen an sich harmlosen Infektionen. Die Ursache blieb zunächst rätselhaft. Als auch Empfänger von Bluttransfusionen erkrankten, verdichtete sich der Verdacht, ein Virus könne die Immunschwäche auslösen. 1982 erhielt die neue Krankheit einen Namen: "Acquired Immune Deficiency Syndrome", also erworbenes Immunschwächesyndrom - abgekürzt Aids.
Im Jahr darauf präsentierten Wissenschaftler um Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier vom Pariser Institut Pasteur elektronenmikroskopische Aufnahmen von Viren aus Lymphknotenzellen eines Aidspatienten. Dass es sich dabei tatsächlich um den gesuchten Erreger handelte, konnten die französischen Forscher 1984 nachweisen. Zeitgleich stieß der US-amerikanische Virologe Robert Gallo von den National Institutes of Health in Bethesda ebenfalls auf das Virus. Den Streit um die Ehre der Erstentdeckung entschied erst 2008 das Stockholmer Nobelpreiskomitee, als es Barré-Sinoussi und Montagnier den Medizinnobelpreis zusprach und Gallo leer ausging. Bereits 1985 hatte sich eine internationale Arbeitsgruppe von Virentaxonomen auf einen Namen für den rätselhaften Krankheitserreger geeinigt: humanes Immunschwächevirus oder "Human Immunodeficiency Virus", kurz: HIV.
Mehr als ein Vierteljahrhundert ist seitdem vergangen - und 25 Millionen Menschen starben an der tückischen Infektion. Aids lässt sich inzwischen zwar medizinisch einigermaßen kontrollieren, aber heilbar ist die Krankheit noch immer nicht.
Mehrfacher Schlag
Der Infektionszyklus des Erregers ist heute gut bekannt. Fatalerweise dringt HIV auch ins Gehirn vor und kann hier ebenfalls seine vernichtende Wirkung entfalten. "Neuro-Aids", wie diese Form der Erkrankung genannt wird, stellt ein wachsendes Problem dar, dem Ärzte machtlos gegenüberstehen. Dank der medizinischen Forschung der letzten Jahre zeichnet sich inzwischen jedoch ab, wie man Patienten zukünftig besser helfen könnte.
Bereits 1983 - also noch vor dem endgültigen Nachweis des HI-Virus - beschrieb die Arbeitsgruppe um Jerome Posner von der Cornell University in New York neurologische Ausfälle bei 50 Aidspatienten. Wie wir heute wissen, schlägt HIV im Gehirn gleich mehrfach zu: Es befällt und zerstört Hirnzellen direkt, setzt aber auch Prozesse der Immunabwehr in Gang, die zusätzlich das Nervengewebe angreifen.
Einmal ins Gehirn eingedrungen, befällt das Virus zuerst die so genannte Mikroglia - Immunzellen des Gehirns, die Krankheitserreger abwehren. Hier findet der Aidserreger eine sichere Basis, von der aus er sich weiter verbreitet. Das Virus greift nun Astrozyten an. Diese sternförmigen Helfer des Nervensystems unterstützen die Neurone bei ihrem Signalaustausch. HIV verändert diese Kommunikation derart, dass die Nervenzellen absterben. Anfangs lässt sich der Neuronenverlust noch kompensieren, doch früher oder später machen sich ernste Folgen bemerkbar. Zunächst deuten sich nur leichte neurologische Ausfälle an. Die Betroffenen können sich schlechter konzentrieren, ihr Redefluss erlahmt, sie leiden unter Gedächtnislücken und depressiven Verstimmungen und ziehen sich folglich sozial immer mehr zurück.
Meist fühlen sich die Patienten in diesem Stadium noch nicht krank. Auch medizinische Untersuchungen zeigen - außer der Tatsache, dass die Betroffenen HIV-positiv sind - keine Auffälligkeiten. Der Zustand bleibt oft über Jahre oder sogar Jahrzehnte unverändert, bis die motorischen, kognitiven und emotionalen Fähigkeiten schließlich nach und nach schwinden. Insbesondere solche motorischen Leistungen, die vom exakten Timing schneller Bewegungen abhängen, sind betroffen: Patienten tippen langsamer auf einer Tastatur, verspielen sich am Klavier, und mehrere Arbeitsvorgänge gleichzeitig zu koordinieren, fällt ihnen zunehmend schwer.
Berufs- und Erwerbsunfähigkeit sind häufig die Folge. Schließlich kann der normale Alltag nicht mehr bewältigt werden - die Betroffenen werden zum Pflegefall. Schätzungsweise ein Drittel aller Aidspatienten sind von einer HIV-assoziierten Demenz unterschiedlichen Schweregrads betroffen.
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