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Fehlerhafte Behandlungen: Tausende Patienten klagen über Medizinerpfusch

Mehr als 11.000 Patienten haben ihrem Doktor im vergangenen Jahr Therapiefehler vorgeworfen. Laut Bundesärztekammer sind 87 Menschen nachweislich an falschen Diagnosen oder Behandlungen gestorben. Eine Entschädigung gibt es nur in den wenigsten Fällen.

Operationsbereich einer Klinik: Der Druck bei Ärzten steigt Zur Großansicht
dapd

Operationsbereich einer Klinik: Der Druck bei Ärzten steigt

Berlin - Es ist eine traurige Bilanz: 87 Patienten sind 2010 in Deutschland wegen eines Ärztefehlers gestorben. In 2199 Fällen stellten allein die Gutachterstellen der Ärzteschaft falsche Diagnosen oder Behandlungen fest. Mit insgesamt 11.016 Beschwerden suchten Betroffene Hilfe bei den Gutachterstellen und Schlichtungskommissionen - das entspricht fast der Zahl des Vorjahrs, in der nur 44 Anträge weniger eingingen. Das ist das Ergebnis der jüngsten Statistik dieser Gremien, die am Dienstag von der Bundesärztekammer in Berlin vorgestellt wurde.

Das Ungleichgewicht lässt sich leicht ablesen: In nur 1821 Fällen wurden die Opfer entschädigt. Doch das Problem ist weitaus größer. Denn insgesamt geht die Bundesärztekammer von wesentlich höheren Zahlen aus: Schätzungen zufolge beanstanden jährlich etwa 40.000 Patienten ihre Behandlung. Drei Viertel davon, so die Kammer, würden von Haftpflichtversicherern, dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen oder Gerichten bearbeitet. In jedem vierten Fall bekamen die Patienten Recht, sagte der Vorsitzende der Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärzte, Andreas Crusius.

Im Detail sieht die Statistik über fehlerhafte Behandlungen so aus:

  • Patientenbeschwerden: Insgesamt gingen 11.016 Beschwerden ein, davon wurden 7355 bearbeitet.
  • Häufigkeit von Ärztefehlern: In den untersuchten Fällen wurden 2199 Patienten falsch therapiert oder nicht ausreichend über die Risiken der Behandlung aufgeklärt. Das sind knapp 30 Prozent der bearbeiteten Anträge. Bei bis zu 58 Prozent der beanstandeten Behandlungen von Brüchen bei Kindern erkannten die Gutachter einen Fehler an, bei Blinddarmentzündungen waren es mehr als 30 Prozent. Die Patienten beanstandeten vor allem die Behandlung von Knie- oder Hüftgelenkarthrosen (562 Anträge). 87 Menschen starben nach Behandlungsfehlern.
  • Ärztefehler im Krankenhaus: Die Schlichter und Gutachter beschäftigten sich vor allem mit Ärztefehlern in Krankenhäusern (72 Prozent), besonders bei chirurgischen Eingriffen. Hier wurden am häufigsten Hüftgelenkarthrosen und Unterarmfrakturen fehlerhaft behandelt.
  • Ärztefehler in Praxen: Die meisten Fehler machten niedergelassene Ärzte in der Diagnostik (knapp 400 Fälle) - etwa wenn kein bildgebendes Verfahren wie CT, MRT, Röntgen oder Ultraschall veranlasst oder eine falsche Untersuchungsmethode ausgewählt wurde. In anderen Fällen wurden die Ergebnisse nicht richtig ausgewertet oder die falschen Schlüsse daraus gezogen. Bei einzelnen Krankheiten zeigt sich ein Rückgang der nachgewiesenen Fehler - so etwa beim Brustkrebs. In den vergangenen fünf Jahren habe sich deren Zahl auf 29 Fälle verringert und damit fast halbiert
  • Schlichtungsverfahren: Ein Verfahren dauert im Schnitt etwa 14 Monate. Ein unabhängiger Gutachter untersucht den Fall. Auf dieser Grundlage erfolgt dann der Schlichterspruch. Welche Entschädigungssumme gezahlt wird, verhandeln anschließend Haftpflichtversicherer und Patienten.

Die offiziell festgestellten Fälle sind aus Sicht des Bremer Gesundheitsforschers Gerd Glaeske nur "die dramatische Spitze eines Eisbergs". Viele Patienten gingen nicht gegen ihre Ärzte vor, sagte der Mediziner. "Im ambulanten Bereich haben wir keine funktionierende Fehlermeldekultur", sagte er. Unangemeldete Kontrollbesuche in den Praxen könnten helfen.

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit geht von rund 500.000 meist leichten Behandlungsfehlern allein in den Kliniken aus. Angesichts von 480 Millionen Arztbesuchen und 18 Millionen Klinikaufenthalten pro Jahr sei die Fehlerhäufigkeit insgesamt gering, betonte Andreas Crusius.

Verantwortlich sei aber vor allem der zunehmende Druck bei den Ärzten. "Der Patient muss in immer kürzeren Zeiträumen durchgeschleust werden - und da können Fehler passieren", sagte Crusius. 120 Patienten pro Arzt und Tag seien nicht selten.

cib/dpa/Reuters

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1. Nicht der Rede wert!
doc 123 21.06.2011
Zitat von sysopMehr als 11.000 Patienten haben ihrem Doktor im vergangenen Jahr Kunstfehler vorgeworfen. Laut Bundesärztekammer sind 87 Menschen nachweislich an falschen Diagnosen oder Behandlungen gestorben. Eine Entschädigung gibt es nur in den wenigsten Fällen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,769698,00.html
Die Zahlen der Ärztekammer sind doch allenfalls eher lächerlich und kaum der Rede wert bei jährlich ca. 30-80.000 toten Patienten durch Ärztepfusch und Medikamentennebenwirkung und ca. 20-30.000 Toten durch Krankenhausinfektionen.
2. Spitze des Eisbergs
bolonch 21.06.2011
Die meisten Faelle werden wohl kaum angezeigt. Einmal wurde meiner Frau der falsche Zahn behandelt. Lohnt es sich, das anzuzeigen? Lieber zu einem anderen Zahnarzt gehen und den kranken Zahn behandeln lassen. Der vormals gesunde wird von einer Klage auch nicht wieder wie vorher. So geht es sicher vielen Patienten. Wenn es denn nicht lebensbedrohlich ist und/oder nicht sofort ein bleibender Schaden abzusehen ist wird einfach noch mal neu behandelt - zum grossen Teil wahrscheinlich vom selben Onkel Doktor. Eine Bekannte hat eine (vollkommen harmlose) Blutkrankheit. Leider wurder sie ueber Jahre immer wieder auf eine gefaehrliche hin therapiert - mit sehr unangenehmen Nebenwirkungen, bis denn mal ein Arzt die richtige Diagnose stellte. Soll sie jetzt die 14 Aerzte, die vorher ueberfluessigerweise herumgepfuscht haben, verklagen oder anzeigen? Mit etwas Nachdenken koennte ich die Liste immer weiter fortsetzen. Nur noch eins: Der Freund einer anderen Bekannten verstarb kuerzlich qualvoll an Thrombosen nachdem ihn ein Krankenhausarzt trotz starker Schmerzen nach Hause geschickt hatte. "Sie sind doch jung, das vergeht schon wieder". Die Mutter klagt jetzt, aber wie gross die Chancen einer Afrikanerin gegen ein deutsches Universitaetsklinikum sind kann sich wohl jeder selbst ausmalen.
3. Quelle?
ncpw 21.06.2011
Zitat von doc 123Die Zahlen der Ärztekammer sind doch allenfalls eher lächerlich und kaum der Rede wert bei jährlich ca. 30-80.000 toten Patienten durch Ärztepfusch und Medikamentennebenwirkung und ca. 20-30.000 Toten durch Krankenhausinfektionen.
Zugegeben: die Zahlen der Ärztekammer sind nur diejenigen, die auch Beschwerde eingelegt haben, und es werden sehr viele mehr sein. Was mich aber interessieren würde: wo haben SIE Ihre Zahlen her?! Quellenangabe wäre hilfreich, ansonsten einfach mal den Mund halten, anstatt 6 bis 8 Beiträge pro Tag zu posten :-)
4. Erkennbarkeit von Fehlern
zoon.politicon 21.06.2011
Zitat von sysopMehr als 11.000 Patienten haben ihrem Doktor im vergangenen Jahr Kunstfehler vorgeworfen. Laut Bundesärztekammer sind 87 Menschen nachweislich an falschen Diagnosen oder Behandlungen gestorben. Eine Entschädigung gibt es nur in den wenigsten Fällen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,769698,00.html
Fehler bei Operationen, v.a. bei Hüft- und Knieprothesen, können vergleichsweise leicht erkannt und nachgewiesen werden. Fehler in Diagnostik ( und medikamentöser ) Therapie sind schwerer zu erkennen. Vermutlich deswegen tauchen sie in der aktuellen Statistik weniger häufig auf.
5. Die Zahlen,...
Neuer Debattierer 21.06.2011
Zitat von doc 123Die Zahlen der Ärztekammer sind doch allenfalls eher lächerlich und kaum der Rede wert bei jährlich ca. 30-80.000 toten Patienten durch Ärztepfusch und Medikamentennebenwirkung und ca. 20-30.000 Toten durch Krankenhausinfektionen.
die Sie ansprechen, beziehen sich allgemein auf Fehler. Behandlungsfehler sind nur ein Teil davon, wenn der Arzt gegen Regeln der ärztlichen Kunst verstößt. Die meisten Fehler passieren aber durch schlechte Abläufe, Kommunikationsprobleme, unerwünschte Arzneimittelwirkungen etc. Und auch eine MRSA-Infektion ist meist kein Behandlungsfehler eines einzelnen Arztes.
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Spektakuläre Kunstfehler
Verwechselt
Eine 78-Jährige wird im März 2008 im Krankenhaus Münchberg (Bayern) das Opfer einer Verwechslung am OP-Tisch. Statt der erforderlichen Operation am Bein wird der Frau fälschlicherweise ein künstlicher Darmausgang gelegt.
Mangelnde Hygiene
Ein vorbestrafter Schönheitschirurg wird im Dezember 2005 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Landgericht Nürnberg-Fürth sah es als erwiesen an, dass der Mann Frauen bei Brustvergrößerungen und Fettabsaugungen nicht kunstgerecht und mit mangelnder Hygiene operierte. Einer Patientin schnitt er auf dem Wohnzimmerboden in die Brust, um Eiter zu entfernen. Nach dem Tod einer Patientin war der Arzt zuvor bereits vom Amtsgericht Wernigerode zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Nach der Haftentlassung verlegte er seine Praxis nach Nürnberg.
Übersehene Infektion
Das Landgericht Bielefeld spricht einem früheren Jugendfußballer nach einem Kunstfehler 1,36 Millionen Euro Schadenersatz zu. Er hatte eine Klinik auf entgangene Einnahmen als Profispieler verklagt. Der damals 18-Jährige hatte 1993 einen Meniskusabriss und einen Kreuzbandriss erlitten. Eine Infektion im Knie behandelten die Ärzte zu spät. Das Gericht wertete das als groben Behandlungsfehler.
Misslungene Herz-OP
Sechs Jahre nach dem Tod einer Patientin wird ein 67 Jahre alter Klinikbesitzer aus Straubing (Bayern) im März 2005 wegen Totschlags und Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt. Bei der Herz-OP einer 55-Jährigen wurde eine Schlagader verletzt. Obwohl der Chefarzt Komplikationen bemerkte, ließ er die lebensgefährlich Verletzte erst nach sechs Stunden in eine größere Klinik bringen. Grund für die Verzögerung waren laut Landgericht Regensburg persönliche Differenzen mit einer nahe gelegenen Konkurrenz-Klinik.
Zu später Kaiserschnitt
Die Eltern eines Kindes, das durch einen Kunstfehler behindert zur Welt gekommen ist, erhalten 400.000 Euro Schmerzensgeld. Das sieht ein im Januar 2003 vor dem Landgericht Hannover geschlossener Vergleich vor. Der Junge wurde in der Klinik in Hannover zu spät per Kaiserschnitt geboren. Er ist seither taub, blind, spastisch gelähmt, kann nicht sprechen und muss künstlich ernährt werden.
Vergessenes Operationsbesteck
Ein Chefarzt am Krankenhaus Radolfzell (Baden-Württemberg) vergisst ein Operationsbesteck im Bauch einer Patientin. Das 30 Zentimeter lange Instrument wird erst neun Monate später auf einer Röntgenaufnahme entdeckt. Der Mediziner wird 1999 für seinen Fehler zu einer Geldstrafe von 24.000 Mark (rund 12.300 Euro) verurteilt.

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