Parasit auf Abwegen Wie der Fischbandwurm nach Jerusalem kam

Jean-Baptiste Humbert

In einer Jerusalemer Toilette haben Archäologen Eier des Fischbandwurms entdeckt. Im Heiligen Land ist der Parasit jedoch nicht heimisch. Die Reise dorthin gelang als blinder Passagier.

Wer viel von einer bestimmten Nahrungsart essen muss, wird erfinderisch. Die Iren kennen alle nur erdenklichen Arten, Kartoffeln zuzubereiten. Nordeuropäer variieren meisterhaft Rezepte für Fisch: gekocht, gebraten, getrocknet, geräuchert, gepökelt oder gleich roh. Dumm nur, dass einige dieser Zubereitungsarten zwar den Fisch schmackhaft machen, Parasiten in seinem Inneren aber nicht abtöten: Ein bisschen Rauch reicht nicht aus, um Diphyllobothrium latum, gemeinhin als Fischbandwurm bekannt, den Garaus zu machen. Auch Trockenheit oder Salz können ihm nur wenig anhaben. So ist die Chance groß, dass mit einem Karpfen oder Hecht auch ein Fischbandwurm auf dem Teller landet.

Toilettenbesuch eines Pilgers

Im Nahen Osten dagegen hielt man im Mittelalter nicht viel von derartigen kulinarischen Finessen. Fisch wurde entweder gebraten oder gegrillt; jedenfalls so großer Hitze ausgesetzt, dass selbst der zäheste Bandwurm verstarb. In einer rund 500 Jahre alten Toilettengrube in Jerusalem entdeckte eine Gruppe von Forschern um Piers Mitchell von der Cambridge University bei einer archäologischen Untersuchung nun Eier von Diphyllobothrium latum. Im "International Journal of Paleopathology" berichten die Wissenschaftler von ihrem Fund.

"Die Anwesenheit des Fischbandwurms spricht dafür, dass Reisende aus Nordeuropa diese Toilette während eines Besuchs in Jerusalem benutzten", berichtet Mitchell.

Das zugehörige Haus steht im Christenviertel Jerusalems, unmittelbar nördlich der Grabeskirche - also genau dort, wo man europäische Reisende vermuten würde. Bei dem Gebäude, vermuten die Wissenschaftler, handelte es sich entweder um die Stadtvilla eines Händlers, der sich auf Reisen nach Nordeuropa einen Fischbandwurm eingefangen hatte. Es könnte auch eine Herberge sein, die bei nordeuropäischen Händlern oder Pilgern beliebt war.

Weitere Parasiten entdeckt

"Über die genauen Gründe der Reisen zwischen Nordeuropa und Jerusalems Christenviertel können wir nur spekulieren", sagt Mitchell, "aber die Reisenden brachten jedenfalls unerwartete Anhalter in ihrem Gedärm mit".

Diese "Anhalter" gelangen meist über Ruderfußkrebse in das Verdauungssystem von Karpfen und Hechten. Am Ende der Nahrungskette stehen dann der Mensch und seine Haustiere: Hund und Katze. Einmal im Darm des Endwirts angekommen, beginnt er zu wachsen - und zwar neun bis 15 Zentimeter pro Tag. Und das für eine ziemlich lange Zeit: Zehn Meter Körperlänge sind für Diphyllobothrium latum im Darm eines Menschen keine Seltenheit. Der Parasit kann bis zu 25 Jahre im Darm überleben. Da fast immer nur ein Wurm in einem Endwirt vorkommt, wird der Befall häufig nicht bemerkt, nur in Einzelfällen bedeutet dies schädliche Folgen für den Wirt.

In der Jerusalemer Latrine waren die Fischbandwürmer jedenfalls in guter Gesellschaft. In allen der insgesamt zwölf untersuchten Kothäufchen - vornehm Koprolithen genannt - wimmelte es außerdem von Fadenwurm- und Peitschenwurmeiern. Interessant war außerdem der Fund von Eiern der echten Bandwurmgattung Taenia. Diese Parasiten können möglicherweise über Schweinefleisch in den Darm eines Menschen gelangen. Im islamisch geprägten Jerusalem jener Zeit war der Verzehr von Schweinen zwar tabu - doch das galt nicht für das Christenviertel.

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Bundeskanzler20XX 13.04.2015
Tiananmen 13.04.2015
stanislaus01 13.04.2015
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Koda 13.04.2015
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