Forscher-Durchbruch Stammzellen mit Klon-Technologie

Eine Technik, die in der Klonforschung längst eingesetzt wird, soll jetzt auch die Stammzelltherapie voranbringen: Es geht darum, auf Patienten maßgeschneiderte Therapien zu entwickeln, etwa bei Diabetes. Doch das Experiment wirft schwerwiegende ethische Fragen auf.

Zellkerntransfer beim Klonen (Archivbild): Technik für Stammzellforschung genutzt
dapd/ Roslin Institute

Zellkerntransfer beim Klonen (Archivbild): Technik für Stammzellforschung genutzt


Berlin - Seit Jahren arbeiten Biomediziner an personalisierten Stammzelltherapien. Es geht um maßgeschneiderte Hilfe bei schweren Erkrankungen wie Diabetes, Parkinson oder Alzheimer. Doch bis heute hat diese Form der Therapie den Durchbruch nicht geschafft. Mit Hilfe einer Technik aus der Klonforschung hoffen Wissenschaftler nun darauf, einen entscheidenden Schritt vorangekommen zu sein - auch wenn der Ansatz bisher nur im Labor funktioniert und eine praktische Anwendung, wenn überhaupt, weit in der Zukunft liegen dürfte.

Im Fachmagazin "Nature" berichten Forscher um Dieter Egli und Scott Noggle von der The New York Stem Cell Foundation von dem neuen Verfahren. Kernpunkt ist die seit Jahren in der Klonforschung verwendete Technik des sogenannten Zellkerntransfers (somatic cell nuclear transfer, SCNT). Das Verfahren kam unter anderem bei der Erschaffung des Klonschafs Dolly im Jahr 1996 zum Einsatz: Dazu wird zunächst aus einer Eizelle der Zellkern entfernt. An seiner Stelle wird dann ein neuer Zellkern einer Spenderzelle eingesetzt. Der so entstehende Embryo ist genetisch identisch mit der Spenderzelle und kann von einer Leihmutter ausgetragen werden. Beim Menschen birgt das Verfahren massive Schwierigkeiten, weil die entstehenden Zellen normalerweise Anomalien entwickeln.

Für ihre Technik haben die Forscher den Zellkerntransfer nun modifiziert. Sie entfernten den Kern der unbefruchteten Eizelle nicht wie normalerweise üblich. Stattdessen fügten sie den Kern der Spenderzelle einfach hinzu. Im konkreten Fall handelte es sich um Hautzellen von Patienten, die an Diabetes Typ 1 litten. Dadurch entstand eine Zelle, die über zu viele - nämlich den dreifachen Satz - Chromosomen verfügte. Diese entwickelte sich aber weiter und teilte sich. Zumindest bis zum Stadium der Blastozyste, also einer Größe von 80 bis 100 Zellen, haben die Forscher das verfolgt. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir menschliche Zellen mit der Hilfe von Eizellen reprogrammieren können", schreiben die Wissenschaftler in "Nature". "Und sie identifizieren die Entfernung des Eizell-Genoms als die Hauptursache für Fehlentwicklungen nach dem Genomtransfer."

Weil in den Zellen noch die Erbinformation aus dem ursprünglichen Kern vorliegt, können die entstandenen pluripotenten Stammzellen noch nicht therapeutisch eingesetzt werden. Die Forscher müssen sich nun mit der Frage befassen, wie sie mit den gewissermaßen überschüssigen Chromosomen umgehen wollen.

Das Ziel der Suche ist es, eines Tages Stammzellen herstellen zu können, die sich sowohl in verschiedene Gewebe weiterentwickeln lassen als auch Patienten eingesetzt werden können, um kranke Zellen zu ersetzen. Die Verwendung der körpereigenen Zellen des Forscherteams um Egli hat den Vorteil, dass sie vom Immunsystem als körpereigen erkannt und daher nicht abgestoßen werden. Diese Immunverträglichkeit in Kombination mit der Pluripotenz der Zellen verspräche interessante Therapieansätze.

Mit Sicherheit wird das aktuelle Experiment wieder größere Debatten auslösen. Es geht nicht nur um die allgemeine Frage, wie die Arbeit mit embryonalen Stammzellen im Vergleich zu den ethisch weit weniger problematischen induzierten pluripotenten Stammzellen zu bewerten ist. Im konkreten Fall hatten die Wissenschaftler Frauen für die Spende ihrer Eizellen bezahlt - und zwar mit rund 8000 Dollar pro Spende. Die Forscher verweisen darauf, dass die - vollständig privat finanzierten - Studien im Einklang mit den Ethikrichtlinien der American Society for Reproductive Medicine und der International Society for Stem Cell Research ausgeführt worden seien.

chs

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ASDFZUIOP 06.10.2011
1. Stammzelltherapie
Ein interessantes Experiment, aber mir fehlt hier der konkrete Vorteil gegenüber bereits bekannten Methoden. Besonders im Vergleich mit den erwähnten induzierten pluripotenten Stammzellen scheint diese Methode ethisch deutlich fragwürdiger und noch dazu technisch anspruchsvoller zu sein, wenn erst noch das überschüssige Chromosom entfernt werden muss. Es ist ein Ergebnis, das auf den ersten Blick mehr für die Grundlagenforschung von Bedeutung ist. Hoffentlich kein neuerlicher Stein des Anstoßes, um das Bild der Stammzellforschung in der Öffentlichkeit weiter zu verschlechtern. Bei den komplizierten Begriffen und Verfahren ist es aber kein Wunder, dass der Laie nicht mehr durchblickt. Das liegt sicher auch daran, dass die Forschung in den letzten Jahrzehnten stark vorangeschritten ist und der Biologieunterricht in den Schulen hinterherhinkt. Gerade bei der älteren Generation kann man häufig beobachten, dass zwar Schiller und Goethe im Original zitiert werden können, aber jegliches Grundverständnis für die Bausteine des Lebens fehlt (z.B. wie entstehen Proteine, Transkription, Translation, usw.; man kann oft schon froh sein, wenn Protein als Synonym für Eiweiß erkannt wird). Da ist es kein Wunder, wenn die Stammzellforschung sofort verteufelt wird, oder im Gegenteil sehr unrealistische Hoffnungen daran geknüpft werden. Das Entscheiden sollte man aber lieber den Experten überlassen!
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