Patient Zero Forscher rekonstruieren Verbreitungsweg der Ebola-Seuche

Ein zweijähriges Kind war das erste Opfer des aktuellen Ebola-Ausbruchs. Von ihm ausgehend ließ sich der Verbreitungsweg der Seuche rekonstruieren - ein Szenario wie aus einem Horrorfilm.

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REUTERS

Am 2. Dezember 2013 klagte das zweijährige Kind einer jungen Mutter aus Meliandou, einem Dorf im Guéckédou-Distrikt in Guinea, plötzlich über Magenkrämpfe. Schnell entwickelte er Fieber und schwarzen Stuhl, begann sich zu erbrechen.

Die schon im April im "New England Journal of Medicine" aufgenommene, jetzt öffentlich werdende Studie, die ihn als Patient Zero, als erstes Opfer der laufenden Ebola-Epidemie identifiziert, nennt seinen Namen nicht. Es starb bereits am 6. Dezember 2013: Innerhalb von drei Wochen folgten ihm seine dreijährige Schwester, seine Mutter, seine Großmutter und eine Krankenschwester, die sie pflegte.

Die aktuelle Ebola-Epidemie begann also als Familientragödie, die im Krankenhaus von Guéckédou das Pflegepersonal in Panik versetzte, aber auch zahlreiche Menschen zu Beerdigungen zusammenbrachte. Kurz darauf starben erste Mitglieder des Pflegepersonals und Gäste der Trauerfeiern. Sie hatten noch die Zeit, die Krankheit mit in ihre Dörfer zu nehmen. Grenzüberschreitend, denn Guéckédou ist ein Grenzgebiet zu Sierra Leone und Liberia. Schon ab diesem Zeitpunkt war die Epidemie im Grunde kaum noch aufzuhalten.

Zumal es noch bis März dauern sollte, bis überhaupt begriffen wurde, was da immer mehr Menschen in den betroffenen Ländern dahinraffte: Ebola, möglicherweise die meistgefürchtete Krankheit der Gegenwart.

Diagramm der Infektionskette des Ebola-Ausbruchs in Westafrika
The New England Journal of Medicine

Diagramm der Infektionskette des Ebola-Ausbruchs in Westafrika

Die durch Filoviren verursachte Infektionskrankheit galt bisher als selten. Wo sie auftrat, geschah das schnell und mit erschreckender Tödlichkeit. Die Mortalität bei Ebola liegt - je nach Virenstamm - bei 50 bis 80 Prozent. Im direkten Kontakt mit den Körperflüssigkeiten von Betroffenen liegt ein enormes Infektionsrisiko, allerdings verbreitet sich Ebola auch nur auf diese Weise. Das ist zutiefst erschreckend, hat bisher aber stets dazu geführt, dass Ausbrüche zwar tödlich endeten, jedoch örtlich eng begrenzt blieben.

Diesmal war das anders, und umso wichtiger war die Rekonstruktion des Verbreitungswegs: Was hatte dazu geführt, dass sich die Epidemie im aktuellen Fall so schnell und weiträumig verbreiten konnte?

Die Studie, an der auch deutsche Forscher des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin in Hamburg beteiligt waren, zeichnet diesen Verbreitungsweg für die Zeit bis Ende März 2014 akribisch nach. Es ist ein Szenario wie aus einem Horrorfilm, quasi der Stammbaum einer Epidemie: Er verästelt sich mit jedem neuen Todesfall.

Ein tödlicher "Staffellauf"

Da stirbt als sechste Patientin eine Hebamme und bald darauf eine Verwandte, die sie pflegte. Sie nimmt die Krankheit mit in ihr Dorf, wo bald fünf weitere Menschen sterben. Vielleicht ist es die Schwester der Großmutter des zweijährigen Patienten Zero, die die Krankheit ins Dorf Dawa trägt, oder doch diese andere Person, die ebenfalls zur Beerdigung ging? Beide kommen auch infrage, Menschen im Dorf Gbando angesteckt zu haben, wo bald drei Menschen sterben.

In ihrem eigenen Dorf gibt es bis Ende März acht Opfer, und vier von ihnen verbreiten die Krankheit weiter: Im Baladou-Distrikt sterben 14 Menschen, im Distrikt Farako sind es vier, in Macenta 15. Die Patienten dort werden von einem Pfleger angesteckt, der bald darauf selbst stirbt - zuvor steckt der noch seinen Arzt an. Bevor dieser stirbt, infiziert er seine zwei Brüder, die wiederum drei weitere Menschen im Dorf Kissidougou anstecken; fünf weitere Patienten und Kontakte werden Opfer der Seuche auf dieser Linie.

Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Seuche knapp 100 Kilometer nach Osten und Westen verbreitet. Das heißt: Nach nur zwölf Wochen umfasst das Gebiet, in dem Krankheitsfälle auftreten, mehrere Zehntausend Quadratkilometer. Die Krankheit wird an Ort A nicht als das erkannt, was sie ist, weil man von den Fällen an Ort B zunächst nichts erfährt.

Einige Ärzte tippen zunächst auf Lassa-Fieber. Das Krankheitsbild der Infektion ähnelt dem von Ebola. Auch Lassa ist eine fürchterliche Krankheit, aber im Vergleich zu Ebola relativ häufig und weniger tödlich: Gut möglich, dass die rätselhaften Krankheitsfälle deshalb als beherrschbar verbucht werden, notwendige Maßnahmen werden jedenfalls nicht ergriffen. Erst am 6. März wird der Erreger identifiziert und die Warnungen vor Ebola beginnen durchzudringen. Schon Ende März machte Ärzte ohne Grenzen klar, dass es zu spät war: Die Seuche, warnte die Organisation, sei "außer Kontrolle".

Ebola braucht schnelle Verkehrswege

Die obige Liste beschreibt eine Art Staffellauf des Todes, bei dem jeder Infizierte zum Multiplikator der Krankheit wird. Die Experten gehen davon aus, dass die Erstinfektion auf den für Ebola üblichen Wegen geschah. Vielleicht war "Bushmeat" im Spiel, das Fleisch getöteter Primaten. Vielleicht war ein Flughund der Träger des Virus, vielleicht steckte sich das Kleinkind Patient Zero über kontaminierte Früchte an oder sogar über eine verschmutzte Spritze.

Klar wird dadurch aber auch, worin der grundsätzliche Unterschied der aktuellen Epidemie zu früheren Ausbrüchen besteht: Patient Zero lebte nicht in einer abgeschlossenen, ländlichen Gegend, sondern an einem Verkehrsknotenpunkt. Der Wanderweg der Krankheit zeigt, dass das Risiko solcher Epidemien in den nächsten Jahren in Afrika steigen wird: Je besser die Verkehrsinfrastrukturen, je fortgeschrittener die Urbanisierung, desto günstiger für das Virus.

Immer mehr Länder verschärfen nun die Grenzkontrollen, Verdachtsfälle in Deutschland, Saudi-Arabien und Kanada bestätigten sich nicht, ein Fall in Rumänien wird noch untersucht. Mehrere afrikanische Länder stellten den Flugverkehr mit betroffenen Nationen ein, auch Indien erwägt ähnliche Schritte.

Marktreife Medikamente und Impfstoffe gegen Ebola gibt es derzeit noch nicht. Gegen sonstige Gepflogenheiten kommen in der aktuellen Seuchenwelle nun unerprobte Medikamente zum Einsatz, die Weltgesundheitsorganisation WHO hält die Entwicklung eines Impfstoffs bis 2015 für realistisch.

Der wird für viele hundert Opfer zu spät kommen. Die Opferzahlen der aktuellen Epidemie, so viel zeichnet sich ab, könnten die Opferzahlen aller bisher bekannten Ausbrüche zusammen überschreiten.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, bei dem zweijährigen Patient Zero handele es sich um einen Jungen. Tatsächlich ist im Fachartikel kein Geschlecht des Kindes angegeben. Zudem hieß es, dass Lassa-Virus sei ebenfalls ein Vertreter der Familie der Filoviren. Das stimmt nicht, Lassa-Viren zählen zu den sogenannten Arenaviren. Wir haben die Fehler korrigiert und bitten, sie zu entschuldigen.

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insgesamt 36 Beiträge
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kokolemle 10.08.2014
1. Warum muss erst so was passieren, bevor intensiv nach einem Impfstoff geforscht wird?
Die WHO meint,das die Entwicklung eines Impfstoffes bis 2015 also in etwas mehr als einem Jahr möglich ist. Mann kennt diese Krankheit schon seit 1976, das sind 38 Jahre bis heute und es wurde garnichts bis heute in der medizinischen Forschung getan. Warum nicht? Glaubte man ernsthaft, das dies nur ein regionales Problem bleiben wird und scheute man deshalb die Forschungsausgaben? Jetzt haben wir den Salat und die Katastrophe ist da. Hätten wir jetzt schon einen wirksamen Impfstoff, wäre es soweit gar nicht gekommen. Aber man gibt ja lieber Billionenbeträge an Euro für die Bankenrettungen aus.
trifids 10.08.2014
2. Impfstoff gegen Ebola
...ist dann ein Thema, wenn durch hohe Fallzahlen sich Wirtschaftlichkeit einstellt, sprich: Gewinn! Immunisierungen gibt es heute schon, bei den Überlebenden...Medizin ist in erster Linie eine "Industrie", mit Glück hilft sie auch.
wincel 10.08.2014
3.
Mal ganz langsam, an einen Impfstoff wird schon lange gearbeitet, aber Filoviren sind eine eigene Klasse und damit gibt es keinerlei Produkte, bei denen man nur abgewandelt muss. solche Forschung ist sehr, sehr zeitaufwändig und kompliziert. Erst kürzlich kamen erste vielversprechende (!) Ergebnisse, deswegen die Vorhersage für 2015.
Sumerer 10.08.2014
4.
Zitat von kokolemleDie WHO meint,das die Entwicklung eines Impfstoffes bis 2015 also in etwas mehr als einem Jahr möglich ist. Mann kennt diese Krankheit schon seit 1976, das sind 38 Jahre bis heute und es wurde garnichts bis heute in der medizinischen Forschung getan. Warum nicht? Glaubte man ernsthaft, das dies nur ein regionales Problem bleiben wird und scheute man deshalb die Forschungsausgaben? Jetzt haben wir den Salat und die Katastrophe ist da. Hätten wir jetzt schon einen wirksamen Impfstoff, wäre es soweit gar nicht gekommen. Aber man gibt ja lieber Billionenbeträge an Euro für die Bankenrettungen aus.
Wirtschaftlich wird man niemals ein Mittelchen gegen alle möglichen Erkrankungen prophylaktisch herstellen können. Richtig ist sicherlich, es wird für eine Menge Blödsinn jede Menge Geld ausgegeben, die aber keine substituierbaren Ausgaben darstellen. Wenn überhaupt, dann befindet sich in diesem Fall ein eventuell zukünftiger Markt gerade in der Entwicklungsphase.
Newspeak 10.08.2014
5. ...
Zitat von kokolemleDie WHO meint,das die Entwicklung eines Impfstoffes bis 2015 also in etwas mehr als einem Jahr möglich ist. Mann kennt diese Krankheit schon seit 1976, das sind 38 Jahre bis heute und es wurde garnichts bis heute in der medizinischen Forschung getan. Warum nicht? Glaubte man ernsthaft, das dies nur ein regionales Problem bleiben wird und scheute man deshalb die Forschungsausgaben? Jetzt haben wir den Salat und die Katastrophe ist da. Hätten wir jetzt schon einen wirksamen Impfstoff, wäre es soweit gar nicht gekommen. Aber man gibt ja lieber Billionenbeträge an Euro für die Bankenrettungen aus.
Sie können sicher sein, daß es schon seit 1976 Forschungen zu einem Impfstoff gibt. Nur sind Forschungen das eine und die Entwicklung eines funktionierenden Impfstoffs das Andere! Nehmen sie das Beispiel HIV. Dort werden seit Jahrzehnten Milliarden in die Impfstofforschung gepumpt und man findet keinen. Weil das kein Selbstläufer ist! Es gibt zwar ein gutes Verständnis über Viren, ihre Vermehrungsstrategien und die menschliche Immunantwort darauf, aber das ist nun mal trotzdem keine Garantie dafür, daß man erfolgreich ist. Viele Kandidatenimpfstoffe sind z.B. in Zellkultur oder im Tiermodell wirksam, aber versagen trotzdem beim Menschen. Nehmen sie als zweites Beispiel Malaria. Da wurden erfolgreich Impfstoffe entwickelt, ie jedoch nur ein paar Jahre wirksam waren, bis der Malaria-Erreger Resistenzen dagegen ausgebildet hat. Aus Gründen der geringen Wirksamkeit sind viele Impfstoffe heute auch gar nicht mehr in Gebrauch. Es gab auch mal Impfstoffe gegen Cholera oder die Pest, aber die sind, verglichen mit der Behandlung auf konventionelle Art, z.B. durch Antibiotika, viel schlechter. Sie bieten keinen 100% und keinen dauerhaften Schutz und haben zu viele echte (und nicht eingebildete) und schwere Nebenwirkungen. Es ist also alles nicht so einfach und es wäre viel damit getan, wenn Jemand, bevor er etwas kritisiert, versuchen würde, sich einen Einblick in die Hintergründe zu verschaffen. Es ist oftmals das Geld, das medizinischen Fortschritt verhindert, ja, aber hier gibt es noch viele andere Aspekte, die viel bedeutender sind. Und einfacher als einen Impfstoff zu entwickeln, wäre es, den Afrikaner den Appetit auf "bushmeat" zu nehmen. Durch Aufklärung und indem man den Afrikanern den Aufbau von Tierzucht, Schweine und Rinder, ermöglicht. Da gibt es dann wieder andere Probleme, EU-Zölle z.B. oder die Tse-tse Fliege. Die könnte man aber vermutlich leichter in den Griff kriegen, wenn man nur wollte. Ja, und hier geht es wirklich vor allem um Geld.
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