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27. Januar 2011, 14:27 Uhr

Französischer Pharmaskandal

Tödlicher Appetitzügler beschäftigt Gerichte

33 Jahre hat der französische Konzern Servier den Appetithemmer Mediator verkauft - obwohl er um dessen tödliche Nebenwirkungen gewusst haben soll. Rund 500 Menschen sollen gestorben sein, weil sie das Mittel schluckten. Der Fall beschäftigt jetzt die Gerichte und das Parlament.

Frankreichs jüngster Medizinskandal dreht sich um einen Appetithemmer. Mediator, vom französischen Pharmakonzern Servier hergestellt, war eigentlich für übergewichtige Diabetiker bestimmt. Doch auch viele Menschen ohne Zuckerkrankheit nutzten ihn, um die Linie halten. Alles in allem sollen es fünf Millionen Menschen eingenommen haben. Allerdings hatte Mediator schlimme Nebenwirkungen: An dem Medikament, das Herz-Kreislauf-Probleme hervorrufen kann, sollen nach Schätzungen seit 1976 Hunderte gestorben sein.

Der Fall beschäftigt nun nicht nur die Justiz, sondern auch die Politik. Der 88-jährige Firmengründer Jacques Servier muss sich bereits vor Gericht verantworten. Und seit dieser Woche befasst sich damit auch eine parlamentarische Untersuchungskommission. Präsident Nicolas Sarkozy versprach, bis Mitte des Jahres die Aufsicht über die Pharmaindustrie neu zu regeln.

In einer offiziellen Regierungsstudie werden schwere Vorwürfe gegen Servier erhoben. Als der Pharma-Boss Mediator vor 35 Jahren auf den Markt brachte, habe er versucht, "das neue Medikament als Mittel gegen Diabetes darzustellen, was es vielleicht ist, und nicht als Appetithemmer, was es sicher ist". Servier habe schon vor 1976 von den gefährlichen Stoffen gewusst, die in Mediator enthalten sind. Eine Untersuchung von Frankreichs staatlicher Gesundheitsagentur AFSSAPS ergab, dass mindestens 500 Menschen daran starben.

Mediator ist auch bekannt unter dem Namen Benfluorex. In den USA sind vergleichbare Mittel seit 1997 wegen ihrer Nebenwirkungen für das Herz-Kreislauf-System verboten.

Nun liegen dem Landgericht in Nanterre bei Paris 116 Klagen wegen Betrugs gegen Servier, sein gleichnamiges Unternehmen und Mitglieder des Managements vor. Der Mediziner muss mit vier Jahren Haft, Lizenzentzug für seine Firma und hohen Entschädigungszahlungen rechnen. Allein die Krankenkassen erwarten bei einer Verurteilung rund 220 Millionen Euro. Immerhin erklärte er schon, sich an einem Entschädigungsfonds für die Opfer beteiligen zu wollen.

Früheres Verbot verhindert?

Durch zwei Berater im Gesundheitsministerium bekommt der Fall auch eine politische Dimension: Sie hätten wegen enger Verbindungen zum Konzern verhindert, dass Mediator früher als 2009 verboten wurde, berichtet das Enthüllungsblatt "Canard Enchaîné". Gesundheitsminister Xavier Bertrand sprach von einem Versagen der Pharmaaufsicht. Er kündigte an, in Kürze eine Liste mit 76 anderen Medikamenten zu veröffentlichen, die unter Beobachtung stehen.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte Irène Franchon, eine Krankenhausärztin aus der nordwestfranzösischen Stadt Brest. Bei ihr waren Patienten mit Herz-Lungen-Problemen in Behandlung, die häufig Mediator einnahmen. Der Fall erinnerte sie an den Appetithemmer Isoméride, der ebenfalls von Servier stammte. Isoméride wurde schon 1997 wegen gefährlicher Nebenwirkungen für das Herz-Kreislauf-System vom Markt genommen. Mediator hingegen gibt es in Frankreich erst seit Dezember 2009 nicht mehr zu kaufen.

Thomas Körbel, dpa

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