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Krankenkassen-Report: Frauen bekommen mehr Psychopharmaka als Männer

Medizinisch ist der Unterschied nicht zu erklären: Männer bekommen deutlich seltener als Frauen Psychopharmaka verschrieben. Das ist eines der Ergebnisse im Arzneimittelreport der Krankenkasse Barmer GEK. Dadurch steigt auch die Suchtgefahr bei Patientinnen.

Arzneimittelreport: Frauen in der Pillen-Falle Fotos
dapd

Berlin - Antidepressiva, Beruhigungsmittel, Schlaftabletten: Solche Medikamente bekommen Frauen in Deutschland deutlich häufiger verschrieben als Männer. Das berichtet die Krankenkasse Barmer GEK in ihrem aktuellen Arzneimittelreport.

Gesundheitsexperten analysierten die Daten von 9,1 Millionen Versicherten, wobei Frauen mit 58 Prozent die Mehrheit der Barmer-GEK-Kunden stellen. Auch ist das Durchschnittsalter der Frauen etwas höher (47,1 Jahre) als das der Männer (41,8 Jahre). Die Unterschiede bei der Medikamenten-Verschreibung sind damit jedoch nicht allein zu erklären.

Vielmehr scheint das Geschlecht ihrer Patienten Ärzte bei der Therapieentscheidung zu beeinflussen. Denn dass Frauen zwei- bis dreimal mehr Psychopharmaka verordnet werden als Männern, sei medizinisch kaum zu begründen, urteilen die Autoren des Reports. Als mögliche Ursache nennt der Bericht, dass Frauen öfter zum Arzt gingen und dort eher als Männer bereit seien, über psychische Belastungen zu sprechen.

Auch ein vom Robert-Koch-Institut herausgegebener Bericht über "Gesundheit von Frauen und Männern in mittleren Lebenslagen" kam zu dem Ergebnis, dass Ärzte bei Frauen und Männern oft unterschiedliche Maßstäbe anlegten. So komme es vor, dass Mediziner die gleichen Symptome unterschiedlich deuten. Generell bekämen Frauen eher Mittel mit Wirkung auf die Psyche verordnet und Männer Medikamente gegen körperliche Störungen, etwa des Herz-Kreislauf-Systems.

1,2 Millionen von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln abhängig

Die Autoren des Barmer-GEK-Reports weisen darauf hin, dass die Verordnung von Beruhigungs- und Schlafmitteln Gefahren birgt: Laut dem Sozialforscher Gerd Glaeske von der Universität Bremen ist davon auszugehen, dass in Deutschland rund 1,2 Millionen Menschen von solchen Medikamenten abhängig sind. Zwei Drittel davon seien Frauen im höheren Lebensalter.

Ältere Frauen bekommen deshalb auch öfter als Männer Medikamente, die auf der sogenannten Priscus-Liste stehen. Das sind Mittel, die für ältere Patienten besondere Gefahren bergen, weil sie etwa das Risiko eines Sturzes erhöhen.

Auch wenn man sämtliche Medikamente betrachtet, bekommen Frauen häufiger ein Rezept vom Arzt. Auf 100 Frauen entfielen im vergangenen Jahr im Schnitt 937 Verordnungen. Damit lagen sie 22,3 Prozent über den Männern, die auf 763 Verordnungen kamen.

Die Differenz bei den Medikamentenkosten fällt geringer aus: Die Arzneikosten für 100 versicherte Männer betrugen 41.100 Euro, für 100 Frauen lagen sie bei 44.900 Euro. Eine Verordnung für einen Mann kostete durchschnittlich 54 Euro, die für eine Frau 48 Euro.

Im Report wird außerdem bemängelt, dass viele Zahnärzte zu teure Antibiotika und falsche Schmerzmittel verordnen. Zudem klagt die Krankenkasse über teure Scheininnovationen, die im Gegensatz zu bisherigen Medikamenten keinen Zusatznutzen aufweisen. Glaeske bezifferte die Effizienzreserven im Arzneimittelbereich bei der Barmer GEK auf zwölf Prozent - was 480 Millionen Euro entspricht.

wbr/dpa/dapd

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