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Hinrichtungen per Giftspritze: Deutscher Hersteller will Narkosemittel-Export in die USA schärfer kontrollieren

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Henker in den USA wollen das Narkosemittel Propofol für ihre Todes-Cocktails nutzen - produziert wird es von einem deutschen Konzern. Nach Protesten von Menschenrechtsaktivisten will der Hersteller Fresenius nun strengere Lieferkontrollen einführen.

Narkosemittel Propofol: "Wir beliefern keine Gefängnisse oder Strafvollzugsbehörden" Zur Großansicht
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Narkosemittel Propofol: "Wir beliefern keine Gefängnisse oder Strafvollzugsbehörden"

Hamburg - Sie werden wohl weiterhin keine Wirkstoffe für ihre Hinrichtungsspritzen bekommen: Henker in den USA können weder das Narkosemittel Thiopental-Natrium noch das ebenfalls eingesetzte Pentobarbital aus Europa beziehen - das verhindert die Anti-Folter-Verordnung der EU.

Und auch das Narkosemittel Propofol, das einige amerikanische Strafvollzugsbehörden nun einsetzen wollen, werden die Beamten in US-Gefängnissen wohl nicht für Giftcocktails nutzen können. Der Hersteller Fresenius Kabi aus Hessen hat nun auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärt, die Lieferbedingungen in den USA genauer kontrollieren zu wollen.

Im Juni noch hatte Fresenius Kabi, eine Tochter des gleichnamigen DAX-Konzerns, auf Anfrage erklärt, den Export in die USA nicht einschränken zu wollen. Allein in den USA komme der weltweit eingesetzte Wirkstoff in mehr als 15.000 Krankenhäusern, Arztpraxen, Zahnarztpraxen und anderen medizinischen Einrichtungen rund 50 Millionen Mal pro Jahr zum Einsatz, sagte Konzernsprecher Matthias Link.

"Wir beliefern keine Gefängnisse in den USA mit Propofol"

Versuche von Menschenrechtsorganisationen wie Reprieve aus Großbritannien oder Amnesty International, Fresenius Kabi zu einem Wechsel im Geschäftsgebaren zu bewegen, waren zunächst erfolglos verlaufen. Zuvor hatte die dänische Firma Lundbek, Hersteller von Pentobarbital - das als Alternative zu Thiopental-Natrium herhalten musste - erklärt, die Auslieferung seines Arzneimittels nur mit noch schärferen Auflagen zu ermöglichen. Wer Pentobarbital bestellt, muss zuvor schriftlich bestätigen, dass er dieses einzig für klinische Zwecke verwendet.

Im Vergleich zu Propofol seien Verbreitung und Einsatzgebiet von Pentobarbital allerdings weitaus geringer, sagte Sprecher Link. Propofol komme in den USA jeden Tag dreimal so oft zum Einsatz wie Pentobarbital in einem ganzen Jahr. Pentobarbital werde zudem nur in einer begrenzten Zahl von Akutkrankenhäusern verwendet, wohingegen Propofol in über 15.000 Krankenhäusern sowie anderen Gesundheitseinrichtungen im ganzen Land eingesetzt werde.

Dennoch trete Fresenius Kabi natürlich dafür ein, dass seine Produkte nur für die medizinischen Zwecke verwendet werden, für die sie von den jeweiligen Behörden zugelassen wurden. "Wir beliefern keine Gefängnisse in den USA mit Propofol und werden dies auch in der Zukunft nicht tun", sagte Link. Der Konzern prüfe derzeit weitere Möglichkeiten, den Bezug von Propofol in den USA stärker zu kontrollieren.

Menschenrechtsaktivisten: "Das ist ein gutes Ergebnis"

Bei einem wichtigen und häufig eingesetzten Medikament wie Propofol sei der schnelle und flächendeckende Zugriff von Ärzten und Apothekern nur durch die Zusammenarbeit mit Großhändlern möglich, die Kunden überall in den USA kurzfristig beliefern können, zudem hielten Ärzte, Apotheken, Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen teilweise größere Mengen an Propofol auf Vorrat.

"Wir prüfen derzeit, ob es weitere Möglichkeiten gibt, den Bezug von Propofol in den USA stärker zu kontrollieren, um auszuschließen, dass das Medikament für andere als die zugelassenen medizinischen Zwecke verwendet wird", sagt Sprecher Link. Man stehe in engem Kontakt mit den Vertriebspartnern in den USA, außerdem gäbe es Gespräche mit der Organisation Reprieve.

Voraussetzung für alle in Betracht zu ziehenden Maßnahmen ist jedoch, dass diese nicht die breite und schnelle Verfügbarkeit von Propofol einschränken, so dass die Krankenversorgung auch in Notfällen stets gewährleistet ist.

"Das ist ein gutes Ergebnis", sagt ein Sprecher von Amnesty International Deutschland. Die Menschenrechtsorganisation hatte Fresenius angeschrieben und um Stellungnahme gebeten, wie sie verhindern wollen, dass das Narkosemittel missbraucht wird. Man werde die weiteren Entwicklungen genau beobachten.

Auch der Bundestag beschäftigt sich mittlerweile mit der Frage, wie verhindert werden kann, dass Narkosemittel aus Deutschland für Todesspritzen in den USA missbraucht werden. In einer Kleinen Anfrage möchte die Fraktion Die Linke wissen, ob sich die Regierung dafür einsetzen wird, dass Propofol bei der Überarbeitung der Anti-Folter-Verordnung in die Liste aufgenommen wird.

Aufgrund von Lieferschwierigkeiten anderer Hersteller ist Fresenius Kabi momentan der einzige Anbieter von Propofol in den USA. Die FDA hat das Medikament auf die Liste der von Lieferengpässen bedrohten Arzneimittel ("drug shortages") gesetzt. Erst im August 2012 beabsichtigt ein amerikanischer Wettbewerber, seine Propofol-Produktion in den USA, die wegen technischer Probleme unterbrochen war, wieder aufzunehmen.

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1. Mittlerweile
johnnychicago 16.07.2012
muss man schon vor Angehörigen aufpassen, dass man Propofol nicht erwähnt, weil die Medien es zum Killermedikament Nr1 hochstilisiert haben. Dabei ist das Zeugs richtig dosiert eines der besten Narkosemittel mit den wenigsten Nebenwirkungen.
2. naja
Owlyard 16.07.2012
wenn propofol nicht da ist, könnten sie ja eines der barbiturate oder ein potentes Fentanylderivat benutzen. Die Haupttodesursache ist ja eine hohe dosis Kaliumchlorid (und wenn mann so will auch das Muskelrelaxans)
3. Ether, Chloroform oder Ethanol
gsm900 16.07.2012
Zitat von Owlyardwenn propofol nicht da ist, könnten sie ja eines der barbiturate oder ein potentes Fentanylderivat benutzen. Die Haupttodesursache ist ja eine hohe dosis Kaliumchlorid (und wenn mann so will auch das Muskelrelaxans)
könnter man auch nehmen. Oder Dihydrogenmonoxid, Stickstoff, Xenon (sogar von der BBC empfohlen).
4.
Obi-Wan-Kenobi 16.07.2012
Zitat von johnnychicagomuss man schon vor Angehörigen aufpassen, dass man Propofol nicht erwähnt, weil die Medien es zum Killermedikament Nr1 hochstilisiert haben. Dabei ist das Zeugs richtig dosiert eines der besten Narkosemittel mit den wenigsten Nebenwirkungen.
Das findet Michael Jackson auch :-) Ich hoffe mal, dass das von Fresenius ernst gemeint ist. Mit dem amerikanischen Todesstrafen-Fetisch muss man in der Tat kein Geld verdienen. Wenn jetzt noch Rheinmetall genauer schauen würde wer bei ihnen kauft, wäre Deutschland ein etwas besserer Ort.
5. Besserer wohl kaum...
sappelkopp 16.07.2012
Zitat von Obi-Wan-KenobiDas findet Michael Jackson auch :-) Ich hoffe mal, dass das von Fresenius ernst gemeint ist. Mit dem amerikanischen Todesstrafen-Fetisch muss man in der Tat kein Geld verdienen. Wenn jetzt noch Rheinmetall genauer schauen würde wer bei ihnen kauft, wäre Deutschland ein etwas besserer Ort.
...aber ärmer! Wir sollten uns als Gesellschaft endlich mal entscheiden, was wir liefern wollen, und was nicht. Übrigens, auch mit Brotmessern aus Solingen kann man Menschen umbringen.
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Todesspritze: Kein Gift mehr aus Europa

Methoden der Vollnarkose
Gasnarkose
Die Gasnarkose ist die älteste Form der Narkose, angewandt wird sie bis heute. Die am häufigsten eingesetzten Gase sind Sevofluran, Desfluran oder Isofluran.

Narkosegase machen wie auch Injektions-Narkosemittel immer nur einen Teil der Narkose aus. Weil die Schlafmittel Schmerzen nur schlecht oder gar nicht lindern, muss der Narkosearzt zusätzlich Schmerzmittel einsetzen, meist werden sogenannte Opioide verwendet.

Die Narkosegase atmet der Patient über die Lunge ein, ihre Wirkung entfaltet sich im Gehirn. Der Anästhesist orientiert sich für die Narkosetiefe an der Konzentration des Narkosegases in der Atemluft des Patienten.

Lange Zeit bewirkten Gasnarkosen beinahe regelmäßig Übelkeit und Erbrechen nach der Operation. Mittlerweile haben Narkoseärzte verschiedene Möglichkeiten, dieses Risiko zu senken.
Injektionsnarkose
Mittlerweile werden viele Narkosen mit Hilfe von über die Vene verabreichten Medikamenten durchgeführt. Der Patient schläft entweder nur durch diese Mittel oder bekommt zusätzlich noch Narkosegas. Das bekannteste intravenöse Schlafmittel ist Propofol. Injektions-Schlafmittel nehmen keine Schmerzen, weswegen auch sie mit Schmerzmitteln kombiniert werden müssen.

Bei Injektionsnarkosen ist das Risiko von Übelkeit und Erbrechen nach der Operation geringer als bei Gasnarkosen. Anders als bei Narkosegasen kann bei injizierten Medikamenten allerdings nicht genau gemessen werden, wie hoch die Konzentration des Schlafmittels im Blut gerade ist. Der Anästhesist orientiert sich an den klinischen Zeichen des Patienten: Blutdruck, Puls, Schwitzen, Tränenfluss oder Bewegungen.
Überwachung
Bei allen Vollnarkosen überwacht ein Anästhesist schon vor dem Einschlafen des Patienten eine Vielzahl von Körperfunktionen. Während der gesamtem Operation passt er auf Atmung, Schlaftiefe und Kreislauf auf.

Dazu werden ständig Blutdruck und Puls gemessen, ein EKG geschrieben, bei verschiedenen Operationen auch ein vereinfachtes EEG (Hirnstrommessung). Klinische Zeichen wie Schwitzen, Tränenfluss oder Bewegungen geben dem Anästhesisten weitere Hinweise, wie tief die Narkose sein muss.

Im Aufwachraum kontrollieren Anästhesisten und Pflegekräfte auch nach dem Wachwerden noch, wie es dem Patienten geht.
Beatmung
Während Vollnarkosen muss der Patient immer vom Anästhesisten beatmet werden, denn in der tiefen Narkose atmet der Körper nicht mehr von selbst. Dazu bekommt der Patient normalerweise einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre eingelegt, wenn er bereits schläft. In vielen Fällen reicht heute auch eine Beatmungsmaske, die nur in den Mund-Rachen-Raum geschoben wird.

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