Von Nina Weber
Seit Jahrzehnten mehren sich Hinweise, dass etwas den Spermien zusetzt. Studien aus verschiedenen Ländern kamen zu dem Schluss: Die Anzahl der Zellen in der Samenflüssigkeit sinkt, der Anteil von nicht normal geformten Spermien steigt. Um rund zwei Prozent pro Jahr geht die Zahl männlicher Samen zurück, schrieb der SPIEGEL - im Jahr 1996. Allerdings gab es auch Untersuchungen, die diesen Trend nicht bestätigten. Ob es ein weltweites Phänomen ist, ist noch immer zweifelhaft. Auch die Methodik vieler früher Studien haben Wissenschaftler kritisiert.
Französische Forscher legen nun Daten vor, die nicht mit methodischen Mängeln behaftet sind. Im Fachmagazin "Human Reproduction" berichten sie, dass sie Informationen über die Spermienzahl von rund 26.000 Männern im Zeitraum von 1989 bis 2005 ausgewertet haben.
Die Forscher geben Daten an, die für einen durchschnittlichen Studienteilnehmer gelten, der zum jeweiligen Zeitpunkt 35 Jahre alt ist:
Partner unfruchtbarer Frauen untersucht
Wie kamen die Wissenschaftler um M. Rolland vom Institut de Veille Sanitaire in Saint Maurice zu ihren Daten? Sie stammen aus 126 französischen Fruchtbarkeitskliniken. Die Forscher nahmen in ihre Studie nicht alle verfügbaren Datensätze von mehr als 150.000 Männern auf, sondern nur eine bestimmte Gruppe. Nämlich Männer, deren Partnerin wegen eines Verschlusses beider Eileiter unfruchtbar war. Diese Männer, so die Idee, dürften sich hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit - und Spermienqualität - nicht wesentlich von der Gesamtbevölkerung unterscheiden.
Die Forscher merken aber an, dass Paare, die zur künstlichen Befruchtung in eine Klinik gehen, in Frankreich im Schnitt besser gebildet sind als der Durchschnitt - obwohl die Methode von den staatlichen Krankenkassen bezahlt wird. Im Schnitt müsste es also in der untersuchten Gruppe weniger Übergewichtige und Raucher gegeben haben als in der Gesamtbevölkerung. Sowohl Rauchen als auch Übergewicht beeinflussen die Spermien negativ, die Daten lassen sich damit nicht uneingeschränkt auf ganz Frankreich übertragen.
Ob die Studie den Streit darum löst, ob die Spermienanzahl tatsächlich in vielen Ländern sinkt, kann man bezweifeln. Wie viele Langzeitstudien, hat auch diese das Problem, dass sich Bedingungen über die Jahrzehnte ändern - so ist etwa die Genauigkeit, mit der man verformte Spermien erkennt und damit zählt, gestiegen. Wodurch der Anteil der normalen Spermien also allein durch die Methodik sinkt.
Chemikalien als Auslöser im Verdacht
Und: Einen Grund für den Spermienschwund können die Wissenschaftler aus dieser Untersuchung nicht ableiten. Dass nur die Anzahl sowie der Anteil der normal geformten Spermien sank, nicht aber deren Beweglichkeit, spricht ihren Angaben zufolge aber dafür, dass die steigende Zahl Übergewichtiger das Phänomen nicht erklärt - und auch zunehmender Stress nicht.
Vielmehr vermuten die Franzosen, wie viele andere Forscher vorher auch, dass schädliche Chemikalien den Trend zumindest teilweise erklären. Sogenannte endokrine Disruptoren können das hormonelle Gleichgewicht kippen - entsprechende Folgen bei Tieren wurden in der Natur schon beobachtet.
Neben verschiedenen Weichmachern und Pflanzenschutzmitteln zählen dazu bereits weltweit verbotene Stoffe, wie die polychlorierten Biphenyle, die sich aber durch ihren langjährigen Einsatz in der Umwelt angereichert haben und daher immer noch wirken können. Synthetisch erzeugte Hormone, die in Anti-Baby-Pillen enthalten sind, stehen aber genauso auf der Liste wie pflanzliche Stoffe, etwa die Isoflavone aus Sojabohnen.
Möglich ist zudem, dass sogenannte epigenetische Veränderungen hinter dem beobachteten Trend stecken. Zur Epigenetik zählt, wie das Erbgut in den Zellkernen angeordnet ist, was wiederum beeinflusst, welche Gene wie stark aktiv sind. Veränderungen auf dieser Ebene wirken nicht auf den genetischen Code selbst - die DNA - aber eben auf dessen Organisation, was sich genauso stark niederschlagen kann.
In Frankreich, erklärt die an der Studie beteiligte Forscherin Joëlle Le Moal, wollen die Gesundheitsbehörden möglichen endokrinen Disruptoren künftig noch mehr Aufmerksamkeit schenken.
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