Uno-Report: Eine Million Frühchen sterben jedes Jahr

Die Zahl steigt, weltweit: Über eine Millionen Frühchen sterben jedes Jahr, wie der erste Frühgeborenen-Report der Vereinten Nationen offenbart. Auch entwickelte Länder wie Deutschland oder die USA schneiden dabei nicht immer gut ab. 75 Prozent der Kinder könnten überleben.

30 Wochen und vier Tage im Mutterbauch: Der kleine Junge kam viel zu früh auf die Welt Zur Großansicht
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30 Wochen und vier Tage im Mutterbauch: Der kleine Junge kam viel zu früh auf die Welt

London - 15 Millionen Kinder kommen jedes Jahr zu früh zur Welt, 1,1 Millionen dieser Babys sterben kurz darauf: Das ist das erschreckende Ergebnis des weltweit ersten umfassenden Frühgeborenen-Reports, der am Mittwoch in London vorgestellt wurde.

"Es ist das erste Mal, dass wir Schätzungen für alle Gegenden der Welt vorlegen können", sagt die Südafrikanerin Joy Lawn. Sie ist eine der Hauptautorinnen der Studie. Mehr als hundert Forscher von 40 Universitäten, Uno- und Hilfsorganisationen waren an dem Bericht beteiligt.

Die höchste Quote an Frühgeburten hat demnach mit 18,1 Prozent Malawi in Südostafrika, die niedrigste Weißrussland mit 4,1 Prozent. Die USA liegen mit 12 Prozent auf Rang 131. In Deutschland werden der Statistik zufolge 9,2 Prozent aller Kinder zu früh geboren. Die Bundesrepublik kommt damit international auf Rang 79 und ist damit schlechter als viele Nachbarstaaten - und auch schlechter als Albanien oder Surinam. Eines haben aber fast alle der 65 genauer untersuchten Staaten gemeinsam: "Die Zahlen steigen", sagt Lawn.

Einfache Maßnahmen könnten Leben retten

"Mehr als jedes zehnte Baby, das auf der Welt geboren wird, wird zu früh geboren", betont die Epidemiologin. Die Gründe für die Frühgeburten, zu denen der Report alle Schwangerschaften zählt, die vor der 38. Woche zu Ende sind, sind vielfältig: Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht, Bluthochdruck sowie Rauchen und späte Mutterschaften in den entwickelten Ländern; Mangel an Hygiene, fehlender Schutz vor Infektionen und schlechtes medizinisches Wissen in den Entwicklungsländern. Gerade dort bestehe Handlungsbedarf, sagt Lawn. "Und gerade dort ist es machbar."

"Der Report zeigt uns zum ersten Mal das weltweite Ausmaß des Problems." Frühgeburt sei die zweithäufigste Ursache für den Tod von Säuglingen hinter Lungenentzündung, betont die Expertin.

75 Prozent der sterbenden Kinder könnten überleben, wenn nur einfachste Maßnahmen ergriffen würden - wie das sogenannte Känguru-Mutter-Modell. Müttern wird dabei gezeigt, wie sie ihre Kinder so auf der Brust tragen, dass diese schön warm bleiben. Eine Spritze, die Müttern vor der Geburt verabreicht wird und nur einen Dollar kostet, kann Lungenprobleme von Frühgeborenen bekämpfen.

"Alle Neugeborenen sind verletzlich, aber Frühgeborene sind es auf ganz besondere Weise", schrieb Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon im Vorwort des Berichts. Lawn, die für die Organisation Save the Children arbeitet, sagt es deutlicher: Es sei vergleichsweise schwer, die Essgewohnheiten in den USA oder Großbritannien zu ändern oder die Mütter in Deutschland dazu zu bringen, früher schwanger zu werden. Es sei aber vergleichsweise leicht, genügend warme Kleidung und Antibiotika zur Verfügung zu stellen, um in Südostasien oder Afrika Krankheiten während der Schwangerschaft oder der ersten Lebenstage des Kindes zu vermeiden.

"Was mit Kindern passiert, die zu früh zur Welt kommen, hängt im hohen Maße davon ab, wo sie geboren werden", sagt die Südafrikanerin. Christopher Howson von der Hilfsorganisation March of Dimes, die die Gesundheit von Neugeborenen verbessern will, sieht eine "dramatische Lücke" zwischen entwickelten und weniger entwickelten Ländern.

Kinder, die länger als 25 Wochen im Mutterleib waren, haben in den entwickelten Ländern eine 50:50-Chance, zu überleben. "Kinder, die in Afrika oder Südasien nur acht Wochen zu früh kommen, haben ein viel größeres Risiko zu sterben", betont Joy Lawn.

nik/dpa

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1. Falscher Weg
casbavaria 02.05.2012
Zitat von sysopAPDie Zahl steigt, weltweit: Über eine Millionen Frühchen sterben jedes Jahr, wie der erste Frühgeborenen-Report der Vereinten Nationen offenbart. Auch entwickelte Länder wie Deutschland oder die USA schneiden dabei nicht immer gut ab. 75 Prozent der Kinder könnten überleben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,830976,00.html
..in meinen Augen sollte man lieber Frühgeburten verhindern als Frühchen grosszuziehen, die mit einem hohen Prozentsatz lebenslang behindert sind. Macht es wirklich Sinn, monatelang Frühchen mit einem Geburtsgewicht von 400g oder weniger zu quälen, damit sie behindert überleben? Hätte es mich getroffen, ich hätte in einem so frühen Stadium der Schwangerschaft den Abgang als "natürliche Selektion" empfunden. Und wenn es stimmt, dass Alkohol, Nikotin und zu späte Schwangerschaften Frühgeburten massiv fördern, dann wäre wohl Prävention besser, als noch ü45-Jährigen per In-Vitro-Befruchtung Schwangerschaften zu ermöglichen - das hat ja wohl mit Natur gar nichts mehr zu tun. Und mit Verlaub, liebe Spätgebärende, dass der Zug mit ü40 langsam abgefahren ist, kommt ja nicht wirklich überraschend, oder?
2. Ach wie leicht...
johnnychicago 02.05.2012
Zitat von casbavaria..in meinen Augen sollte man lieber Frühgeburten verhindern als Frühchen grosszuziehen, die mit einem hohen Prozentsatz lebenslang behindert sind. Macht es wirklich Sinn, monatelang Frühchen mit einem Geburtsgewicht von 400g oder weniger zu quälen, damit sie behindert überleben? Hätte es mich getroffen, ich hätte in einem so frühen Stadium der Schwangerschaft den Abgang als "natürliche Selektion" empfunden. Und wenn es stimmt, dass Alkohol, Nikotin und zu späte Schwangerschaften Frühgeburten massiv fördern, dann wäre wohl Prävention besser, als noch ü45-Jährigen per In-Vitro-Befruchtung Schwangerschaften zu ermöglichen - das hat ja wohl mit Natur gar nichts mehr zu tun. Und mit Verlaub, liebe Spätgebärende, dass der Zug mit ü40 langsam abgefahren ist, kommt ja nicht wirklich überraschend, oder?
.... lässt sich immer urteilen, wenn man nicht selbst betroffen ist. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man sein Kind nicht so leicht los lassen kann und will, wenn man einmal im Ultraschall das kleine Herz hat schlagen sehen. Gott sei Dank ist bei uns alles gut gegangen. Übrigens kann das Känguru-Tragen auch vom Vater gemacht werden, hilft auch;-) Ich weiss es!
3.
zorga 02.05.2012
Natürlich ist es für die betroffenen Eltern eine Katastrophe, aber es gibt ohnehin zuviele Menschen auf diesem Planeten.
4.
Moritz_h 02.05.2012
@casbavaria Ein Mensch ist nicht mehr oder weniger wert, wenn er behindert ist. Vielleicht sollten sie sich mal klar machen, dass es auch Menschn gibt, die gern ein behindertes Kind groß ziehen und es immer noch als Geschenk Gottes - oder woran die Eltern auch immer glauben wollen - betrachten. So eine Einstellung ist schlichtweg ignorant gegenüber den Gefühlen der Eltern und den Rechten der Kinder.
5.
jack_the_flipper2 02.05.2012
=D wie intelligent, wie intelligent. Witziger weise wir in dem ganzen Artikel unter vielem anderen kein Wort darüber verloren, dass es bei steigender Anzahl an Geburten auch eine steigende Anzahl an Frühchen geben muss. Diese frühchen, die natürlicherweise annähernd null Überlegenschancen hätten werden dann hochgepäppelt und überleben meistens doch noch irgendwie. Natürlich ist das nicht... Und da stellt sich doch auch die Frage nach dem Sinn: Macht es Sinn bei weltweit rasant ansteigender Bevölkerung jeden eigentlich nicht lebensfähigen Säugling oder vielleicht fast noch Embryo durchzubringen der dann lebenslange Schäden davonträgt? Zu was soll das führen? Jeder der zu eigenständigen Überlegungen fähig ist sollte doch irgendwann einmal kapiert haben: Dauerhaftes Populationswachstum ist einfach nicht möglich (Populationsbiologie)... Das ist ein Naturgesetz. Ich weiß, das klingt ziemlich provokant, aber es stimmt nun mal.
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