Fukushima: Krebsangst frisst Seele auf

Von und Heike Sonnberger

Seit der Reaktorkatastrophe in Fukushima leben viele Japaner mit der Angst vor Krebs. Doch Experten fällt es schwer abzuschätzen, wie viele Menschen tatsächlich erkranken werden. Sie fürchten vor allem die psychischen Folgen des Atomdesasters.

Spätfolgen von Fukushima: Leben mit der Angst Fotos
REUTERS

Mitten durch das kleine Dorf Katsurao läuft die Grenze der Sperrzone. Manche Anwohner mussten nach der Atomkatastrophe in Fukushima ihre Häuser verlassen. Ihre Nachbarn, die nur eine Straße weiter wohnen, durften bleiben. Aber sie wollen nicht. Die Angst vor der unsichtbaren Gefahr, vor der Strahlung, vor Krebs ist viel zu groß.

Jetzt leben die Menschen von Katsurao in provisorischen Siedlungen, etwa eine Stunde Autofahrt entfernt von ihrem früheren Zuhause. Tomoko Matsumoto kennt ihre Ängste. Mit einem vierköpfigen Team betreut die Krankenschwester die Dorfbewohner. "Besonders junge Leute machen sich Sorgen", sagt die 36-Jährige. "Und alle Mütter! Sie haben Angst, dass ihre Kinder Schilddrüsenkrebs oder Leukämie bekommen könnten."

Ob ihre Angst berechtigt ist, ist wissenschaftlich jedoch umstritten. Selbst wenn frühere Einwohner Katsuraos in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren an Krebs erkranken, wird man voraussichtlich nicht beweisen können, was die Ursache war. Denn neben dem Fukushima-Desaster kommen viele andere Faktoren in Frage: Veränderungen im Erbgut, Rauchen, Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung oder eine Virusinfektion.

Das durchschnittliche Risiko für einen Japaner, im Laufe seines Lebens an Krebs zu erkranken, liegt ohnehin bei etwa 40 Prozent. Der WHO zufolge wurden im Jahr 2000 mehr als 500.000 neue Krebsfälle diagnostiziert, 2010 waren es etwa 610.000 Fälle. Für das Jahr 2022 rechnet die WHO mit 670.000 Krebsdiagnosen.

Bei wie vielen Krebsfällen wird die erhöhte Strahlung der Auslöser sein? Wie die meisten Strahlenexperten geht der US-Radiologe Fred Mettler, Mitglied des wissenschaftlichen Strahlenschutzkomitees der Vereinten Nationen (UNSCEAR) davon aus, dass Fukushima das allgemeine Krebsrisiko in Japan nicht erhöhen wird. Und falls doch, sei es zu klein, um messbar zu sein, sagte Mettler kürzlich der Nachrichtenagentur AP.

Viele Menschen verzichten auf einheimische Lebensmittel und Leitungswasser

Die japanischen Behörden haben inzwischen mit ersten Langzeitstudien begonnen, um mögliche gesundheitliche Folgen zu erfassen. Insgesamt zwei Millionen Bewohner der Präfektur Fukushima sollen über die kommenden 30 Jahre beobachtet werden. Detaillierte Fragebögen, wo sich die Betroffenen nach der Katastrophe aufgehalten haben, radiologische Ganzkörper- und Schilddrüsenuntersuchungen - der Aufwand solcher Studien ist immens, die Auswertung der Massendaten ebenfalls.

Die ersten Ergebnisse haben 60 internationale Strahlenexperten Anfang Februar in Wien diskutiert. Demnach fällt die radioaktive Belastung, der die Bevölkerung nach dem Reaktorunfall ausgesetzt war und in den kommenden Jahrzehnten sein wird, in die Kategorie "Niedrigstrahlung", berichtete der Leiter des Uno-Komitees UNSCEAR, Wolfgang Weiss vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Das Problem: Über die Langzeiteffekte der Niedrigstrahlung wissen Forscher bisher noch zu wenig.

Während das Strahlenrisiko kaum quantifizierbar ist, ist für die Betroffenen von Fukushima die Angst davor real - und bestimmt ihren Alltag. Viele Menschen meiden einheimische Lebensmittel, trinken kein Leitungswasser mehr. Verunsicherung darüber, was gut oder was schlecht ist, herrscht überall. Edwin Lyman von der atomkritischen Union of Concerned Scientists sieht es so: Selbst wenn eine erhöhte Krebsrate nicht auszumachen sei, bedeute das nicht, dass es keine Krebsfälle gebe, und dass sie keine Rolle spielten.

Unklar ist laut UNSCEAR-Chef Weiss, was in den Wochen nach dem Unglück mit dem radioaktiven Iod 131 passiert ist. Wie hat es sich in der Umwelt verteilt? Und welchen Effekt wird es möglicherweise auf die Schilddrüsen der Betroffenen haben?

Aus der Katastrophe von Tschernobyl weiß man: Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Reaktorunfall 1986 und dem Anstieg diagnostizierter Krebserkrankungen der Schilddrüse. Zurückführen ließen sich die Schilddrüsenkarzinome hauptsächlich auf den Verzehr von Milch und Blattgemüse, die mit radioaktivem Iod 131 kontaminiert waren. Strahlenexperte Weiss vermutet, dass man bei Fukushima einen derartigen kausalen Zusammenhang nicht finden wird: Bei einem Massenscreening wurden die Schilddrüsen japanischer Kinder untersucht, und die gemessenen Werte seien sehr gering, so Weiss. Zudem tritt Schilddrüsenkrebs vermehrt erst ab einem Alter von 40 Jahren auf.

Insgesamt sollen 360.000 Kinder untersucht werden, die zum Zeitpunkt der Katastrophe jünger als 18 Jahren waren. Anschließend sollen sie alle zwei Jahre bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr erneut zum Test, danach alle fünf Jahre.

Auch in Dörfern wie Katsurao waren die Menschen von Anfang an vor allem um die Gesundheit der Kinder besorgt. Krankenschwester Tomoko Matsumoto erzählt, jedes Kind unter 15 Jahren sei im Herbst mit einem Dosimeter ausgestattet worden, um die Gesamtstrahlenbelastung zu messen. Doch bisher hätten die Geräte keine bedenklichen Werte angezeigt, sagt Matsumoto. "Ich frage mich, ob manche Mütter nicht vielleicht überempfindlich reagieren."

Die Lehren aus Tschernobyl

Strahlenexperten wie Weiss und Mettler stützen ihre Aussagen auf Studien zur Tschernobyl-Katastrophe. Im April 2011 stellte die UNSCEAR die aktualisierte Auflage ihres Berichts vor. Der Report basiert auf Untersuchungen von mehr als 500.000 Liquidatoren, die während und nach dem Unfall auf dem AKW-Gelände eingesetzt wurden. Ebenso wurden die Schilddrüsenwerte von etwa 100 Millionen Einwohnern verzeichnet. In mehr als 6000 Fällen konnte ein direkter Zusammenhang zwischen der Tschernobyl-Katastrophe und Schilddrüsenkrebs von Kindern und Jugendlichen hergestellt werden, definitive Beweise für andere Krebsarten gab es aber nicht.

Um Kritikern wie der Vereinigung Internationaler Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) oder Greenpeace zu begegnen, die die UNSCEAR-Daten anzweifeln, soll eine möglichst breite Untersuchung zur Reaktorkatastrophe in Japan durchgeführt werden. Vier UNSCEAR-Gruppen wurden eingesetzt:

  • Eine beschäftigt sich mit den Folgen für die Tepco-Arbeiter, die in der Ruine im Einsatz sind und deren Strahlenbelastung deutlich höher als die der Bevölkerung ist.
  • Eine analysiert die radioaktive Belastung der Bevölkerung.
  • Eine kümmert sich um die Erfassung der ausgetretenen Radioaktivität und die Verteilung auf die Umwelt.
  • Die vierte Gruppe überprüft die Qualität sämtlicher gesammelter Daten.

"Die Begutachtung der Daten wird das wichtigste und kritischste Instrument sein", sagt Weiss. Nach der desaströsen Informationspolitik der japanischen Regierung zu Beginn der Katastrophe will man seitens der Uno für Transparenz und Unabhängigkeit sorgen. Im Mai will UNSCEAR einen ersten Bericht veröffentlichen, für Mai 2013 ist ein großer zusammenfassender Bericht geplant.

In einem sind sich die Experten einig: Die psychischen Folgen der Atomkatastrophe sind für die Bevölkerung ein größeres Problem als das Strahlenrisiko. Das ist auch eine Erkenntnis aus der Tschernobyl-Katastrophe. Viele Vertriebene litten unter Stress und Depressionen und ernährten sich nach dem GAU ungesünder, rauchten und tranken mehr - Faktoren, die das Krebsrisiko steigern können.

Auch Krankenschwester Matsumoto sagt: Das größte Problem der Flüchtlinge aus Katsurao sei derzeit nicht die Strahlung, sondern mangelnde Bewegung. Die meisten Dörfler seien Bauern und hätten früher viel gearbeitet. Jetzt säßen sie in den Notunterkünften, ernährten sich von fettreichen Fertiggerichten statt von selbst angebautem Gemüse und hätten mit steigenden Cholesterin- und Blutzuckerwerten zu kämpfen.

"Manche leiden bereits an Depressionen", sagt Matsumoto. Es belaste sie sehr, dass sie ihr Heim und ihre Arbeit verloren hätten. "Und dass sie nicht wissen, wie es weitergehen soll."

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Im Ausnahmezustand: Erdbeben, Tsunami, Fukushima - ein Jahr nach der Dreifach-Katastrophe berichtet SPIEGEL ONLINE in einer Serie aus der Unglücksregion.

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1. Danke
Hugo55 01.03.2012
Zitat von sysopREUTERSSeit der Reaktorkatastrophe in Fukushima leben viele Japaner mit der Angst vor Krebs. Doch Experten fällt es schwer abzuschätzen, wie viele Menschen tatsächlich erkranken werden. Sie fürchten vor allem die psychischen Folgen des Atomdesasters. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,812992,00.html
Endlich mal ein objektiver Artikel über dieses Thema. Psychische Belastungen sind allerdings auch dem KKW-Unfall zuzuschreiben - sie könnten jedoch niedriger sein, wenn besser informiert werden würde.
2. xxx
Dumpfmuff3000 01.03.2012
Zitat von sysopREUTERSSeit der Reaktorkatastrophe in Fukushima leben viele Japaner mit der Angst vor Krebs. Doch Experten fällt es schwer abzuschätzen, wie viele Menschen tatsächlich erkranken werden. Sie fürchten vor allem die psychischen Folgen des Atomdesasters. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,812992,00.html
Die Krebsrate wird in Folge von Fukushima natürlichsignifikant ansteigen.( Es sei denn man fragt Mitforisten wie Hannovergenuss und Gerda2, die verweisen dann auf die Harmlosigkeit radioaktiver Hintergrundstrahlung und dass man an Plutoniumkugeln sogar lecken kann). Es wird aber im Einzelfall kein Kausalzusammenhang feststellbar sein im Sinne eines starken Beweises. Das bedeutet, daß auch keine Entschädigungen realisiert werden. Die im übrigen eh der japanische Steuerzahler bezahlen würde, schließlich schnorrt Tepco den japanischen Staat bereits um Milliarden an. Das ist in etwa so wie wenn ich Blei in die Talsperre kippe, und dann muß mir jeder Einzelfall erstmal nachweisen, daß ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Bleitod seines Kindes und meiner Bleientsorgung besteht. Was ich wirklich nicht verstehe, ist die -sorry- Servilität der japanischen Bevölkerung. Am Anfang habe ich das noch als Gelassenheit und Disziplin bewundert. Mittlerweile empfinde ich das Ausbleiben größerer Reaktionen eher als erschreckend.
3. ...Massenhysterie?
hr_schmeiss 01.03.2012
Ausser ein bisschen Massenhysterie also nichts gewesen? Und die war noch dazu eher bei uns, dank unserer Mähdien? Und deshalb steigen wir da aus? Und zahlen uns dumm und dämlich für Strom&Sprit? Versteh ich nicht. Los, lasst uns Phillipsburg 3 und 4 bauen, wenns mal raucht, dann informiert man halt ein bisschen: jetzt keine Panik, nicht fett essen, viel bewegen, nicht rauchen&saufen gell, und raus an die frische Luft. Man schmeckts nicht, man riechts nicht, man siehts nicht - also wozu die ganze Aufregung?
4. .....
Hannovergenuss 01.03.2012
Zitat von Dumpfmuff3000Die Krebsrate wird in Folge von Fukushima natürlichsignifikant ansteigen.( Es sei denn man fragt Mitforisten wie Hannovergenuss und Gerda2, die verweisen dann auf die Harmlosigkeit radioaktiver Hintergrundstrahlung und dass man an Plutoniumkugeln sogar lecken kann). Es wird aber im Einzelfall kein Kausalzusammenhang feststellbar sein im Sinne eines starken Beweises. Das bedeutet, daß auch keine Entschädigungen realisiert werden. Die im übrigen eh der japanische Steuerzahler bezahlen würde, schließlich schnorrt Tepco den japanischen Staat bereits um Milliarden an. Das ist in etwa so wie wenn ich Blei in die Talsperre kippe, und dann muß mir jeder Einzelfall erstmal nachweisen, daß ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Bleitod seines Kindes und meiner Bleientsorgung besteht. Was ich wirklich nicht verstehe, ist die -sorry- Servilität der japanischen Bevölkerung. Am Anfang habe ich das noch als Gelassenheit und Disziplin bewundert. Mittlerweile empfinde ich das Ausbleiben größerer Reaktionen eher als erschreckend.
Danke, sie zitieren mich mal wieder bewust falsch! Wenn sie Plutonium inkorporieren verrecken sie daran also blos nicht dran lecken! Zum Artikel: Das MIT hatte schon vor einem halben Jahr eine Analyse veröffentlicht die besagte das die Folgen des Stresses durch die Evakuierung schädlicher war als das Risiko einer Belastung durch Niedrigststrahlung! Menschen wie Dumpfmuff, die unentwegt, gegen alle wissenschaftliche Erkenntnise, behaubten das Niedrigststrahlung das Krebsrisiko wesentlich und messbar erhöht sollten sich dann mal fragen wieso Computertomographien nicht verboten sind. Immerhin werden jedes Jahr in Deutschland 4,9 Mio. Menschen dabei mit Dosen von 0,1 -30 mSV bestrahlt!
5. ...
Barath 01.03.2012
Zitat von Dumpfmuff3000Die Krebsrate wird in Folge von Fukushima natürlichsignifikant ansteigen.( Es sei denn man fragt Mitforisten wie Hannovergenuss und Gerda2, die verweisen dann auf die Harmlosigkeit radioaktiver Hintergrundstrahlung und dass man an Plutoniumkugeln sogar lecken kann). Es wird aber im Einzelfall kein Kausalzusammenhang feststellbar sein im Sinne eines starken Beweises. Das bedeutet, daß auch keine Entschädigungen realisiert werden. Die im übrigen eh der japanische Steuerzahler bezahlen würde, schließlich schnorrt Tepco den japanischen Staat bereits um Milliarden an. Das ist in etwa so wie wenn ich Blei in die Talsperre kippe, und dann muß mir jeder Einzelfall erstmal nachweisen, daß ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Bleitod seines Kindes und meiner Bleientsorgung besteht. Was ich wirklich nicht verstehe, ist die -sorry- Servilität der japanischen Bevölkerung. Am Anfang habe ich das noch als Gelassenheit und Disziplin bewundert. Mittlerweile empfinde ich das Ausbleiben größerer Reaktionen eher als erschreckend.
Jupp. Soviel ich weiß soll der Rest von Tepco jetzt doch auch noch verstaatlicht werden. Sie Wissen schon, Gewinne, Verluste, privatisieren, sozialisieren, etc., pp., blabla, interessiert eh keinen. Mein Vermieter war kürzlich für ein halbes Jahr in Neuseeland, auf dem Hinflug zwei Wochen in San Francisko auf dem Rückflug zwei Wochen in Japan. Wissen sie was der über die japanische Mentalität gesagt hat? "Die sind uns ähnlicher als die Amerikaner und Neuseeländer." Gucken sie sich mal an was in Deutschland los ist und kaum eine Sau geht auf die Straße. Das ist die Hörigkeit gegen über den Eliten, der Obrigkeit. Und um auch mal was positives zu sagen: Die Mini-Demos gegen Atomkraft waren für japanische Verhältnisse die reinsten Volksaufstände. Der Fortschritt ist halt auf kleinen Füssen unterwegs.
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Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.
Fotostrecke
Katastrophe in Japan: Der Tsunami und der Super-GAU

Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Corbis
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
DPA
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
DPA/ Kyodo/ Maxppp
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
DPA/ NASA
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.