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Gedanken steuern Computer Der heiße Draht zum Hirn

2. Teil: Gedankengesteuerte Kampfflugzeuge und Ferngläser mit Hirn-Verbindung - die BCI-Technologie fasziniert das Militär. Für ALS-Patienten kann sie die Entscheidung über das eigene Weiterleben beeinflussen.

Zwar ist das Auflösungsvermögen der Sensoren in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, "doch irgendwann ist Schluss", sagt Birbaumer. Die Hoffnung auf Verbesserungen könnten dann nur noch intelligente Prothesen erfüllen. "Wenn ich eine Prothese habe, die selber denken kann, muss ich ihr nur einen Befehl geben - den Rest erledigt sie selber", sagt der Forscher. Erhalte ein künstlicher Arm etwa den Befehl "greife den Becher", müsse nicht jeder einzelne Steuerbefehl aus dem Gehirn kommen.

Bei Patienten, die bereits vor dem Einsetzen des Locked-In-Zustands oder kurz danach trainieren konnten, funktionieren die Gehirn-Computer-Schnittstellen problemlos. "Das haben wir inzwischen bewiesen", sagt Birbaumer. "Jetzt ist es an der Ärzteschaft und der Industrie, die weiteren Schritte zu gehen."

Doch während die Zahl der Forschergruppen, die in aller Welt an BCI arbeiten, geradezu explodiert, lässt die Anwendung der Maschinen im medizinischen Alltag auf sich warten. Bei einer weiteren Verbreitung der BCI hofft Birbaumer vor allem auf die Industrie. "In dem Moment, wo sie ein Geschäft riecht, wird sie es machen", so der Wissenschaftler.

Militär lässt an Hirn-Computer-Schnittstellen forschen

Eine Menge Geld für die BCI-Forschung kommt aus einem Bereich, der mit Lebenshilfe für Gelähmte kaum etwas am Hut hat: Das Militär ist von den potentiellen Möglichkeiten der Gedankenlese-Maschinen geradezu elektrisiert. Zwar ist es fraglich, ob es jemals möglich sein wird, beispielsweise ein ganzes Kampfflugzeug inklusive Waffensystemen mit Gedanken zu steuern - so wie es Clint Eastwood 1982 im Actionfilm "Firefox" vorgeführt hat. Doch derzeit laufen eine ganze Reihe militärischer Forschungsprojekte.

2007 hat die Gruppe um den US-Forscher Nicolelis an der amerikanischen Duke University ein System patentieren lassen, das sich explizit auch zur Gedankensteuerung von Waffen eignen soll. Im Sommer 2008 etwa hat die US-Armee vier Millionen Dollar an die University of California in Irvine ausgelobt, um die "synthetische Telepathie" zu erforschen. Zwar könne die Technologie auch Gelähmten helfen, hieß es. Doch im Vordergrund stand die Möglichkeit, Soldaten auf dem Schlachtfeld per BCI direkt von Hirn zu Hirn kommunizieren zu lassen. Ebenfalls im Sommer 2008 wurde bekannt, dass der US-Konzern Northrop Grumman an Ferngläsern arbeitet, die fortschrittliche Optik mit Hirnströmen kombiniert, um anhand unterbewusster Signale blitzschnelle Reaktionen zu ermöglichen.

Wie ernst die Militärs die BCI-Technologie wirklich nehmen, macht eine andere Episode noch deutlicher als die ehrgeizigsten Forschungsprojekte: Die unabhängige Wissenschaftlergruppe "Jason", ein renommiertes Beratergremium des Pentagon, warnte im März 2008 in einem Report unter anderem vor den potentiellen Gefahren eines BCI-Einsatzes durch feindliche Mächte.

Die Mehrheit entscheidet sich für den Tod

Forscher ohne Interesse an militärischen Anwendungen können nur hoffen, dass das Geld aus den Verteidigungsetats über Umwege der Medizin zugute kommt. Denn für viele ALS-Patienten dürfte die Aussicht auf die Chance, sich nach dem Eintreten der vollständigen Lähmung noch mit der Außenwelt auszutauschen, die Entscheidung über das eigene Weiterleben entscheidend beeinflussen.

Eines ist allen ALS-Patienten gemein: Überleben kann niemand ohne die Hilfe von Medizin und Maschinen. Während sie der vollständigen Lähmung entgegengehen, haben sie die Wahl: Ist ihr Körper erstarrt, können sie sich künstlich beatmen und ernähren lassen. Statistisch gesehen hat ein ALS-Patient nach der Diagnose noch fünf Jahre zu leben. "Aber die Statistik ist faul", sagt Birbaumer. "Denn sie bezieht alle mit ein - auch jene, die sich gegen die Beatmung entscheiden." Und das sei die überwältigende Mehrheit. "Die Patienten glauben den Blödsinn, dass sie zum Tod verurteilt sind", meint Birbaumer. "Und die Neurologen plappern das nach."

Wer künstlich beatmet und ernährt und dabei gut gepflegt werde, könne noch viele Jahre leben - und das nicht weniger zufrieden als ein durchschnittlicher Gesunder. Das hätten zahlreiche standardisierte Befragungen von Patienten ergeben. Bezeichnenderweise beurteile das Umfeld der Patienten deren Zustand meist wesentlich schlechter als die Patienten selbst. Birbaumer räumt ein, zu Beginn seiner Forschung vor etwa 20 Jahren selbst so gedacht zu haben: "Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass das furchtbar sein muss. Die wissenschaftliche Realität zeigt aber, dass das Unsinn ist."

"Angst hat man vor dem, was man nicht kennt"

Liane Krauss zählt zu jener Minderheit, die sich für das Leben entschieden hat. Wer ihr begegnet, kann sich etwas anderes kaum vorstellen: Obwohl sie sich so gut wie nicht mehr bewegen kann, strahlt sie eine fast ungeduldige Lebhaftigkeit aus. Oft grinst sie erstaunlich breit, manchmal wirkt ihr Gesicht enorm konzentriert, manchmal ist es von Anstrengung verzerrt. Gefühle scheinen sich bei ihr viel unmittelbarer zu zeigen als bei gesunden Menschen.

Auch ihre Mutter war schwer erkrankt, sie litt 14 Jahre lang an Alzheimer. "Es gab Zeiten, da haben wir viel gelacht. Warum soll das nicht auch auf mich anwendbar sein?", sagt Liane Krauss mit der Stakkato-Stimme des Computers. "Der körperliche Zustand ist nicht der wichtigste Teil einer Persönlichkeit - das nehme ich auch für mich in Anspruch."

Früher hat Liane Krauss an einem Großrechner Dialogprogramme erstellt, sie hat Italienisch studiert und dann begonnen, Hebräisch zu lernen. "Ich bin immer ungeduldig", lässt sie ihren Computer sagen, während sie wieder grinst.

Was bleibt, ist die schwierig zu stellende Frage nach der Zukunft. Worauf kann man sich bei der Aussicht auf die vollständige Lähmung freuen? Was füllt einen Menschen in einer solchen Lage aus? Liane Krauss hat die Antwort überraschend schnell parat: "Inneres Erleben", dringt es metallisch aus dem Computer.

Ob sie sich fürchtet vor dem, was auf sie zukommt? "Angst hat man vor dem, was man nicht kennt. Aber sie wäre nicht hilfreich. Es ist unausweichlich." Meistens helfe ihr eine Haltung, mit der sie bisher gut gefahren sei: "So wie es ist, ist es gut - denn es wird nur schlechter."

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insgesamt 8 Beiträge
Websingularität 26.11.2009
Solange nicht umgekehrt die Computer die Gedanken lenken, ist es eine gute Entwicklung. Hauptsache das Gehirn behält die Kontrolle und nicht der Computer.
Solange nicht umgekehrt die Computer die Gedanken lenken, ist es eine gute Entwicklung. Hauptsache das Gehirn behält die Kontrolle und nicht der Computer.
genesys 26.11.2009
Ich stelle mir die Frage, ob es der Allgemeinheit zugemutet werden darf, über viele Jahre eine solch extrem teuere Pflege zu bezahlen. Als Kriterium für eine Durchführung sollte m. e. die Möglichkeit zur aktiven respektive [...]
Ich stelle mir die Frage, ob es der Allgemeinheit zugemutet werden darf, über viele Jahre eine solch extrem teuere Pflege zu bezahlen. Als Kriterium für eine Durchführung sollte m. e. die Möglichkeit zur aktiven respektive produktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben dienen (z.B. das Schreiben von Büchern wäre möglich). Ein einfaches Dahinvegitieren ist weder für den Patienten noch für die Kassen zielführend. Ich glaube, der britische Gesundheitsminister hat dazu mal gesagt: "Manchmal gehört es zur Bürgerpflicht, nicht mehr weiter zu leben".
atomkraftwerk 26.11.2009
Zitat "Wer künstlich beatmet und ernährt und dabei gut gepflegt werde, könne noch viele Jahre leben - und das nicht weniger zufrieden als ein durchschnittlicher Gesunder." - Was für ein Schwachsinn! Die Herrschaften [...]
Zitat "Wer künstlich beatmet und ernährt und dabei gut gepflegt werde, könne noch viele Jahre leben - und das nicht weniger zufrieden als ein durchschnittlicher Gesunder." - Was für ein Schwachsinn! Die Herrschaften sollten mal darüber nachdenken was zufriedenes Leben heißt.
jensadolf 27.11.2009
Eine ehemalige Bekannte von mir schwehr mit MS krank gibt mir als Beispiel welche Alternative da bleiben. In dem Moment in dem der Körper nicht mehr agieren kann. Oder langsam dahin geht ist es besser Selbst das Schicksal in die [...]
Eine ehemalige Bekannte von mir schwehr mit MS krank gibt mir als Beispiel welche Alternative da bleiben. In dem Moment in dem der Körper nicht mehr agieren kann. Oder langsam dahin geht ist es besser Selbst das Schicksal in die Hände zu nehmen soll heissen Selbstbestimmt handeln. Sich selbst töten. Oder zumindestens alles dafür tun. Der Tot ist kein Feind sondern ein Freund!
hajoschneider 27.11.2009
... Nun, das muss jeder Betroffene selbst entscheiden. Alles andere öffnet die Tür zur Euthanansie.
Zitat von atomkraftwerkZitat "Wer künstlich beatmet und ernährt und dabei gut gepflegt werde, könne noch viele Jahre leben - und das nicht weniger zufrieden als ein durchschnittlicher Gesunder." - Was für ein Schwachsinn! Die Herrschaften sollten mal darüber nachdenken was zufriedenes Leben heißt.
... Nun, das muss jeder Betroffene selbst entscheiden. Alles andere öffnet die Tür zur Euthanansie.
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Koma, Wachkoma, Locked-In-Syndrom
Ein Koma kann unter anderem durch ein Schädel-Hirn-Trauma oder einen Schlaganfall, durch Sauerstoffmangel nach einem Herzstillstand, Hirnentzündungen oder Hirntumore verursacht werden. Die Patienten müssen künstlich ernährt und beatmet werden.

Wer im Koma liegt, kann auch durch starke äußere Reize nicht wieder das Bewusstsein erlangen. Es werden vier Grade der Komatiefe unterschieden. Im ersten Grad findet noch eine gezielte Reaktion auf Schmerz statt, Bewegungen der Pupillen sind nachweisbar, eine Stimulation des Gleichgewichtsorgans kann Augenbewegungen auslösen. Im vierten Grad ist keinerlei Reaktion mehr zu beobachten.





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