Gefährliche Darminfektion: Wie Ehec-Bakterien die Nieren zerstören

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Eine Ehec-Infektion kann schwerste Folgen haben: Rund hundert Patienten in Deutschland brauchen eine spezielle Blutwäsche, um ihre Nieren zu retten. Ob die Therapie aber wirklich hilft, das wissen die Ärzte nicht so genau.

SPIEGEL ONLINE

Georg war drei, als er plötzlich schwer krank wurde. Erst kam das Bauchweh, kurz darauf schwerer Durchfall mit Blut. Das Kind wurde in die Klinik eingeliefert, nach wenigen Tagen arbeiteten seine Nieren plötzlich nicht mehr. Akutes Nierenversagen.

Eine Blutwäsche rettete wahrscheinlich sein Leben. Doch es sollte nicht das unbeschwerte Leben eines normalen Kindes werden. Einige Monate musste Georg in der Schwabinger Kinderklinik verbringen. Zwei Jahre lang ging es Georg besser, danach versagten wieder die Nieren. Es folgten wieder Blutwäsche um Blutwäsche, irgendwann wurde eine Nierentransplantation notwendig. Als Zwölfjähriger hatte Georg bereits zwei Verpflanzungen hinter sich.

Die berührende Geschichte des kleinen Jungen war 1995 in der "Süddeutschen Zeitung" zu lesen. Damals grassierte ein gefährlicher Keim in Bayern, der vor allem Kinder befiel: Ehec. Es war nicht der einzige Ehec-Ausbruch in Deutschland. Die Bakterien, deren voller Name enterohämorrhagische Escherichia coli lautet, sorgen in der Bundesrepublik seit den achtziger Jahren immer wieder für Infektionswellen. Dabei kommt es mitunter auch zu schweren Verläufen der Erkrankung, die sich bis zum hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) steigern kann: Die Nieren versagen, es kommt zur Armut von Blut und Blutplättchen, Blutgerinnsel bilden sich, nicht nur in der Niere, sondern auch im Gehirn.

In wenigen Tagen von 4 auf 29 Patienten

Jetzt, da der Ehec-Erreger erneut in Deutschland grassiert, kämpfen Mediziner wieder um das Leben mehrerer Patienten. Dieses Mal sind vor allem Erwachsene betroffen, auffällig häufig junge Frauen. Besonders im Norden der Republik hat sich der Erreger ausgebreitet und mindestens ein Todesopfer gefordert. "Freitag hatten wir vier Patienten mit Ehec-Symptomen auf der Station", erzählt Jan Kielstein von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Heute (Mittwoch) morgen waren es bereits 25, vier weitere werden noch eingeliefert."

Das Robert Koch-Institut (RKI) warnt wegen des aggressiven Keims vor dem Verzehr von Salatgurken, Blattsalaten und rohen Tomaten insbesondere aus Norddeutschland. Eine epidemiologische Studie in Hamburg habe gezeigt, dass Ehec-Erkrankte diese Gemüse deutlich häufiger verzehrt hätten als gesunde Vergleichspersonen, teilten das RKI zusammen mit dem Institut für Risikobewertung am Mittwoch in Berlin mit.

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Ehec: Zerstörerische Mikrobe
Die Lage in den Kliniken Norddeutschlands ist angespannt. Der Grund: Die Patienten, die mit Verdacht auf Ehec eingeliefert werden, können nicht ohne weiteres mit Antibiotika behandelt werden. Die Substanzen, die sonst sehr effektiv Bakterien abtöten, können bei Ehec-Mikroben zu einer verstärkten Freisetzung der Toxine führen. Diese aber schädigen den menschlichen Körper massiv, weil sie sich ins Blut ausbreiten, rote Blutkörperchen zerstören und die empfindlichen Blutgefäße der Niere angreifen.

Kommt es zu schweren Komplikationen, müssen die Patienten einer Blutwäsche unterzogen werden. Plasmapherese nennen Mediziner die Behandlung, die pro Sitzung etwa zwei bis drei Stunden dauert. Das Blut der Patienten wird in die Apheresemaschine gepumpt und dort in Plasma und Blutzellen getrennt. Diese werden dem Patienten wieder zurückgegeben, anstelle des toxinbelasteten Plasmas erhält er entweder ein Plasmaersatzmittel oder Spenderplasma.

Derzeit sind nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGFN) etwa hundert Ehec-Infizierte Apherese-bedürftig. Doch für die Therapie sind sowohl spezielle Geräte notwendig als auch geschultes Personal. "Deshalb wurden Patienten aus dem klassischen Einzugsgebiet der Hamburger Krankenhäuser wie etwa aus Lüneburg bereits in andere Krankenhäuser verlegt", sagt Kielstein. Doch der Oberarzt der Abteilung für Nieren- und Hochdruckerkrankungen versichert, die Vernetzung der Nephrologen Deutschlands funktioniere gut. "Personell werden die Kliniken im Norden bereits zum Teil durch Dialysefachpersonal aus anderen Regionen unterstützt."

Allein an der MHH müssen derzeit 18 Patienten Plasmapheresen über sich ergehen lassen. Wer von ihnen wieder vollständig gesund wird und wer lebenslange Schäden davontragen wird, sei derzeit noch unklar, sagt Kielstein.

Die Palette der Folgen ist groß. Im besten Fall sind die Nieren dieser Patienten nur vorübergehend eingeschränkt und funktionieren nach einigen Blutwäschen wieder. Für manche Patienten könnte sich das Leben nach der Ehec-Infektion aber dramatisch ändern: Manche müssen für immer regelmäßig an die Dialysemaschine. Nur eine Nierentransplantation könnte sie davon befreien. Zudem kann es zu erheblichen Beeinträchtigungen der Hirnfunktion kommen: Krampfanfälle, Gedächtnisstörungen und andere neurologische Symptome sind typische Folgen einer schweren Ehec-Infektion.

Dürftige Datenlage

Dabei wissen die Ärzte nicht einmal genau, welchem Patient eine Plasmapherese tatsächlich hilft. "Das ist zwar das Standardverfahren", sagt Kielstein. "Aber die Datenlage zur Wirksamkeit ist sehr dürftig." Da die Zahl schwerer Ehec-Infektionen insgesamt eher gering sei, fehle es bisher an aussagekräftigen klinischen Studien. Man könne den Grad des Nutzens einer Blutwäsche für solche Patienten bisher nicht bemessen. Wie viele Erkrankte tatsächlich von der Therapie profitierten, sei unklar.

Angesichts der dünnen Studienlage wissen die Ärzte auch nicht genau, ab wann man Patienten mit HUS einer Apherese unterziehen muss. Kielstein zufolge kommt es dabei vor allem auf die Zahl der Blutplättchen an und wie schnell diese abfällt. "Nicht bei jedem akuten Nierenversagen ist automatisch eine Plasmapherese notwendig", so der Nephrologe. Es käme mitunter auch darauf an, welche neurologischen Erscheinungen auftreten würden.

Wie viele Menschen in Deutschland noch von einer schweren Ehec-Infektion betroffen sein werden, lässt sich derzeit nur schwer vorhersagen. Inzwischen ist die Zahl der Erkrankten mit dem meldepflichtigem HUS nach Angaben des Robert-Koch-Instituts auf 140 gestiegen. Am Mittwochmorgen ist dem Gesundheitsministerium zufolge in Hannover eine 41-jährige Frau gestorben, die wegen HUS behandelt worden war. Eine Infektion mit dem Ehec-Erreger gilt bei der 41-Jährigen als wahrscheinlich, ist aber noch nicht nachgewiesen. Sie könnte das dritte Ehec-Todesopfer sein.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will vorerst keinen gesonderten Krisenstab einrichten. Sein Ministerium stehe ständig in engem Kontakt zu den betroffenen Bundesländern und zuständigen Behörden, "damit wir gemeinsam und schnell die Infektionsursache eingrenzen und finden können", sagte Bahr in Berlin. Es gebe bestehende Einsatzmechanismen, "die funktionieren, deshalb sehe ich keinen Grund, einen Krisenstab einzurichten".

Immerhin gibt es jetzt eine Spur. Gemüse aus Norddeutschland gerät in den Fokus. Es steht den RKI-Angaben zufolge noch nicht fest, ob nur eins oder mehrere der genannten Lebensmittel mit der Erkrankungswelle zusammenhängen. Auch sei nicht auszuschließen, dass andere Speisen als Infektionsquelle in Frage kommen.

Georg wurde seinerzeit vermutlich durch Ehec-belastetes Rindfleisch infiziert. Mit Sicherheit konnte das aber nie jemand sagen. Seiner Mutter war das egal: "Ich rühre in meinem Leben kein Rindfleisch mehr an."

Mit Material von AFP

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1. Titel
plopp! 25.05.2011
"Georg wurde seinerzeit vermutlich durch Ehec-belastetes Rindfleisch infiziert. Mit Sicherheit konnte das aber nie jemand sagen. Seiner Mutter war das egal: 'Ich rühre in meinem Leben kein Rindfleisch mehr an." Und wenn man dann das Steak noch, wie es Mode ist, schön blutig verspeist... Trotzdem, wahrscheinlich hat es solche Erkrankungsverläufe schon vor 20, 30 Jahren gegeben. Damals wurde das Ganze aber noch nicht so genau untersucht und vor allem so intensiv publiziert. Da alle paar Monate die ultimative Seuche, welche die Menschheit dahin rafft, verkündet wird, glaubt, wenn es wirklich mal so kommen sollte gewiss kaum noch jemand daran.
2. Überschrift
greeper 25.05.2011
Wenns die vorbereiteten Salate tatsächlich sein sollten, frage ich mich, wieso die überhaupt jemand kauft - ist doch schon seit mehr als 10 Jahren bekannt, daß die in großen Mengen Schimmelpilze und Keime enthalten. Das ist doch eh Quatsch Leute, wer ein Waschbecken daheim hat, der kann auch seinen Salat vorbereiten, oder?
3. Jetzt reicht's aber mal...
no.escape 25.05.2011
...mit dieser hysterischen Panikmache! Die Überschrift suggeriert leider wieder mal das Schlimmste für alle, die noch mindestens eine Niere haben, Angst und Panik könnte man bei so einer Überschrift kriegen. Dabei wird wohl nur ein winziger Teil der Bevölkerung davon überhaupt betroffen sein. Davon abgesehen wird die Überschrift vom Artikel nicht gehalten. Man kann sie nur als reisserisch bezeichnen.
4. verschleiern, verschwafeln ????
edehac 25.05.2011
Wenn da tatsaechlich schon jetzt akut jede Menge Menschen mit dem Tod bedroht sind - warum setzt man dann nicht unverzueglich die Kripo (BKA, LKA´s) ein, um die Uebertragungsstrecke zu erkunden? Die bekannten Betroffenen auszufragen und dann weiter zu erkunden duerfte doch fuer erfahrenen Kriminalisten kein Problem sein und waere in ein paar Tagen geklaert! Oder wird hier nur gelabert um einen weiteren Lebensmittel- bzw. Landwirtschaftsskandal mit fuer viele Menschen toedlichem Ausgang zu ignorieren? Das im Guelle-Land (Norddeutschland) die Sache begang ist doch verdaechtig. Wer hat eigentlich schon untersucht, inwieweit die jahrzehntelange Ausbringung von Guelle auf die Gemuese- und Getreidefelder nicht mittlerweile auch schon dazu gefuehrt haben, dass die Pflanzen den Erreger gentechnisch uebernommen haben (oder so aehnlich). Im Landwirtschafts- und Lebensmittelindustriebereich wird stellenweise und erwiesenermasen doch mit hoher krimineller Energie gewurschtelt ohne Ruecksicht auf die Volksgesundheit. "Schaden von dem Volke wenden" - diese Aussage aus dem GG interessiert offensichtlich die fuehrenden Politiker und Beamten ueberhaupt nicht mehr!!!
5. .
duggy 25.05.2011
Zitat von greeperWenns die vorbereiteten Salate tatsächlich sein sollten, frage ich mich, wieso die überhaupt jemand kauft - ist doch schon seit mehr als 10 Jahren bekannt, daß die in großen Mengen Schimmelpilze und Keime enthalten. Das ist doch eh Quatsch Leute, wer ein Waschbecken daheim hat, der kann auch seinen Salat vorbereiten, oder?
Naja, zum einen ist es für Single-Haushalte bequem. Zum anderen sagt ja niemand, dass man das zu Hause essen muss. Auf der Arbeit in der Mittagspause gerade in den Supermarkt nebenan und einen Fertigsalat kaufen. Ich stell mich doch auf der Arbeit nicht hin, schneide Salat und Tomaten und Paprika im Flur usw.
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Antworten zur Ehec-Seuche
HZI/ Manfred Rohde
In Deutschland grassiert die Ehec-Seuche - aber welcher Stamm genau? Woran erkennt man eine Infektion, und was können Ärzte dagegen tun? Antworten auf die wichtigsten Fragen im Überblick.