Gefährliche Infektion: Wie Ehec von Mensch zu Mensch wandern kann

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Verseuchte Lebensmittel sind wohl für die Ehec-Infektionen in Deutschland verantwortlich. Doch es gibt noch einen Weg, wie sich die Bakterien verbreiten können - von Mensch zu Mensch. Dagegen hilft nur eines: Hygiene.

Ehec-Keime im Labor: Mehr als 2200 Infizierte in Deutschland Zur Großansicht
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Ehec-Keime im Labor: Mehr als 2200 Infizierte in Deutschland

Hamburg - Es könnte die Lösung sein: Sprossen aus einem niedersächsischen Betrieb sind womöglich das lang gesuchte Lebensmittel, über das sich die gefährlichen Ehec-Bakterien in den vergangenen Wochen in Norddeutschland verbreitet haben. Doch bisher fehlt ein eindeutiger Nachweis, die zuständigen Behörden warnen weiter vorm Verzehr roher Tomaten, Gurken, Blattsalate sowie vor Sprossen.

Und sie weisen auf eigentlich selbstverständliche Hygiene-Maßnahmen wie regelmäßiges Händewaschen hin. Denn ein weiterer Übertragungsweg der gefährlichen Bakterien existiert: der von Mensch zu Mensch. So ansteckend wie eine Erkältung ist die Ehec-Infektion zum Glück nicht. Per Tröpfcheninfektion beim Niesen oder Husten werden die Erreger nicht weitergetragen.

Aber sogenannte Schmierinfektionen sind möglich: Nach einem Toilettengang kann ein Infizierter, der sich nicht die Hände gewaschen hat, andere anstecken. Die Bakterien können sich zwischendurch auch auf Flächen absetzen, Türklinken etwa, und so ohne direkten Körperkontakt von einem Menschen zum nächsten wandern.

Jürgen Heesemann vom Pettenkofer-Institut in München berichtet von einem aktuellen Fall, bei dem diese Form der Übertragung sehr wahrscheinlich ist: Ein Mann, der mit seiner Frau auf Usedom war, wurde samstags in die Klinik eingeliefert, Diagnose: Ehec-Infektion. Mehrere Tage danach wurde der Erreger auch bei seiner Frau festgestellt. Da die Urlaubsreise aber schon länger zurücklag, als die Inkubationszeit von Ehec dauert, deutet vieles darauf hin, dass sich die Frau nicht durch kontaminierte Nahrung, sondern durch ihren Mann angesteckt hat.

Gibt es stille Überträger?

Das Tückische bei Ehec: "Schon 100 Bakterien können ausreichen, damit jemand erkrankt", sagt Stefan Zimmermann vom Uniklinikum Heidelberg. Zum Vergleich: Bei Salmonellen sind etwa 100.000 Keime nötig. "Beim Benutzen einer gemeinsamen Toilette mit einem Infizierten ist daher eine Ansteckung mit Ehec möglich. Dies kann aber durch Händewaschen und anschließende Desinfektion vermieden werden", erklärt der Oberarzt am Department für Infektiologie.

"Nach den bisherigen Erfahrungen mit diesem Ehec-Stamm würde ich davon ausgehen, dass Patienten die Keime bis zu zehn Tage nach den ersten Durchfällen ausscheiden", sagt Zimmermann. "Dauerausscheider wie bei Salmonellen sind bei uns bisher nicht vorgekommen", ergänzt er. Als Dauerausscheider werden Menschen bezeichnet, die auch zehn Wochen nach Abklingen aller Symptome noch Krankheitserreger abgeben.

Noch nicht beantworten können Ärzte, wie viele Menschen sich mit dem derzeit grassierenden Ehec-Stamm infizieren, ohne zu erkranken - sie kämen als Überträger besonders in Frage. Denn sobald jemand mit den typischen Ehec-Symptomen in die Klinik geht, wird er entsprechend isoliert. Die "stillen Überträger" aber untersucht kein Arzt. Wieso manche Menschen trotz einer Infektion nicht erkranken, lasse sich schwer beantworten, meint Petra Dersch vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektiologie. "Ihr Immunsystem könnte so gut reagieren, dass keine Krankheit ausbricht, obwohl sich die Erreger eine Zeitlang im Körper befinden. Oder jemand hat nur sehr wenige Erreger aufgenommen." Die Zusammensetzung der Darmflora, die aus verschiedensten Bakterien bestehe, könne auch eine Rolle spielen.

"Unsere Kausalkette ist wasserdicht"

Zimmermann hält stille Überträger allerdings "bei diesem aggressiven Erreger für unwahrscheinlich". Der Ehec-Stamm, der sich derzeit in Norddeutschland ausbreitet, ist deutlich gefährlicher als seine engen Verwandten. So erkrankt etwa jeder Dritte am hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus); bisher lag diese Quote nach Angaben des Robert Koch-Instituts bei fünf bis zehn Prozent.

Die Zahl der Ehec-Opfer ist unterdessen gestiegen: 22 Tote hat der aggressive Darmkeim nach Angaben des Robert Koch-Instituts mittlerweile in Deutschland gefordert. 15 davon sind demnach an den Folgen des HU-Syndroms gestorben. Bei sieben weiteren Ehec-Infizierten wurde diese schwere Komplikation nicht festgestellt. Die meisten Toten gibt es nach RKI-Zahlen in Niedersachsen. Dort starben sechs Menschen. Fünf kamen in Schleswig-Holstein ums Leben, vier in Nordrhein-Westfalen.

Die Quelle für die Ausbreitung des Darmkeims haben die Ehec-Fahnder bisher nicht gefunden: Erste Laborproben von Sprossengemüse aus Niedersachsen fielen am Montag negativ aus. Dennoch hält das Verbraucherministerium in Hannover weiter an dem Verdacht fest, dass Sprossen eines Betriebs im Kreis Uelzen Auslöser der Ehec-Epidemie sind. Der Gärtnerhof in Bienenbüttel im Kreis Uelzen war nach einer Analyse von Lieferwegen als Ausgangspunkt des aggressiven Darmkeims ins Visier geraten. "Unsere Kausalkette ist wasserdicht und plausibel. Sie reißt nicht ab", begründete Ministeriumssprecher Gert Hahne den Verdacht, der auch nach den negativ ausgefallenen Laboruntersuchungen aufrecht gehalten wird. Experten diskutieren mehrere Szenarien, wie sich der Keim auf dem Betrieb verbreitet haben könnte, zum Beispiel über verseuchtes Brauchwasser.

Während Forscher bereits zu ergründen versuchen, wie dieser Ehec-Erreger so aggressiv geworden ist, bleibt der Bevölkerung in Norddeutschland nur, auf ein Abebben der Ehec-Welle zu hoffen. Und man sollte die Behördenempfehlungen beachten: beim Essen - und bei der Hygiene.

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Forum - Haben die deutschen Behörden im Kampf gegen Ehec versagt?
insgesamt 2819 Beiträge
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1. Sehr auffällig..
bibernell 04.06.2011
finde ich, dass noch kaum ( erst jetzt, das Restaurant in Lübeck..) Berichte über Gruppenerkrankungen gab. Diverse Foristen, so auch ich, haben immer wieder die Frage gestellt, wieso gerade bei solchen Gruppenerkrankungen ( am selben Ort zu selben Zeit das Gleiche gefuttert und gleichzeitig erkrankt...) der Rückschluss auf die Quelle nicht gezogen werden kann. Mir selbst sind andere Gruppenerkrankungen bekannt, nicht nur die, aus der Kantine in Frankfurt, und nie wurde darüber berichtet. Also, nochmal : welchem Denkfehler unterliegt man mglw., wenn man meint, dass solche Gruppenerkrankungen ein deutlich einfacheres Verfolgen der Nahrungswege möglich machen, als das Verfolgen der Speisen von Einzelerkrankten ? Hä ?
2. Allheilmittel
heinrichp 05.06.2011
Zitat von sysopBei der Suche nach der Quelle der Ehec-Epedemie standen zunächst spanische Gurken im Verdacht, die Erreger zu verbreiten. Nun hat sich dies als falsch herausgestellt. Die Verbraucher sind zunehmend verunsichert und wollen wissen, was sie noch gefahrlos essen dürfen. Haben die deutschen Behörden im Kampf gegen Ehec versagt?
Jede Zeit hat ihre besondere Charakteristik. So werden wir im hoch technisierten und kapitalistischen Zeitalter immer mehr mit Krankheiten und Leiden konfrontiert, die für unsere Vorfahren noch undenkbar waren. Viele Erkrankungen lassen sich dabei auf eine unnatürliche Lebensweise, Umweltgifte, Luftverschmutzung, übermäßige Belastung im Beruf und auf den so genannten Freizeitstress zurückführen. Das Gleichgewicht des Menschen gerät in zunehmendem Maße aus den Fugen. Betrachten wir nur die stetig ansteigende Anzahl der Allergiker. Es gibt kaum noch einen Stoff, dem nicht eine allergische Wirkung nachzuweisen wäre. Angefangen vom harmlosen Blütenstaub, bis hin zu kosmetischen Präparaten oder gar Nahrungsmitteln. Wurden antibiotisch wirkende Medikamente vor nicht allzu langer Zeit noch als das Allheilmittel für infektiöse Erkrankungen angesehen, manifestiert sich jetzt mehr und mehr eine hartnäckige Resistenz der Bakterien gegenüber Antibiotika. Wir können die Vermehrung von Bakterien hemmen, letzten Endes züchten wir dadurch Antibiotika-resistente Organismen! Antibiotika-Resistanz durch Fleischkonsum - Massentierhaltung macht's! Was uns heute wirklich helfen würde wird ignoriert! http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/
3. Gefährliches Spiel
W. Robert 05.06.2011
Ganz offensichtlich sind derartige veränderte Bakterien gentechnisch sehr einfach herzustellen, angeblich experimentieren in Frankreich Gymnasiasten speziell mit derartigen Aufgabestellungen aus einem "Bio-Baukasten". Überall gibt es militärische Labore, die speziell zur biologischen Kriegsführung und deren Abwehr unterhalten werden. Man muss sich klar sein, dass diese biologischen Kampfstoffe speziell zum Töten von Menschen entwickelt werden und das Fatale ist, dass mit fortschreitender "Globalisierung" nicht nur jeder Kampfstoff von jedem besseren Studenten hergestellt werden kann und dass sich derartige "Seuchen" auch sofort global ausbreiten, wie man an den Neuinfektionen mit EHEC in den USA schon sieht. Jedenfalls gibt es enorm viele Ungereimtheiten in diesem Fall, angeblich wurde die Quelle der Konterminierung noch nicht gefunden, was höchst seltsam erscheint. Zudem steht jetzt praktisch die gesamte Nahrung unter Generalverdacht und immer neue Theorien verbreiten sich in Windeseile. Zuerst sind es die spanischen Gurken, dann weiß man es wieder nicht so genau, dann gerät natürlich Bio-Kost unter Generalverdacht, andere halten die Gentechnik (wohl zurecht) für den Verursacher. Fakt ist, dass unsere Regierung und auch die Presse kaum noch Vertrauen genießt, zu oft wurde an den Fakten gedreht. Die WHO und die Pharmaindustrie sind nach dem "Schweinegrippe"-Skandal erst recht im Zwielicht. Keiner garantiert uns, dass derartige mutierte Bakterien nicht eines Tages die Menschheit ausrotten. Wir verhalten uns wie im Mittelalter mit unserer aggressiven Politik und vergessen, dass die modernen Waffen jederzeit das Ende der Gattung bewirken können und nicht wenigen Spinnern wäre eine drastische Bevölkerungsreduktion auf gewaltsame Weise ganz recht.
4. Anders ist richtig
Montanaman 05.06.2011
Zitat von heinrichpJede Zeit hat ihre besondere Charakteristik. So werden wir im hoch technisierten und kapitalistischen Zeitalter immer mehr mit Krankheiten und Leiden konfrontiert, die für unsere Vorfahren noch undenkbar waren. Viele Erkrankungen lassen sich dabei auf eine unnatürliche Lebensweise, Umweltgifte, Luftverschmutzung, übermäßige Belastung im Beruf und auf den so genannten Freizeitstress zurückführen. Das Gleichgewicht des Menschen gerät in zunehmendem Maße aus den Fugen.[/url]
Auf so etwas muss man erst einmal kommen. Anders herum wird ein Schuh daraus: VOR dem "technisierten und kapitalistischen Zeitalter" haben die Menschen ungesund gelebt, waren sie doch schutzlos Seuchen wie Cholera ausgeliefert, die hunderttausende Menschenleben forderte: http://de.wikipedia.org/wiki/Cholera#Geschichte_der_Krankheitsausbr.C3.BCche Natürlich leben wir heute viel gesünder als die Menschen vor hundert Jahren - das kann man etwa an der rapide steigenden Lebenserwartung sehen.
5. Es gibt keine gefahrlose Welt.....
dillerjohann 05.06.2011
Diese Welt steht für den ständigen Wandel. So sind Epidemien, immer wieder aufgetreten weil Menschenmassen, zu dicht, zu eng, zu Unhygienisch, auf einander treffen.Veränderungen in den Klimatischen Bedingungen sind nicht zu Unterschätzen, dazu kommt der Raubbau, der seit Industrialisierung um sich greift.Bis jetzt sind alle Mutmaßungen, die EHEC betreffen, in Leere gelaufen.Massentierhaltung, Monokulturen,Chemie und Radioaktive Strahlung,Umweltverschmutzungen, in unermesslichen Ausmaß, führen zu negativen Ergebnissen, die unser Leben beeinflussen.Wir werden wieder umdenken müssen, um in einer Welt leben zu können, in der die Gefahren, besser ein zu schätzen sind,und mehr Natürlichkeit unser Leben bestimmt.Eine Welt ohne Gefahren wird es niemals geben, denn die größte Fehlerquelle ist der Mensch!
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HZI/ Manfred Rohde
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