Gefährlicher Darminfekt: Ehec erreicht Nachbarstaaten Deutschlands

Die Erkrankten sollen sich bei Reisen nach Deutschland angesteckt haben: Der gefährliche Darmkeim Ehec hat nun auch Großbritannien, Schweden, Dänemark und die Niederlande erreicht. Als Infektionsquelle stehen jetzt spanische Gurken in Verdacht - heimische Bauernverbände reagieren etwas erleichtert.

Hamburg - Die Infektionsquelle scheint ausgemacht - doch der gefährliche Darmkeim Ehec breitet sich weiter aus und hat offenbar bereits die Landesgrenzen überschritten. Von Deutschland aus soll er nach Großbritannien, Schweden und in die Niederlande gelangt sein. Auch in diesen Ländern habe es erste Fälle gegeben, teilte die EU-Kommission am Donnerstag in Brüssel mit. Die Erkrankten seien jüngst in Deutschland gewesen, sagte der Sprecher von EU-Gesundheitskommissar John Dalli.

Zahlen zum aktuellen Ausbruch nannte er nicht. Nach den jüngsten verfügbaren Statistiken waren in der EU im Jahr 2009 insgesamt 3576 Fälle von Erkrankungen durch Ehec in 24 Mitgliedstaaten registriert worden. In Deutschland waren es damals 818 Betroffene.

Zum Wochenauftakt war in Schweden eine Reisegruppe von zwölf Golfspielern nach der Rückkehr aus Norddeutschland an den typischen Symptomen erkrankt.

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Gefährlicher Krankheitskeim: Zahl der Ehec-Fälle steigt weiter
Erst kürzlich war bekannt geworden, dass es auch in Dänemark eine erste Erkrankung gegeben hat. Deutschland halte die anderen Mitgliedstaaten auf dem Laufenden über die Ausbreitung der Krankheit und die Forschung nach den Ursachen. Die EU-Kommission und das in Stockholm ansässige Europäische Zentrum zur Krankheitsprävention stünden täglich in Kontakt mit den deutschen Behörden und den anderen betroffenen EU-Ländern.

"Wir sehen die Lage als ernst an", hieß es in einer offiziellen Mitteilung des Amtes in Stockholm. Sollten als Ursache der Infektion bestimmte Produkte ermittelt werden, würde in der EU das Frühwarnsystem für gefährliche Produkte aktiviert. Die Waren würden dann aus dem Handel genommen, hieß es aus der EU-Kommmission.

Auch Biogurke belastet

Nach den neuen Untersuchungen des Hamburger Hygiene-Instituts sind Salatgurken aus Spanien mit dem gefährlichen Ehec-Erreger belastet. Bei drei Proben, darunter einer Biogurke, sei der Erreger eindeutig festgestellt worden, teilte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Donnerstag mit. Eine weitere Salatgurke mit Ehec-Keimen könne noch nicht sicher zugeordnet werden. Deshalb rät die Senatorin derzeit vom Verzehr von Salatgurken ab.

Betroffene Ware werde vom Markt genommen, sagte Prüfer-Storcks. "Wir ziehen alles aus dem Verkehr, was wir diesen Quellen zuordnen können." Die Hamburger Gesundheitsbehörde gehe allen denkbaren Vertriebswegen nach. Die Proben stammten vom Hamburger Großmarkt.

Die aktuellen Untersuchungen beziehen sich nach Angaben der Senatorin auf Hamburg und hätten deshalb nur bedingten Aussagewert für andere Orte. "Es ist nicht auszuschließen, dass auch andere Lebensmittel als Infektionsquelle in Frage kommen", sagte die Senatorin.

Ausbruch hat Wissenschaftler überrascht

Den Mikrobiologen des Hamburger Hygiene-Instituts sei es zudem gelungen, den Erreger zu spezifizieren: Es handele sich um den Serotyp O104, der in Deutschland sehr selten vorkomme. "Vielleicht ist das die Erklärung für den Verlauf der Erkrankungen", sagte Prüfer-Storcks. Es gebe eine hohe Anzahl von Komplikationen.

Zwar sei der Darmkeim bekannt gewesen, sagte Helge Karch, dessen Team den Erreger identifiziert hat, doch weltweit habe er noch nie einen Ausbruch der Durchfallkrankheit verursacht. Der Bakterienstamm O104H4 gehört den Angaben zufolge zu 42 Ehec-Typen, die seit 1996 bei Patienten in Deutschland aufgetreten sind.

Auch Georg Peters, der die Patienten am Universitätsklinikum Münster behandelt, verwies auf Besonderheiten: Ungewöhnlich sei, dass viele Erwachsene erkranken und drei Viertel von ihnen Frauen seien, vor allem jüngere. Bei Frauen gebe es auch häufiger Krampfanfälle als bei Männern. Außerdem sei bei ihnen die Zeit zwischen dem anfänglichen Durchfall und dem bedrohlichen hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) kürzer als bei Männern.

Laut dem Klinikum entwickeln Karch und sein Team ein Testverfahren, mit dem eine schnelle Bestätigung des Erregers möglich sein soll. Der Test solle in wenigen Tagen zur Verfügung stehen. Die Identifizierung des Erregers sei "ein wichtiger Schritt auf der Suche nach den Übertragungswegen", sagte Karch.

Weiterhin auf Verzehr von rohem Gemüse verzichten

Derweil bleibt die Empfehlung, Salatgurken, Tomaten und Blattsalate vor allem in Norddeutschland nicht roh zu verzehren, vorerst bestehen. Sobald von den Hamburger Behörden neue Informationen zum Ehec-Fund an Salatgurken aus Spanien vorlägen, würden das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) prüfen, ob die Empfehlung beibehalten oder geändert werde, hieß es am Donnerstag beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Pressereferent Robert Schaller betonte, es habe sich nicht um eine Warnung gehandelt.

Sollten sich die Informationen aus Hamburg als belastbar erweisen, werden die entsprechenden Daten von den dortigen Behörden laut Schaller an die Europäische Kommission übermittelt. Diese werde dann über das Europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittelsicherheit (RASFF) alle übrigen Mitgliedstaaten informieren, sagte Schaller.

Gegen die Empfehlung aber wehren sich die Bauern: Der niedersächsische Landesbauernverband wirbt für den weiteren Verzehr von heimischem Gemüse. "Wir können die Leute nur ermuntern, weiter zuzugreifen", sagte eine Sprecherin des Landvolks am Donnerstag auf dapd-Anfrage. Nachdem der Darminfektionserreger Ehec an Salatgurken aus Spanien nachgewiesen wurde, sei man wieder "etwas erleichtert", sagte sie. Dennoch würden wohl auch die norddeutschen Gemüsebauern starke Auswirkungen zu spüren bekommen.

Der stellvertretende Vorsitzende der niedersächsischen CDU-Fraktion, Karl-Heinrich Langspecht, warnte vor einer pauschalen Verurteilung der Landwirtschaft. Damit erreiche man nur, dass ein kompletter Wirtschaftszweig zerstört werde. "Durch den massenhaften Verzicht des Großhandels auf heimische Gemüse sind bereits jetzt zahlreiche Existenzen unter den Gemüsebauern bedroht", sagte Langspecht.

Auch Biobauern befürchten infolge "panischer Medienberichte" über den Krankheitserreger Ehec spürbare Schäden für ihr Geschäft. "Momentan sind uns zwar noch keine Verkaufseinbußen bekannt", sagte der Geschäftsführer des Dachverbands für ökologischen Landbau in Thüringen, Alexander Seyboth, am Donnerstag in Weimar auf dapd-Anfrage. "Aber wenn die überzogene Berichterstattung so weiter geht, wird es sicher nicht mehr lange dauern."

cib/dpa/Reuters/dapd

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1. ...
glen13 26.05.2011
Zitat von sysopDie Erkrankten sollen sich bei Reisen nach Deutschland angesteckt haben: Der gefährliche Darmkeim Ehec hat nun auch Großbritannien, Schweden, Dänemark*und die Niederlande erreicht. Als Infektionsquelle stehen jetzt spanische Gurken in Verdacht - heimische Bauernverbände reagieren etwas erleichtert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,765090,00.html
Wenn der Erreger angeblich auf spanischen Gurken gefunden wurde, warum bricht die Krankheit dann erst jetzt außerhalb Deutschlands aus? Oder gibt es dort keine spanischen Gurken? Oder ist die spanische Gurkentheorie Mumpitz?
2. Guellekrieg mit den Niederlanden
Originalaufnahme 26.05.2011
Zitat von sysopDie Erkrankten sollen sich bei Reisen nach Deutschland angesteckt haben: Der gefährliche Darmkeim Ehec hat nun auch Großbritannien, Schweden, Dänemark*und die Niederlande erreicht. Als Infektionsquelle stehen jetzt spanische Gurken in Verdacht - heimische Bauernverbände reagieren etwas erleichtert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,765090,00.html
Schon wieder ein neues Thema zum Thema... Also gut: In mehreren niederlaendischen Medien, in einer dort populaeren Gratiszeitung sogar auf der Titelseite, erschienen am 24. und 25. Mai Berichte, die einen "Guellekrieg mit Deuschland" betreffen und die NRW-Umweltpolitik z. T. scharf kritisieren. Bis 2010 nahm Nordrhein-Westfalen jaehrlich ca. 750.000 Tonnen Guelle (!) von den Hollaendern ab, auch weil diese nur halb so viel kostet wie deutsche. Seit November verlangt das NRW-Landwirtschaftsministerium, dass die eingefuehrte Guelle bei 130 Grad sterilisiert wurde. Die technisch darauf nicht vorbereiteten Niederlaendischen Agrarbetriebe wissen seitdem nicht mehr, wie sie das Zeug loswerden sollen. ODER ETWA DOCH??? Unsere Nachbarn haben sich diesbezueglich schon an die EU gewandt, um gegen die NRW-Sonderregel vorzugehen. Ausserdem wird berichtet, dass die deutschen Behoerden die Einfuhr von Guelle in Zukunft staerker kontrollieren wollen. Es sei u.a. geplant, dass die Niederlaendischen Behoerden den Deutschen GPS-Informationen von Guelletransportern zur Verfuegung stellen. Quellen: http://www.agriholland.nl/nieuws/artikel.html?id=126851 http://www.radio1.nl/contents/31022-er-woedt-een-mestoorlog-tussen-nederland-en-duitsland http://www.spitsnieuws.nl/archives/binnenland/2011/05/duitsland_is_stront_uit_nl_zat.html
3. Übrigens ...
unterländer 26.05.2011
Zitat von glen13Wenn der Erreger angeblich auf spanischen Gurken gefunden wurde, warum bricht die Krankheit dann erst jetzt außerhalb Deutschlands aus? Oder gibt es dort keine spanischen Gurken? Oder ist die spanische Gurkentheorie Mumpitz?
Oder die Gurken waren ausschließlich für Deutschland bestimmt. Übrigens. Mit dieser Meldung erhält der nachfolgende Spruch, den ein span. Bauer (Lebensmittelindustrieller) im SWR vor ein paar Wochen raushaute, eine ganz neue Bedeutung: An die Franzosen verkaufen wir alles, was schmeckt. An die Engländer verkaufen wir alles, was absolut rückstandsfrei ist. An die Deutschen verkaufen wir, was wir billig produzieren können. (Nur zur Verdeutlichung: Er meinte nicht, dass er uns minderwertiges Zeug andrehen will, sondern, dass wir das nachfragen!)
4. Eheh
crocodil 26.05.2011
..wahrscheinlich wieder so eine Hysterie, nach Hühnerpest und Schweinegrippe.Oder stecken die Grünen da mit drin, die versuchen wollen, nur noch ÖKO-Produkte zu verkaufen?? Aber den Landwirten kann es ja nur recht sein, da durch die längere Trockenheit sowie nicht genügend Gemüse zur Verfügung steht. Aber danach gibt es bestimmt wieder viele Gründe, um die Preise zu erhöhen.
5. Titel
glen13 26.05.2011
Zitat von unterländerÜbrigens. Mit dieser Meldung erhält der nachfolgende Spruch, den ein span. Bauer (Lebensmittelindustrieller) im SWR vor ein paar Wochen raushaute, eine ganz neue Bedeutung: An die Franzosen verkaufen wir alles, was schmeckt. An die Engländer verkaufen wir alles, was absolut rückstandsfrei ist. An die Deutschen verkaufen wir, was wir billig produzieren können. (Nur zur Verdeutlichung: Er meinte nicht, dass er uns minderwertiges Zeug andrehen will, sondern, dass wir das nachfragen!)
Leider hat der spanische Bauer Recht. Hier in D zählt nur billig, wenn es um Lebensmittel geht. Genuss ist in D Menge.
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Antworten zur Ehec-Seuche
HZI/ Manfred Rohde
In Deutschland grassiert die Ehec-Seuche - aber welcher Stamm genau? Woran erkennt man eine Infektion, und was können Ärzte dagegen tun? Antworten auf die wichtigsten Fragen im Überblick.