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Gefährlicher Darmkeim: Hamburger Klinik registriert weniger neue Ehec-Fälle

Es ist ein erstes Zeichen der Hoffnung: Die Hamburger Universitätsklinik erklärt, dass weniger Ehec-Patienten eingeliefert werden. Für Entwarnung ist es dennoch zu früh: Auch in NRW gibt es jetzt offenbar ein Todesopfer - und andere europäische Länder melden neue Fälle.

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DPA

UKE in Hamburg: Ehec-Ausbreitung gestoppt?

Hamburg - Der Anstieg der Neuerkrankungen durch das Darmbakterium Ehec in Norddeutschland ist offenbar vorerst gestoppt. Die Zahl der Neuinfektionen sei momentan deutlich rückläufig, sagte Jörg Debatin, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), am Montag. Dies sei auch an anderen Kliniken zu beobachten.

Auch die Zahl der Patienten, die durch eine Ehec-Infektion am gefürchteten hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus) erkranken, scheint nicht mehr so schnell zu steigen wie zuletzt. Am Freitag wurden 15 Patienten, am Samstag zehn, am Sonntag sieben und bis zum Montagvormittag ein Patient mit Hu-Syndrom ins UKE eingeliefert, sagte Stefan Kluge, Leiter der Klinik für Intensivmedizin des Klinikums. "Ich hoffe sehr, dass dies ein Indiz dafür ist, dass der Höhepunkt der Erkrankungswelle überschritten ist", sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Montag.

Bisher starben in Deutschland mindestens elf Menschen nach einer Infektion mit dem aggressiven Ehec-Bakterium. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind 329 Patienten an der lebensgefährlichen Komplikation Hus erkrankt. Die Zahl der Ehec-Infizierten liege um ein Vielfaches höher - damit handelt es sich um einen der weltweit größten Ehec-Ausbrüche überhaupt. Allein in Hamburg wurden bis Montagvormittag 488 Infektionen und Verdachtsfälle registriert. Am Samstag waren es noch 467. Davon werden in den Krankenhäusern 94 Patienten stationär wegen Hus oder Hus-Verdachts behandelt - drei mehr als am Samstag.

Fälle im europäischen Ausland

Zusehends sind auch andere europäische Länder von Ehec-Infektionen betroffen. Schweden meldet 36 Verdachtsfälle, bei 13 Patienten habe sich das Leiden zum gefürchteten hämolytisch-urämischen Syndrom ausgeweitet. In Frankreich sollen drei Menschen erkrankt sein, Polen berichtete am Montag von einem ersten Verdachtsfall. In Dänemark gebe es neun Patienten, von denen vier an Nierenversagen litten, teilte das Staatliche Seruminstitut in Kopenhagen mit. Auch in Großbritannien, Österreich und den Niederlanden sind Menschen erkrankt.

Die französischen Behörden haben nach eigenen Angaben eine Lieferung vermutlich verseuchter Gurken in der Bretagne abgefangen und vom Markt genommen, so dass nach Angaben der Regierung durch sie keine Gefahr bestand. Lebensmittelkontrolleure in Österreich haben am Montag 33 Supermärkte nach Gemüse durchsucht, das mit dem Durchfallerreger kontaminiert ist. Bereits am Sonntag war der Verkauf von spanischen Gurken, Tomaten und Auberginen verboten worden, die von deutschen Firmen nach Österreich geliefert worden waren.

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Ehec-Seuche: Kampf gegen den Darmkeim
Drei Todesfälle sind laut RKI bislang eindeutig auf die Krankheit zurückzuführen, elf werden insgesamt mit dem Ehec-Bakterium in Verbindung gebracht. In Nordrhein-Westfalen ist eine Frau nach einer Infektion mit dem Darmkeim gestorben. Die 91-Jährige aus dem Kreis Paderborn sei am Sonntag den Folgen der Infektion erlegen, teilte der Kreis am Montag mit.

Wissenschaftler und Ärzte suchen weiterhin nach der Herkunft des Ehec-Erregers. Es sei noch nicht gesichert, dass er aus Spanien stamme, sagte der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel, am Montag im ZDF-"Morgenmagazin". Man habe den Ehec-Keim zwar auf Gurken gefunden. "Das heißt aber nicht, dass die jetzt ursächlich für diesen gesamten Ausbruch verantwortlich sind", sagte Hensel.

Keine Prognosen möglich

Das RKI erneuerte seine Warnung vor bestimmten Lebensmitteln. "Wir warnen unverändert davor, in Norddeutschland rohes Gemüse zu verzehren", sagte RKI-Präsident Reinhard Burger am Montag im Bayerischen Rundfunk. Vor allem um rohe Gurken, Tomaten und Salate sollten Verbraucher einen Bogen machen. Das Waschen des Gemüses allein biete keinen sicheren Schutz, so Burger. "Erhitzen ist verlässlicher als Waschen." Dazu sollte das Gemüse zwei bis zehn Minuten bei mindestens 70 Grad gegart werden. Die Klagen von Bauern über Umsatzeinbrüche könne er verstehen, sagte Burger. Die Gesundheit der Menschen habe aber klar Vorrang.

Die weiterhin hohe Zahl von Ehec-Neuinfektionen erklärte Burger mit der relativ langen Zeit zwischen der Infektion und dem Ausbruch der Symptome. Die Inkubationszeit betrage etwa eine Woche. Die Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen könne daher erst im Laufe dieser Woche beurteilt werden. Von Prognosen zur weiteren Entwicklung riet Burger ab. "Im Moment können wir schlicht nicht verlässlich sagen, was die eigentliche Infektionsquelle ist."

Trotz der zunehmenden Zahl von Erkrankungen hält die Bundesärztekammer die Situation für beherrschbar. "Hier geht es zwar um einen potentiell lebensgefährlichen Erreger, doch ich warne vor Panikmache", sagte der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, der "Passauer Neuen Presse". "Jeder kann sich schützen, indem er sich streng an die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts hält, häufig die Hände wäscht und vorübergehend auf bestimmtes Gemüse verzichtet."

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) und Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) wollten sich am Montag gemeinsam mit Vertretern der Länder über den Stand der wissenschaftlichen Untersuchungen zu den jüngsten Ehec-Fällen informieren. An dem Gespräch werden die Präsidenten des RKI, des BfR und des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit über die aktuelle Lage berichten. Eingeladen sind auch die Vorsitzenden der Gesundheits-, Verbraucher- und Agrarministerkonferenz der Länder und die Hamburger Gesundheitssenatorin, da Hamburg als ein Schwerpunkt der Erkrankungen gilt.

wbr/dapd/Reuters/AFP

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1. ist das erlaubt...
gast2011 30.05.2011
in dieser kurzen zeit hatte die pharmalobby doch keine zeit millionen zu vierdienen! *ironie aus* hoffen wir, dass es den patienten besser geht und hoffen wir, dass sich die pharmalobby auch ohne inszenierte katastrophen wie schweinegrippe in die schwarzen zahlen bringen kann.
2. ...
unifersahlscheni 30.05.2011
...denke in spätestens drei Wochen ist das Thema "Ehec" so gut wie vergessen...!
3. Superlativer als der Superlativ?
slugs, 30.05.2011
Ihr Journalisten verwendet gerade beim Thema EHEC Begriffe wie: 'dramatisch, Hoffnung, unglaublich viele Infektionsfälle im Vergleich zu...". Was macht ihr denn nun, wenn mal wirklich eine Katastrophe ausbricht? Wie wollt ihr denn dann den Tod von 100.000 Menschen mittels Adjektiven beschreiben? Ultramegadramatische Situation mit absolut gar keiner Hoffnung aufgrund von bombastisch unendlich, gigamegavielen Infektionsfällen? Als ob EHEC schon dramatisch ist...
4. Nachdem die Welt wieder am Abgrund war,
buutzemann 30.05.2011
...nachdem unser aller letztes Stündlein beinahe geschlagen hätte, nachdem es schon zu dramatischen Hamsterkäufen unverkoteter Salatgurken kam, weil Abwaschen ja zu einfach wäre, gibt es nun also, nach einer endlos erscheinenden Phase gesellschaftlicher Agonie und Angst endlich ein erstes zaghaftes Zeichen der Hoffnung. Wider Erwarten werden wir alle doch nicht sterben. Zumindest bis zur nächsten Endzeitseuche. Wie schön.
5. Geht’s noch, Biogurken aus Almeria
Kampfbuckler, 30.05.2011
Geht’s noch, Biogurken aus Almeria Der Hauptverdächtige Fru net:“ in Nijar (Region Almería, in der Nähe des Nationalparkes Cabo de Gata) und in der Wüste von Tabernas (Region Almería, Bewässerung) an. Ein Teil der von uns vermarkteten Erzeugnisse aus Nijar wird von befreundeten Landwirten produziert.“ Wer das Kunstland Almeria kennt, auch als Plastikmeer bezeichnet, weiß wirklich nicht wo und wie dort Bioprodukte gedeihen und reifen sollen. Die Ösipresse ist da deutlicher, die warnt nur vor spanischen Gurken aus Bioläden., das geht wohl nicht in der correct grünen deutschen Presse.
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Antworten zur Ehec-Seuche
HZI/ Manfred Rohde
In Deutschland grassiert die Ehec-Seuche - aber welcher Stamm genau? Woran erkennt man eine Infektion, und was können Ärzte dagegen tun? Antworten auf die wichtigsten Fragen im Überblick.


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