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Illegale Online-Apotheken: Lebensgefahr per Mausklick

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Die Betreiber krimineller Online-Apotheken werden immer professioneller. Die mit gefährlichem Klebstoff, Lacken oder sogar Gift gestreckten Tabletten sind vom Original nicht zu unterscheiden, die Internetseiten gleichen den Auftritten seriöser Anbieter. Nun sollen Verbraucher mit Siegeln geschützt werden.

Arzneimittelfälschungen im Netz: Produktkopien aus dem Kellerlabor Fotos
Zollfahndungsamt Stuttgart

Essen/Freiburg - Anfangs handelten Ralf W. und Franz R. noch mit Waschmaschinen, später vertickten sie im großen Stil Pornofilme über das Internet. Die anonyme Kundschaft fragte immer wieder nach Potenzmitteln, also entschieden sich die beiden, das Portfolio zu erweitern - um endlich das ganz große Geld zu machen. Die Pillen - Viagra, samt den Pendants Levitra, Cialis und der indischen Variante Xamara - besorgten sie sich in Asien, die Ware kam über einen Londoner Postverteiler ins Ruhrgebiet.

Im Einkauf kostete das Viererpäckchen Viagra gerade einmal einen Euro, verkauft haben die Essener es dann für 58 Euro. Innerhalb von zweieinhalb Jahren machten die Verbrecher mal eben 2,3 Millionen Euro.

"Der Online-Handel nimmt immer neue, erschreckende Dimensionen an", sagt Zollfahnder Sieghard. V., 2010 habe man 3,2 Millionen Medikamentenpackungen an den europäischen Außengrenzen abgefangen. Von 2009 auf 2010 haben sich damit die Sicherstellungen im Postverkehr, die durch den illegalen Online-Verkauf verursacht wurden, verdreifacht.

Über die Hälfte aller Online-Pillen gefälscht

Wie viele illegale Pillen-Seiten es gibt, könne heute niemand mehr sagen, sagt V.. Gehandelt werden längst nicht nur die gängigen Lifestyle-Produkte wie Sexpillen, Schlankmacher oder Anabolika. Erhältlich ist alles, was auch die herkömmliche Apotheke hergibt: von Schmerzmitteln über Allergietabletten bis zum Krebsmedikament. Doch wie die Beamten des Zolls warnt längst auch das Bundeskriminalamt: Es kann lebensgefährlich sein, Tabletten bei unseriösen Internetapotheken zu bestellen - über die Hälfte der gehandelten Pillen ist gefälscht.

"Ein Päckchen, das beim Zoll am Frankfurter Flughafen hängenblieb, brachte uns auf die Spur der Täter aus Essen", sagt Sieghard V., am Ende landeten sie für mehrere Jahre im Gefängnis. In einem unscheinbaren Firmengebäude vor den Toren Freiburgs hat er eine kleine Ermittlereinheit versammelt. Hinter dem Haus erstrecken sich grüne Äcker. Auf dem Briefkasten steht schlicht "ZFA" - Zollfahndungsamt.

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Mit Brief und Siegel: Schutz vor gefälschten Pillen aus dem Netz

Eine erfolgreiche Truppe? Der Zollfahnder zuckt mit den Schultern, es sei eine Sisyphusarbeit. Das Internet bietet den Arzneimittel-Kriminellen einfach zu viele Schlupflöcher. Der Beamte trägt ein schlichtes graues Hemd und Jeans. Sein wichtigstes Utensil ist ein schon betagt aussehender Computer, von seinem Schreibtisch aus gräbt sich der Mittfünfziger durch die Vertriebskanäle der illegalen Pillenhändler. Akribisch. Stundenlang.

Gefälscht werden Schmerzmittel, Insulin, Antiallergika

Die Kollegin, die den Finanzcheck möglicher Betrüger übernimmt, sitzt eine Tür weiter. Gesucht wird: tja, wer eigentlich? Die Gegner scheinen unsichtbar und immer einen Schritt voraus. "Wenn wir die eine Seite zumachen, nutzen sie eben eine der zwanzig anderen, die sie parallel aufgebaut haben." Sie tragen Namen wie "gesunde-superapotheke24.net" in allen Schreibweisen, mit und ohne Bindestrich. In allen Länderendungen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Gefälscht ist bei den illegalen Apotheken eigentlich alles, sagt Harald Schweim, Professor für Drug Regulatory Affairs an der Universität Bonn: die Internetseite im Netz, die vorgibt eine seriöse zu sein. Die Verpackung, der Beipackzettel, die Pillen. Über 50 Prozent der von der WHO aufgedeckten Fälschungsfälle enthielten keinen wirksamen Bestandteil, 19 Prozent eine falsche Menge und 16 Prozent komplett falsche Wirkstoffe. Bei den Beipackzetteln wurden zusätzliche Anwendungsgebiete ergänzt, Verfallsdaten verlängert und die Dokumente, die angeblich Qualitätskontrollen bescheinigen, entpuppten sich ebenfalls als Fake.

Im harmlosesten Fall enthalten die Pillen statt des eigentlichen Wirkstoffs nur Zucker oder Mehl, berichtet Zollfahnder V.. Oft aber mischen Kriminelle auch Kleber und Lacke bei. Mitte April wurden in China Kriminelle verhaftet, die Gelatinekapseln in Umlauf gebracht haben sollen, die mit giftigem Chrom hergestellt worden waren. Die Gelatine hatten sie aus alten Schuhen und anderen Lederresten gewonnen. Die sollten eigentlich recycelt werden - zu Lederjacken.

Online-Apotheken: Nur seriös mit diesem Siegel
So funktioniert der Online-Sicherheitscheck
Gefälschte Arzneimittel sind weltweit ein wachsendes Risiko. Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit hat das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (Dimdi) ein Register erstellt, darin sind alle Versandapotheken gelistet sind. Auf der Internetseite des Dimdi kann die aktuelle Gesamtübersicht aufgerufen werden, nur die hier aufgezählten Apotheken dürfen das offizielle Sicherheitslogo auf ihrer Seite zeigen. Mit diesem Logo lässt sich in drei Schritten prüfen, ob man sich auf der Seite eines seriösen Pharma-Onlinehändlers befindet:
Schritt 1
Klicken Sie auf das Logo. Ist die Apotheke im Register enthalten, öffnet sich eine Website des Dimdi mit der zugehören Registrierung.
Schritt 2
Überprüfen Sie, ob das jetzt geöffnete Fenster des Registereintrags in seiner Adressangabe nach dem https:// oder dem http:// mit "versandapotheken.dimdi.de/" beginnt. Nur dann handelt es sich um eine Website des Dimdi. Achten Sie besonder auf den Schrägstrich (/) nach dem ".de".
Schritt 3
Öffnen Sie die Website der Apotheke nur über einen im Register angegebenen Link. Nutzen Sie nicht die Zurück-Funktion Ihres Browsers, und wechseln Sie nicht zurück in ein eventuell noch geöffnetes Fenster.
Schlusskontrolle
Für sich allein ist das Sicherheitslogo noch nicht aussagekräftig, aber zusammen mit den genannten Schritten lässt sich das Risiko, auf Webseiten unseriöser Anbieter zu bestellen, minimieren, erklärt Dimdi-Sprecher Sven Borowski.
Ein im Jahr 2011 sichergestelltes Aids-Präparat habe sogar Arsen enthalten. "Damit keiner der Aidskranken die Fälschung bemerkt. Das ist einfach perfide", sagt V.; Bauchkrämpfe oder Übelkeit, wie sie bei einem derart vergifteten Medikaments auftreten, zählen zu den ganz normalen Nebenwirkungen bei Einnahme des Aids-Mittels, dies sei den Betroffenen also bekannt. Bliebe die Nebenwirkungen aber aus, würde die Täuschung schneller auffallen. Also rein mit dem bisschen Gift. Damit die Kundschaft auch wieder bestellt.

Gewinnmargen der Kriminellen bei über 700 Prozent

"Längst haben große Verbrecherclans den Arzneimittelhandel für sich entdeckt", sagt Harald Schmitz. Der Sprecher des Zollkriminalamts, Hauptstelle Köln, formuliert vorsichtig, bloß kein Detail zu viel verraten. Das Entdeckungsrisiko sei geringer als etwa beim Zigarettenschmuggel oder Mädchenhandel, die Gewinnmargen lägen dafür bei mehreren 100 bis weit über 700 Prozent - ein ausgesprochen lukratives Geschäft, das die Möglichkeiten der Rauschgiftkriminalität bei weitem übertrifft.

Die Verbrecher haben die Märkte aufgeteilt, die Drahtzieher säßen in Osteuropa oder auch in der Schweiz, sagt Schmitz. Die Banden schickten immer öfter nicht gleich ganze Ladungen gefälschter Präparate aus Asien in Richtung Europa. Stattdessen würden einzelne Wirkstoffe bestellt, die dann in kleinen Kellerlabors in Polen oder auch in Deutschland zusammengemixt und dann per Post verschickt werden.

Für die früheren Waschmaschinenhändler endete der Traum vom großen Geld an einem frühen Morgen im Mai 2009. Unter Federführung des Zolls Essen schlugen die Ermittler um 6 Uhr an neun Wohnsitzen gleichzeitig zu. 92 Beamte, darunter 58 Steuerfahnder, 25 Zollinspektoren, zwei Vollzugsbeamte und sieben Staatsanwälte kontrollierten die Wohnungen der Fälscher.

Beute steckte im Keramik-Dalmatiner

Rund 180.000 Pillen fanden die Ermittler in Wohnzimmern und Postpackstationen, außerdem größere Mengen des Gewinns. Nebenbei hatten die Verdächtigen 398.000 Euro in der Wohnung gebunkert, klassisch unter eine Matratze gestopft, ein anderer Teil steckte in einer überdimensionalen Dalmatiner-Statue aus Keramik.

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Anabolika: Zollfahnder zerschlagen Untergrundlabor
Beute"Die Strafen nach dem Arzneimittelgesetz sind nicht so hoch", sagt Schmitz. Erst wenn mit den Ermittlungen Zollbetrug oder Steuerhinterziehung nachgewiesen werden können, stünden am Ende mehrere Jahre Gefängnis. Die Männer aus Essen wurden zu jeweils zwei Jahren und drei Monaten verurteilt.

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1. Gewinnmargen
Drake_De 09.07.2012
Ich denke sicher dass das hier alles ein sehr ernstes Problem ist. Vor allem wenn giftige Komponenten enthalten sind. Man muss aber auch das Monopol der deutschen Apotheken bedenken auf den Arzeneihandel, der das Problem sicher für Deutschland noch verschärft. Wer Arzenei im Internet kauft, will oft Geld sparen. Andererseits ist er aber bereit etwas Geld auszugeben. In gewisser Weise ist es ein ähnliches Problem wie bei den MP3s, in Bezug auf die Vermarktungsketten die nicht dem Stand der Technik nachgekommen sind. Die Leute nutzen das Internet. Und da dort seriöse Angebote lange Zeit auf sich warten liessen, bzw. (siehe DocMorris) weggeklagt wurden, hat sich dieser Schwarzmarkt so schlimm entwickelt. Von den Dopingmitteln mal garnicht zu reden! Eine Möglichkeit diesen Fälschungsmarkt auszutrocknen, bzw kleiner zu machen, wäre die Gewinnmargen der Illegalen zu senken. Das geht durch eine Vergrößerung des Angebots von "bezahlbaren" legalen Seiten UND einer verstärkung der Kontrolle! Aber zZ liegt der Schwerpunkt nur auf letzterem und natürlich verstärktem viralen Marketing wie diesem Artikel hier.
2. Wissen wo man kauft
Stahlmichel 09.07.2012
Na blöd ist wer hier überteuerte Medikamente kauft, statt aus dem "bösen" Ausland. Dort gibts bei seriösen Shops viele Medikamente die man bei uns nur mit Rezept bekommt, oftmals um bis zu 50% billiger, dabei sind es aber ausländische Marken die natürlich für den dortigen Markt zugelassen sind und gleichzeitig identisch mit dem Wirkstoff der deutschen Medikamente sind. Nehmen wir mal Finasterid, ein Haarwuchsmittel, in Deutschland zahlt man für 90 Tabletten knappe 100 Euro. Bekanntes Mittel in Deutschland : Finahair Bekanntes Mittel im Ausland : Finpecia... In einer bekannten Onlineaphoteke mit Sitz in UK zahlt man inklusive Versand 55 Euro... Die Wirkstoffe wurden von findigen Mitleidenden teilweise überprüft - wer die Ausrüstung hatte, also nichts mit gepresstem Essig, etc.... Ein sehr interessanter Beitrag noch: Pro-Generika-Chef Peter Schmidt enthüllt.... - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=4yRTsRLNYH0) Aber zahlt ruhig mehr Geld ;)
3. Vergesst Viagra etc.
winni1234 09.07.2012
Die beste Therapie bei Erektionsproblemen ist eine Tantra-Massage mit Lingam (Genitalmassage). Leider wird diese Therapie nicht von der Krankenkasse bezahlt.
4. Selbst Schuld
_sct_ 09.07.2012
An diesen Vorkommnissen ist die Politik selbst Schuld. Das würde oft nicht passieren, wenn einige verschreibungspflichtige Medikamente nicht verschreibungspflchtig wären. Auch "seriöse" Medikamente wie z.B. Metformin, Insulin, Antibiotika uvm. gibt es nur auf Rezept. Das das auch anders geht zeigen andere Länder.
5. Und woher soll ich wissen...
Flusher 09.07.2012
ob eine Online-Apotheke seriös ist oder nicht? An dieser Stelle wären Tipps zur Unterscheidung von seriösen Anbietern von weniger seriösen hilfreich gewesen. Oder lautet etwas der allgemein Rat gar nicht erst Online zu bestellen?
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