Gefälschte Brustimplantate Firmengründer machte früher Würstchen

Nicht gerissen, aber dreist: Über 15 Jahre lang schickte PIP-Inhaber Jean-Claude Mas seine gefälschten Silikonkissen in die Welt. In seiner Firma an der Côte d'Azur demonstrierte er die Qualität seiner Produkte: Mit dem Luxus-Schlitten überrollte er die Implantate. Gewissensbisse plagen ihn nicht.

"Eine teuflische Show": PIP-Inhaber Jean-Claude Mas
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"Eine teuflische Show": PIP-Inhaber Jean-Claude Mas

Aus Marseille berichtet Annika Joeres


Marseille - Jean-Claude Mas liebte es, mit Vollgas über seine Brust-Prothesen zu fahren. Wenn der Chef der Firma Poly Implant Prothèse (PIP) früher Klienten empfing, bat er sie zunächst in den Hof seiner Firma im südfranzösischen Seyne-sur-Mer. Der vollbärtige Mann stieg in seine BMW-Limousine und überrollte die unternehmenseigenen Silikonkissen. Die Prothesen hätten sich für wenige Sekunden verformt, dann ihre ursprüngliche Form wieder angenommen, berichten nun frühere Mitarbeiter. Es galt als Beweis für die Qualität der PIP-Produkte.

Mas konnte eine perfekte Show abziehen. Internationale Kunden empfing er stets herrschaftlich, er selbst lebte in einer 400 Quadratmeter großen Villa mit Meerblick in Six-Fours, einem Badeort am Mittelmeer zwischen dem südfranzösischen Toulon und Marseille. 260 Tage im Jahr scheint hier die Sonne. Inmitten von Olivenbäumen und Pinien hat Mas sein Imperium aufgebaut.

Hinter der biederen Fassade des 72-Jährigen, einem Mann mit Halbglatze, Krawatte und zu großen Brillen verbirgt sich ein Betrüger, der bis zu 500.000 Frauen weltweit mit seinen gefährlichen Prothesen in Gefahr brachte. In der von Mas gegründeten und bis zuletzt geführten Firma wurden systematisch Stoffe verwandt, die für medizinische Produkte nicht zugelassen waren.

Mas war kein Mediziner, sondern gelernter Fleischer

Dem TÜV Rheinland präsentierte Mas stets ordnungsgemäße Produktionsabläufe und saubere Papiere. Das ging, denn die Kontrolleure kündigten sich stets zehn Tage vorher an - genug Zeit für Mas, seine Fabrikhallen zu präparieren. "Es war eine teuflische Show", sagt der sozialistische Abgeordnete Gérard Bapt, der Einsicht in die juristischen Dokumente hatte. Die Täuschung war höchst simpel: Container mit dem verbotenen Silikon wurden in andere Räume geschoben, Aktenordner versteckt.

"Ich bin nur den Regeln des Kapitalismus gefolgt", sagte Mas später zu den Ermittlern der französischen Polizei. Tatsächlich hatte er ein simples marktwirtschaftliches Konzept: Sein Produkt sollte billig sein, der Gewinn hoch. Weil sein Industrie-Gel zehnfach günstiger war als das medizinisch zugelassene, habe er sich dafür entschieden. Selbst als seine Firma 2010 von der Staatsanwaltschaft geschlossen wurde und in die Insolvenz ging, agierte Mas noch als Geschäftsmann: Auf den Namen seines Sohnes meldete er eine weitere Prothesen-Firma in Frankreich an. Inzwischen liege diese aber wieder "auf Eis", gab sein Sohn in der französischen Presse bekannt.

Mas hätte genauso gut mit Wein, Brennholz oder Parfum handeln können - eine medizinische Ausbildung hatte er nicht, berichtet Patrick Baraf, ein Chirurg aus Paris, auf SPIEGEL ONLINE. Mehrfach habe er Mas auf Kongressen getroffen und sich über diesen "kleinen nervösen Mann" gewundert, der erkennbar kein Wissenschaftler oder Ingenieur war. Mas sei eigentlich gelernter Fleischer.

Mas selbst nannte sich gern ein Self-Made-Man, ein "Spieler, der gewinnt". Als Zwanzigjähriger brach er sein Studium nach nur einem Jahr ab und arbeitete als Handlanger für Labore. 1980 stieg er mehr zufällig als geplant in das Prothesen-Institut seiner künftigen Frau ein, 1991 gründete er das PIP. Schon zwei Jahre später ordnete er zum ersten Mal an, vor dem TÜV den wahren Inhalt seiner Brust-Prothesen zu verbergen.



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