Wildvögel unter Verdacht Woher kommt die Geflügelpest?

Womöglich haben Wildvögel die Geflügelpest in drei Ställe in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien gebracht. Doch noch herrscht keine Gewissheit. Experten wollen auch andere Übertragungswege nicht ausschließen.

Geflügelpest: Experten nennen drei Varianten der Ausbreitung
DPA

Geflügelpest: Experten nennen drei Varianten der Ausbreitung


Zuerst Deutschland, dann die Niederlande, nun Großbritannien. In drei europäischen Staaten mussten im November Tausende Tiere auf Farmen getötet werden, weil sie an Geflügelpest - auch als Vogelgrippe bekannt, erkrankt waren. Dennoch scheint sich das Virus weiter auszubreiten. Wie es überhaupt nach Europa gelangen konnte und auf welchen Wegen es sich ausbreitet, versuchen Forscher nun herauszufinden. Hauptverdächtige dabei sind Wildgänse.

Zunächst war die Grippe Anfang des Monats auf einem Geflügelhof in Mecklenburg-Vorpommern aufgetaucht, am Sonntag meldete die Niederlande einen Fall. Auslöser ist der Virustyp H5N8, der bislang aber nicht auf den Menschen übertragen wurde. Das Virus ist vor allem aus Südkorea bekannt. Welches Virus die Geflügelpest auf dem Hof in Großbritannien ausgelöst hat, ist noch unklar. Es sind auch andere Erreger als H5N8 denkbar.

Drei mögliche Szenarien für die Übertragung

Laut Lothar Wieler, Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Tierseuchen der Freien Universität Berlin, sind grundsätzlich drei Szenarien für die Übertragung der Geflügelpest, möglich:

  • Ein infizierter Vogel aus einem fremden Stall bringt den Erreger auf einen weiteren Geflügelhof.
  • Futter oder Gegenstände, auf denen das Virus sitzt, gelangen in den Stall.
  • Infizierte Wildvögel - etwa Wasservögel - haben Kontakt mit Nutzgeflügel.

Die ersten Option hält Wieler bei den aktuellen Fällen für unwahrscheinlich. Das Virus ist offenbar sehr aggressiv, das Immunsystem der Masttiere hat ihm kaum etwas entgegenzusetzen. "Hühner erkranken rasch", erklärt Wieler. Dies würde in der Regel auffallen, bevor die Tiere in den Verkauf kämen. Gegen eine Übertragung von Hof zu Hof spreche auch, dass die infizierten Betriebe sehr schnell abgeschirmt und infizierte Tiere getötet würden. Auch die Übertragung über Futter oder andere Gegenstände ist laut Wieler kaum wahrscheinlich. Der Seuchenexperte tippt stattdessen auf Wildvögel.

Überwachung von Wildvögeln stark zurückgefahren

"Man weiß aus früheren Untersuchungen, dass sich zum Beispiel bestimmte Wasservögel zwar infizieren, aber nicht an der Virusinfektion erkranken", sagt der Mikrobiologe. "Je nachdem, welche Routen diese Wildvögel nehmen, können sie ein Influenza-Virus über weite Strecken tragen." Auch in Südkorea und Japan wurde das Virus bereits bei Wildvögeln nachgewiesen.

Die Theorie hat dennoch einen Haken: "Es fehlen Nachweise für die Strecke zwischen Asien und Europa und Europa selbst", teilte das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) mit. Über welche Zugrouten das Virus von Südkorea nach Mecklenburg-Vorpommern und in die Niederlanden und nach Großbritannien gelangt sein könnte, ist demnach unklar. Auch stellt sich die Frage, wie das Virus über Wildvögel in geschlossene Ställe gekommen sein könnte. "Eine Verbreitung über Zugvögel ist denkbar, bisher aber nicht belegt", fasst das FLI zusammen.

Möglich wäre auch ein zweiter Übertragungsweg über Wildvögel: So könnte es sein, dass sich das Virus bereits seit längerer Zeit in Europa ausbreitet, aber erst jetzt, wo es empfindlichere Masttiere erreicht hat, sichtbar wird, weil diese Tiere erkranken. Auszuschließen ist das nicht, denn die Überwachung der Wildvögel in Europa wurde in den vergangenen Jahren stark zurückgefahren. Im Vergleich zu 2006 würden nur noch etwa zehn Prozent der ursprünglichen Probenmenge zusammenkommen, berichtet das FLI.

Klarheit sollen nun weitere Untersuchungen bringen. Genetische Analysen können weitere Details über die Herkunft, die Aggressivität und die Entwicklung des Erregers offenlegen. Für die breite Öffentlichkeit besteht nach derzeitigem Wissensstand kein Risiko, an der Vogelgrippe-Variante H5N8 zu erkranken. Ein erhöhtes Risiko tragen nur Menschen, die direkt mit kranken Vögel in Kontakt geraten.

jme/nik



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insgesamt 27 Beiträge
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A.P.M. 18.11.2014
1. Die vierte Möglichkeit.
Es gibt noch eine weitere Möglichkeit, die der Straftat. Bezieht man dieses in die Variablen ein und addiert Ockhams Rasiermesser hinzu sollte man zu einem eindeutigen Ergebnis kommen. Es sei denn man will zu dem Schluss kommen " Wildgänse brechen in Deutschlands Putenställe ein". Ockhams Rasiermesser Von mehreren möglichen Erklärungen desselben Sachverhalts ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält, die in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.
cptlars 18.11.2014
2. im Normalfall fliegen die
Tiere jetzt nach Süden und kommen nicht von dort. also hätte ich diese Theorie im Frühjahr verstanden. mache ich einen Gedankenfehler?
unaufgeregter 18.11.2014
3. Massentierhaltung
ist das Problem der doofen Menschheit. Jetzt müssen die armen Wildvoegel herhalten.
tugendbold 18.11.2014
4. Übertragung durch Wildvögel
dürfte die unwahrscheinlichste Erklärung sein. Es gibt keine Zugrouten von Südkorea nach Europa, und auch (fast) keine von Mecklenburg nach England. Wenn nach vielem Hin und Her (z.B. Treffen verschiedener Zugpopulationen in den Brutgebieten) nach und nach eine große Wildpopulation nach Westen hin durchseucht worden wäre, müsste man auch eine erhöhte Sterblichkeit bei Wildvögeln nachweisen können, die aber aktuell nicht erkennbar ist. Schließlich - wie sollte das Virus von wildlebenden Wasservögeln in geschlossene Putenställe gelangen? Zielscheißen überfliegender Gänse in die Lüftungsschächte? Da scheint mir wirklich alles andere wahrscheinlicher.
tugendbold 18.11.2014
5. Übertragung durch Wildvögel
dürfte die unwahrscheinlichste Erklärung sein. Es gibt keine Zugrouten von Südkorea nach Europa, und auch (fast) keine von Mecklenburg nach England. Wenn nach vielem Hin und Her (z.B. Treffen verschiedener Zugpopulationen in den Brutgebieten) nach und nach eine große Wildpopulation nach Westen hin durchseucht worden wäre, müsste man auch eine erhöhte Sterblichkeit bei Wildvögeln nachweisen können, die aber aktuell nicht erkennbar ist. Schließlich - wie sollte das Virus von wildlebenden Wasservögeln in geschlossene Putenställe gelangen? Zielscheißen überfliegender Gänse in die Lüftungsschächte? Da scheint mir wirklich alles andere wahrscheinlicher.
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