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29. Dezember 2012, 17:58 Uhr

Geheime Pillentests in der DDR

CDU-Politiker fordert Aufklärung

Jahrelang sollen westliche Pharmafirmen Medikamente an ahnungslosen DDR-Bürgern ausprobiert haben. Jetzt fordern Politiker eine gründliche Aufklärung des Skandals und plädieren für Konsequenzen: Möglicherweise müssen die beteiligten Unternehmen den Betroffenen Entschädigungen zahlen.

Berlin - Es waren schmutzige Geschäfte, die der DDR Millionen brachten: In den achtziger Jahren führten westdeutsche Pharmaunternehmen Medikamententests durch. Die Versuchsteilnehmer waren meist ahnungslose DDR-Patienten, die von den Experimenten nichts wussten. Für jeden vermittelten Probanden kassierte die DDR Geld von den Firmen. Recherchen von ARD-Fernsehjournalisten hatten aufgedeckt, wie die Machenschaften zwischen Ost und West funktionierten.

Am Freitag hatte der Berliner "Tagesspiegel" berichtet, dass auch Patienten in DDR-Krankenhäusern als Studienteilnehmer für die Medikamententests herangezogen worden seien - ebenfalls ohne ihr Wissen.

Jetzt reagieren Politiker auf die Medienberichte. Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU), forderte Konsequenzen, falls westdeutsche Pharmafirmen tatsächlich Arzneimittel an ahnungslosen DDR-Patienten ausprobiert haben sollten.

Bergner sagte der "Mitteldeutschen Zeitung" aus Halle: "Das kann auch heute noch Konsequenzen haben - im Sinne von Entschädigung, möglicherweise sogar von strafrechtlicher Verfolgung." Experimente ohne Einwilligung der Betroffenen seien ein Skandal. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fälle, die jetzt Aufregung verursachen, im Einklang mit dem westdeutschen Recht gewesen sind", sagte er. "Experimente ohne Einwilligung der Betroffenen halte ich für skandalös."

Gleichwohl plädierte Bergner für eine differenzierte Aufarbeitung: Viele Ärzte in der DDR seien froh gewesen, wenn sie überhaupt Medikamente bekommen hätten. Zudem könne man die westdeutsche Pharmaindustrie nicht über einen Kamm scheren.

"Erinnerungen an dunkelste Zeit der deutschen Geschichte"

Thüringens FDP-Generalsekretär Patrick Kurth sagte, die Meldungen zeigten, dass die Machenschaften des SED-Regimes nicht nur Ostdeutschland beträfen. Kurth forderte einen schärferen Blick auf die Rolle der alten Bundesrepublik in dem Skandal. "Der Vorwurf geht ins Mark unseres gesellschaftlichen Gewissens und weckt beschämende Erinnerungen an die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte im Nationalsozialismus", sagte der Sprecher für Aufbau Ost der FDP-Bundestagsfraktion. Sollten die Vorwürfe zutreffen, dürfe es nicht bei einer gewichtigen Würdigung der Opfer bleiben. Daher wolle er sich für eine parlamentarische Behandlung der Vorfälle einsetzen.

Der Vorsitzende der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, Rainer Wagner, sagte der "Mitteldeutschen Zeitung": "Hier kommt westliche Profitgier zusammen mit kommunistischer Skrupellosigkeit. Die Vorgänge müssen lückenlos aufgeklärt und die Opfer entschädigt werden." Eine Entschuldigung sei das Mindeste.

Sowohl die ARD-Dokumentation als auch der "Tagesspiegel" berufen sich auf einen Fernsehbericht im MDR sowie auf Unterlagen aus dem einstigen DDR-Gesundheitsministerium. In der Liste seien mehr als 50 Firmen aufgeführt, die bei dem Ministerium von 1983 bis zum Mauerfall 165 Medikamentenstudien in Auftrag gegeben hätten, hieß es. Bis zu 860.000 D-Mark sollen für einzelne Studien an die DDR gezahlt worden seien. In mindestens sieben Fällen erfuhren die Patienten angeblich nichts.

cib/dapd/dpa

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