Geistige Leistungsfähigkeit Auch Kleinhirn trägt zur Intelligenz bei

Was passiert in unserem Gehirn, wenn im Alter die kognitiven Fähigkeiten schwinden? Offenbar spielt das Kleinhirn eine wichtige Rolle. Forscher hoffen nun auf gezielte Trainingübungen - vor allem für Männer.

Gehirn (grafische Darstellung): Stimulation durch Sinnesreize und Bewegungen
Corbis

Gehirn (grafische Darstellung): Stimulation durch Sinnesreize und Bewegungen


Mailand - Die Intelligenz eines Menschen scheint nicht nur im Großhirn verortet zu sein. Möglicherweise trägt auch das Kleinhirn, eigentlich zuständig für die Kontrolle von Bewegungen, stärker als bisher vermutet zu geistigen Leistungen bei. Das legen Ergebnisse ein irisch-britisches Forscherteam nahe, das mehr als 200 Menschen im Alter von über 60 Jahren untersucht hat.

Vor allem das Volumen der sogenannten grauen Substanz im Kleinhirn, die dort die äußere Schicht bildet, hängt demnach bei älteren Erwachsenen mit der allgemeinen Intelligenz zusammen. Möglicherweise könne ein gezieltes Training des Kleinhirns eine Volumenabnahme verhindern. So ließe sich der geistigen Abbau im Alter vielleicht teilweise verhindern, schreiben Wissenschaftler um Michael Hogan von der National University of Ireland in Galway im Fachmagazin "Cortex".

Bisher hatten Wissenschaftler angenommen, dass die Intelligenz vor allem durch das Großhirn bestimmt wird. Das Schwinden kognitiver Fähigkeiten im Alter hängt nach dieser Lesart mit Abbauprozessen im Stirnhirn zusammen. Zwar lassen sich auch im Kleinhirn oder Cerebellum, das sich im hinteren Teil des Kopfes befindet, im höheren Alter Abbauprozesse beobachten. Dieser Hirnbereich wurde bisher jedoch vor allem mit der Koordination von Bewegungen und Gleichgewichtsprozessen in Zusammenhang gebracht. Ob er auch für die Intelligenz eine Rolle spielt, war bislang unklar.

Hogan und sein Team untersuchten nun 228 Erwachsene im Alter von etwa 64 Jahren. Die Probanden nahmen an einem Intelligenztest teil und wurden außerdem im Magnetresonanztomographen untersucht. Dabei wurden zunächst Schnittbilder des Gehirns angefertigt und anschließend analysiert, indem für jeden einzelnen Bildpunkt der Gehirnaufnahmen bestimmt wurde, zu welchen Anteilen er graue Substanz, weiße Substanz, Knochen oder Flüssigkeit enthält. Die graue Substanz besteht aus den Zellkörpern der Nervenzellen, die weiße Substanz setzt sich aus den Fasern der Nervenzellen zusammen.

Netzwerke im Kleinhirn sollten stimuliert werden

Bei der Auswertung der Daten beobachteten die Forscher einen direkten Zusammenhang zwischen dem Volumen der grauen Substanz im Kleinhirn und der allgemeinen Intelligenz. Dies war auch dann der Fall, wenn das Gesamtvolumen des Gehirns und das Volumen der grauen und der weißen Substanz im Stirnlappen mit in die Auswertung einbezogen wurden. Allerdings war der Zusammenhang bei Männern deutlich stärker ausgeprägt als bei Frauen.

"Allgemeine Intelligenz ist mit vielen Aspekten der Informationsverarbeitung assoziiert", sagt Hogan. "Ich glaube, dass diese von der Funktion des Kleinhirns abhängen, so zum Beispiel die Geschwindigkeit und die Konstanz unserer Wahrnehmungen und unserer Entscheidungen." Auch die Geschwindigkeit, mit der man neue Fähigkeiten lerne, werde vermutlich vom Kleinhirn mitbestimmt, so Hogan.

Die Ergebnisse könnten Hinweise darauf geben, wie man höhere geistige Fähigkeiten auch im fortgeschrittenen Alter aufrechterhalten könnte - nämlich dadurch, dass man die Netzwerke im Kleinhirn kontinuierlich durch neue Sinnesreize, Bewegungen und geistige Aktivitäten stimuliert. "Solche Prozesse werden meiner Ansicht nach durch das Kleinhirn reguliert und mit der Zeit automatisiert", sagt Hogan. "Dabei arbeitet es vermutlich eng mit dem Großhirn zusammen."

chs/dapd

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
BuenaBanana 10.03.2011
1. .
Das ist keine besonders neue Erkenntnis. Schon lange weiß man dass die regelmäßige Ausführung von komplexen Willkürfeinbewegungen die Intelligenz steigert, z.B. das Erlernen eines Instruments oder Pc-Spiele. Da willkürliche Feinbewegungen über das Kleinhirn gesteuert werden war der im Artikel beschriebene Zusammenhang nahe liegend.
albert schulz 10.03.2011
2. nix Halbes und nix Ganzes
Die Frage ist nur, ob Kleinhirn, Zwischenhirn oder auch Schläfenlappen einen größeren Einfluß haben, ob sie zusammenarbeiten oder sich gegenseitig beeinflussen oder gar kontrollieren. Bislang ging man von Mandelkern und limbischem System als Erreger aus. Fest steht, daß es einen Anstoß zu denken geben muß, und der sitzt definitiv nicht im Großhirn, sondern da, wo die Gefühle, Hoffnungen und Ängste sitzen. Das ist übrigens auch die Schaltstelle, die festlegt, was man sich etwas merkt, oder was von Interesse ist. Und damit sind wir bei der Frage, was Intelligenz ist. Wenn sich eine Frau mehr für die Mimik eines quengelnden Babys interessiert, der Gatte hingegen für einen eingespritzten Turbolader, so darf man fragen, erstens was das mit Intelligenz zu tun hat, und zweitens inwiefern es sinnvoll ist. Man darf sich natürlich auch fragen, was Wissenschaftler unter Intelligenz verstehen. Und ob ihre Interpretation des Begriffs mit der Auslegung durch Journalisten kompatibel ist. Oder ob der Begriff nicht ganz ordinäres Wischiwaschi ist, also für Talkrunden fürs geistige Prekariat oder den sarazenischen Armleuchter und seine Leser. Der Begriff Intelligenz ist seit über fünfzig Jahren überholt, aber es gibt noch jede Menge Allmachtstrottel, die Intelligenztests durchführen.
albert schulz 10.03.2011
3. Ergänzung Intelligenz
Wenn ein Mensch aufmerksam, interessiert ist, ein waches Auge hat, mitdenkt, sich etwas einfallen läßt, so ist das Ergebnis zumeist sinnvoll oder weiterführend, weil er sich angestrengt hat. Angestrengt hat sich das Großhirn, aber das ist reines Werkzeug. Der Anstoß kommt aus dem Lebenskern, irgendwo im Klein- oder Zwischenhirn. Ist Intelligenz, wenn ein Mensch motiviert ist, sein Interesse geweckt ist ? Damit wären wir bei den pädagogischen Methoden, vor allem Wertvorstellungen, die Intelligenz benoten zu können vermeinen.
Flightkit, 10.03.2011
4. Auch Kleinhirn trägt zur Intelligenz bei
Großhirn an Kleinhirn, Frage: was ist gemeint mit: "trägt bei?
micky2 10.03.2011
5. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von albert schulzDie Frage ist nur, ob Kleinhirn, Zwischenhirn oder auch Schläfenlappen einen größeren Einfluß haben, ob sie zusammenarbeiten oder sich gegenseitig beeinflussen oder gar kontrollieren. Bislang ging man von Mandelkern und limbischem System als Erreger aus. Fest steht, daß es einen Anstoß zu denken geben muß, und der sitzt definitiv nicht im Großhirn, sondern da, wo die Gefühle, Hoffnungen und Ängste sitzen. Das ist übrigens auch die Schaltstelle, die festlegt, was man sich etwas merkt, oder was von Interesse ist. Und damit sind wir bei der Frage, was Intelligenz ist. Wenn sich eine Frau mehr für die Mimik eines quengelnden Babys interessiert, der Gatte hingegen für einen eingespritzten Turbolader, so darf man fragen, erstens was das mit Intelligenz zu tun hat, und zweitens inwiefern es sinnvoll ist. Man darf sich natürlich auch fragen, was Wissenschaftler unter Intelligenz verstehen. Und ob ihre Interpretation des Begriffs mit der Auslegung durch Journalisten kompatibel ist. Oder ob der Begriff nicht ganz ordinäres Wischiwaschi ist, also für Talkrunden fürs geistige Prekariat oder den sarazenischen Armleuchter und seine Leser. Der Begriff Intelligenz ist seit über fünfzig Jahren überholt, aber es gibt noch jede Menge Allmachtstrottel, die Intelligenztests durchführen.
Eingespritzter Turbolader? ;) Ich glaube Sie interessieren sich für das quengelnde Baby :) (Ist nicht bös gemeint, aber ich musste dazu einfach einen Kommentar abgeben) Für Sie zur Auffrischung ihrer Infos: http://de.wikipedia.org/wiki/Turbolader
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