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15. Januar 2013, 16:04 Uhr

Wiedergeburt des Neandertalers

"Vielleicht sind sie intelligenter als wir"

Mit Hilfe der synthetischen Biologie lassen sich virusresistente Menschen schaffen und Neandertaler klonen, sagt der amerikanische Genforscher George Church dem SPIEGEL. Als Leihmutter bräuchte man dann nur noch "einen abenteuerlichen weiblichen Mensch".

Hamburg - Angst vor der Gentechnik ist in Deutschland weit verbreitet, und Molekularbiologe George Church repräsentiert wie kaum ein anderer eine Zunft, die bereit ist, bedingungslos alles Machbare auch auszuprobieren: Wenn der Wissenschaftler der Harvard University vom Leben spricht, dann klingt es, als rede er von einer Art Wundermaschine. "Es ist, als hätte irgendein genialer Ingenieur ein Raumschiff in unserem Hinterhof geparkt", sagt er. Und dieses Raumschiff stecke "voller Überraschungen".

Church betrachtet das Leben als Geschenk, das die Natur dem Menschen gemacht habe. Seine Aufgabe als Genforscher bestehe darin, all die technischen Möglichkeiten zu erkunden, die dieses Geschenk ihm eröffnet, erklärt er im aktuellen SPIEGEL.

Verwegen mutet zum Beispiel seine Vision an, den Neandertaler wieder zu erschaffen - dies sei technisch durchaus möglich. Und mehr noch: Der heute 58-jährige Biotech-Pionier rechnet sich gute Aussichten aus, diese Wiedergeburt noch zu erleben. Bereits gelungen ist es, genug DNA aus fossilen Knochen zu gewinnen, um daraus die Erbsubstanz der ausgestorbenen Menschenart weitgehend zu rekonstruieren.

Moderne Neandertal-Kultur dank Gentechnik

Church will dieses Wissen nutzen, um menschliche Zellen im Labor Schritt für Schritt denen eines Neandertalers anzugleichen. Die dazu erforderliche Technologie entwickle er derzeit in seinem Labor. Als Leihmutter für den so erschaffenen ersten Neandertaler-Klon gelte es sodann, "einen abenteuerlustigen weiblichen Menschen" zu finden.

Im letzten Schritt schließlich könne man dem Klon weitere künstlich erzeugte Artgenossen zur Seite stellen, so dass am Ende "eine Art Neandertal-Kultur" entstehe, die auch "politisch Bedeutung bekäme".

Irgendwann, meint Church weiter, würden die Biotechniker auch beginnen, am Erbgut des heutigen Menschen herumzudoktern. Zu verlockend seien die Chancen des Klonens und der Genmanipulation, als dass man langfristig auf die Nutzung dieser Techniken verzichten werde.

"Was wäre, wenn wir alle 120 würden?", fragt Church. "Es könnte sein, dass man das für erstrebenswert halten wird."

Sogar eine Resistenz gegen alle Art von Viren ließe sich seiner Überzeugung nach herstellen. Egal ob Masern, Aids, Grippe oder simpler Schnupfen - all diese Leiden wären mit einem Streich besiegt. Notwendig dazu ist Church zufolge nur eines: den genetischen Code, der allem Leben auf Erden zugrunde liegt, zu verändern.

Visionär probt die praktische Umsetzung

So vermessen diese Visionen auch klingen mögen, das Wort des Harvard-Forscher hat durchaus Gewicht. Denn Church ist eine der Schlüsselfiguren der amerikanischen Gentech-Szene. Er war Mitinitiator des in den achtziger Jahren gestarteten Human Genome Projects, das sich zum Ziel setzte, das menschliche Erbgut zu entschlüsseln. Später zählte er, neben den beiden großen Pionieren Jim Watson und Craig Venter, zu den ersten Menschen, deren Genom vollständig entziffert und veröffentlicht wurde.

Heute arbeitet Church an der praktischen Verwirklichung seiner Visionen: Er entwickelt Schnellverfahren, um immer billiger Erbinformation auszulesen oder neu zu synthetisieren. Er simuliert in seinem Labor in Boston Evolutionsprozesse, um so die genetische Veränderung von Organismen besser steuern zu können. Und im Erbgut von Superalten sucht er nach dem Geheimnis langen Lebens.

In den vergangenen Jahren machte Church vor allem als Wegbereiter der sogenannten synthetischen Biologie von sich reden. Gemeinsam mit einer Handvoll weiterer Visionäre verfasste er ein Manifest, in dem die Forscher den Anbruch einer neuen Ära verkünden: Das Leben, heißt es darin, sei nichts anderes als ein Baukasten voller Biobausteine. Den Biologen komme die Aufgabe von Ingenieuren zu, die aus diesen Bausteinen immer neue Biomaschinen konstruieren könnten. "Die Wissenschaft vom synthetischen Leben wird nahezu alle industriellen Bereiche durchdringen", verkündet Church.

Ob er verstehen könne, dass manch einem mulmig wird angesichts solcher Phantasien, fragte ihn der SPIEGEL. Ob er die Ängste nachvollziehen könne, die viele verspüren, wenn er eine gentechnische Veränderung der Spezies Mensch in Aussicht stelle? Nein, erwiderte der Forscher, er begreife nicht, "warum viele Menschen so tief verletzt sein sollten durch diese Art der Technologie". Schließlich sei der biologische Artbegriff ohnehin dabei, sich zu wandeln. Bisher habe stets gegolten, dass der Mensch mit anderen biologischen Arten keine DNA austauschen konnte. "Aber diese Barriere wird fallen."

jg

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