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Gentechnik: Forscher verwandeln Hautzellen direkt in Nervenzellen

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Aus Haut- mach Nervenzelle - ohne Zwischenschritt über Stammzellen. Das ist Forschern nun mit Mäusezellen gelungen. Mit Hilfe von Viren haben sie drei Gene in die Zelle eingeschleust, die den Umwandlungsprozess in Gang brachten. Es ist ein weiterer Schritt hin zu einer neuen Medizin.

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Gentechnik: Verwandelte Zellen
Vor wenigen Jahren gelang es Stammzellforschern erstmals, Hautzellen in Alleskönner-Stammzellen zu verwandeln. Diese Zellen in ihrem embryonalen Urzustand waren die Knetmasse, aus der sie dann theoretisch jede gewünschte Körperzelle züchten konnten, beispielsweise Nerven-, Muskel- oder Herzzellen. Es war ein wichtiger Schritt hin zu einer zukünftigen Medizin, wo Ärzte einmal in der Lage sein werden, kaputtes Körpergewebe einfach neu zu züchten.

Nun ist es Wissenschaftlern um Marius Wernig von der Stanford University School of Medicine in Kalifornien gelungen, Hautzellen von Mäusen direkt in Nervenzellen zu verwandeln - ohne den Zwischenschritt über das Stammzell-Stadium gehen zu müssen. Ihre Arbeit haben die Forscher im Fachmagazin " Nature" veröffentlicht.

"Wir haben aktiv und direkt einen Zelltyp in einen völlig anderen verwandelt", sagte Wernig.

Es war eine Detektivarbeit, denn die Forscher mussten herausfinden, welche Gene sie in die Zellen einschleusen mussten, um sie umzuwandeln. Von früheren genetischen Untersuchungen wussten sie, dass in den sich entwickelnden Nervenzellen eines Embryos 19 Gene besonders und ausschließlich aktiv sind. Diese schleusten sie nach und nach mit Hilfe von Viren in die Zellen ein, und prüften, welche Kombinationen nötig waren, um den Umwandlungsprozess auszulösen. Am Ende identifizierten sie drei Gene, die die besten Ergebnisse produzierten: Ascl1, Brn2 und Myt1l.

Den Wissenschaftlern gelang die Umwandlung mit Hautzellen aus Mäuseembryonen und mit Schwanzzellen aus neugeborenen Mäusen. 1,8 bis 7,7 Prozent aller Zellen verwandelten sich in Nervenzellen, schreiben die Forscher. Und das in weniger als einer Woche.

"Es ist eine ganz wichtige Arbeit"

"Sie sind voll funktionsfähig, sie können all das, was Nervenzellen im Gehirn auch tun", sagte Wernig. Zum Beispiel beobachteten die Forscher, wie die Nervenzellen Verbindungen untereinander bildeten, sogenannte Synapsen (siehe Fotostrecke).

Der Stammzellforscher Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster ist von der Arbeit begeistert: "Es ist das, worauf die Stammzellforschung gewartet hat. Es ist eine ganz wichtige Arbeit."

Dass man das Stammzellstadium nun umgehen kann, hat laut Schöler den Vorteil, dass man damit auch das Risiko der Tumorbildung umgeht. Stammzellen können, wenn man sie einem Tier oder einem Menschen injiziert, Tumore auslösen. Bei der bisherigen Technik, Körperzellen aus Stammzellen zu züchten, besteht immer ein Restrisiko, dass manche Stammzellen sich nicht in Körperzellen verwandelt haben. Bevor man diese Technik einmal in der Medizin anwendet, müsste man dieses Risiko ausschließen. Nach Ansicht von Schöler ist die neue Methode der direkten Verwandlung von einem Zelltyp in einen anderen ein Schritt zu mehr Sicherheit.

Wernig und seine Kollegen müssen nun allerdings noch zeigen, dass die Methode auch mit menschlichen Zellen funktioniert. Und ein weiterer Nachteil: Die Einbringung von Genen mit Hilfe von Viren selbst ist riskant und birgt Tumorrisiko. Den Forschern müsste daher die Umwandlung auf anderem Wege gelingen - zum Beispiel durch einfache Zugabe eines Proteincocktails auf die Zellen. Das aber ist realistisch, denn es ist Forschern schon gelungen, auf diesem Wege Stammzellen zu erzeugen.

mit Material von Reuters

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Glückwunsch...
tommm 28.01.2010
... an die Forscher! Eine beachtliche Leistung, nur weiter so.
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Stammzellen - die Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
AFP
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese "germline derived pluripotent stem cells" (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens. In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.

Chronik der Stammzellforschung
1998 - Embryonale Stammzellen
Die internationale Stammzellforschung hat sich seit 1998 extrem rasch entwickelt. Der US-Forscher James Thomson gewann damals weltweit erstmals embryonale Stammzellen aus übriggebliebenen Embryonen von Fruchtbarkeitskliniken. Sie galten sofort als Hoffnungsträger, um Ersatzgewebe für Patienten mit Diabetes, Parkinson oder anderen Erkrankungen zu schaffen. Die Technik ist aber ethisch umstritten, da dafür Embryonen zerstört werden müssen. In Deutschland ist sie verboten. Seitdem suchen Forscher nach ethisch unbedenklichen Wegen.
2006 - Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Im August 2006 präsentieren die Japaner Kazutoshi Takahashi und Shinya Yamanaka eine erste Lösung. Sie versetzen Schwanzzellen von Mäusen mit Hilfe von vier Kontrollgenen in eine Art embryonalen Zustand zurück. Das Produkt nennen sie induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen). Der Nachteil: Die eingesetzten Gene können das Krebsrisiko bei einem späteren medizinischen Einsatz erhöhen.
2007 - Menschliche iPS-Zellen
Im Jahr 2007 gibt es entsprechende Erfolge mit menschlichen Hautzellen. Nach und nach können die Forscher auf ein Kontrollgen nach dem anderen verzichten, um die iPS-Zellen herzustellen.
Februar 2009 - Nur noch ein Reprogrammier-Gen
Im Februar 2009 präsentiert der Münsteraner Professor Hans Schöler iPS-Zellen von Mäusen, die er nur mit Hilfe eines Kontrollgens aus Nervenstammzellen gewonnen hatte.
März 2009 - Reprogrammier-Gene entfernt
Anfang März 2009 stellen zwei Forscherteams schließlich iPS-Zellen vor, die keinerlei Kontrollgene mehr im Erbgut enthalten. Sie hatten die Kontrollgene in das Erbgut von menschlichen Hautzellen eingefügt und nach der Arbeit wieder aus dem Erbgut herausgeschnitten.
März 2009 - Reprogrammier-Gene nicht im Erbgut
Ende März 2009 veröffentlicht der US-Forscher James Thomson eine Arbeit, bei der er die Kontrollgene nicht einmal mehr ins Erbgut der Zellen einschleusen muss. Er gab sie nur in einem Ring (Plasmid) in die Zelle und zog sie später wieder heraus.
April 2009 - Reprogrammierung von Mauszellen mit Proteinen
Ende April 2009 kommt ein US-amerikanisches Forscherteam um Sheng Ding mit Beteiligung von Hans Schöler ganz ohne Gene aus und nutzt nur noch Proteine, um die Hautzellen von Mäusen zu reprogrammieren. Damit ist das zusätzliche Krebsrisiko ausgeschlossen, das beim Einsatz von eingeschleusten Genen generell besteht.
Mai 2009 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit Proteinen
Einem südkoreanisch-US-amerikanischem Team um Robert Lanza gelingt die Reprogrammierung menschlicher Hautzellen nur durch Zugabe von Proteinen.
Oktober 2010 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit RNA-Schnipseln
Bostoner Forscher um Derrick Rossi probieren eine weitere Methode, um das Einschleusen von Fremd-DNA zu vermeiden: Das Team erzeugte künstliche Schnipsel aus sogenannter Messenger-RNA. Diese Moleküle entstehen in der Zelle während der Übersetzung des Gens in das Protein. Mit Hilfe dieser modifizierten RNA-Moleküle werden diejenigen Erbinformationen in die Zelle geschleust, die zur Herstellung der Reprogrammierproteine notwendig sind. Die RNA-Moleküle dringen nicht in den Zellkern und beschädigen somit nicht das darinliegende Erbgut, wie es etwa bei der Virenmethode der Fall ist. Zudem ist die Methide wesentlich effizienter und schneller als bisherige Verfahren zur Herstellung von iPS.
Januar 2010 - Direkte Umwandlung von Körperzellen
Warum den Umweg über Stammzellen gehen? Einem Forscherteam um Marius Wernig von der Stanford University School of Medicine gelang es, Hautzellen von Mäusen direkt in einen anderen Zelltyp zu verwandeln. Die Forscher schleusten drei Gene in die Zellen und verwandelten die Hautzellen in weniger als einer Woche in voll funktionstüchtige Nervenzellen.
Januar 2011 - Direkte Umwandlung ohne Umweg über Stammzellen
Einen Schritt weiter gehen Forscher vom Scipps Research Institute im kalifornischen La Jolla: Sie nehmen quasi eine Abkürzung. Anstatt die Körperzellen erst in pluripotente Stammzellen umzuprogrammieren, wandelten sie Hautzellen direkt in Herzzellen um. Das Verfahren könnte die Herstellung von Körper-Ersatzteilen extrem beschleunigen.
Februar 2011 - Forscher entdecken gefährliche Mutationen
Zwei große Forscherteams haben sich an die Arbeit gemacht und das Erbgut verschiedener iPS-Zelllinien untersucht. Dabei haben sie festgestellt, dass es bei der Herstellung von iPS-Zellen zu genetischen Veränderungen kommen kann, die sogar das Risiko für Krebs erhöhen könnten. Das wirft Zweifel an der Zuverlässigkeit und Praxistauglichkeit der neuen Technik auf, die als vielversprechend für die Zucht von körpereigenen Geweben für Transplantationen gilt. Die Forscher fordern daher jetzt die genaue genetische Untersuchung der vielseitigen Zellen, bevor erste Studien an Patienten beginnen.

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