Gentechnik: Kritiker verurteilen Tests mit Selbstmord-Moskito 

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Eine Biotech-Firma setzt eine umstrittene Waffe im Kampf gegen das Dengue-Fieber ein: Genetisch veränderte und sterile Moskitomännchen sollen ihre Art selbst ausrotten und so die Übertragung des tödlichen Virus stoppen. Ein erster Feldversuch klappte - Kritiker reagieren empört.

OX513A: Moskito mit Selbsttötungsprogramm Fotos
Oxitec/ Derric Nimmo

Nun hat es Luke Alphey doch geschafft. Der Forscher hat einen langen Weg hinter sich. Bereits vor gut drei Jahren hätte sein einzigartiger Feldversuch in Asien starten sollen. Es wäre eine Weltpremiere gewesen. Doch sein Plan scheiterte am Widerstand von Naturschützern und der Bevölkerung. Obwohl die Regierung in Kuala Lumpur grünes Licht gegeben hatte, wollten die Bewohner des Fischerdorfs Pulau Ketam Alpheys Gentechnik-Mücke nicht. Dabei soll sie Segen für Millionen Menschen sein. Mit ihr will Alphey, Gründer des britischen Biotech-Unternehmens Oxitec (Oxford Insect Technologies), das in der Nähe von Oxford seinen Sitz hat, eine tödliche Virusinfektion ausrotten: das Dengue-Fieber.

Nach dem geplatzten Versuch musste Alphey einen neuen Ort suchen, um seine genetisch veränderte Mücke im Feldversuch zu testen. Der Start-up-Gründer fand ihn: 2009 entließ Oxitec auf Grand Cayman, der größten der karibischen Kaiman-Inseln, rund 3,3 Millionen sterile Moskitomännchen der Art Aedes aegypti. Die Insekten sind Hauptüberträger des Dengue-Fiebers. Alpheys Gentech-Gelbfiebermücke trägt den Namen OX513A, weil in deren Genom eine zusätzliche DNA-Sequenz steckt. Diese bewirkt, dass die Nachkommen noch im Larvenstadium sterben, wenn sie nicht mit einem speziellen Antibiotikum behandelt werden.

Es war der erste Feldversuch in kleinem Maßstab, daran beteiligt war auch eine Behörde der Insel, die Mosquito Research and Control Unit (MRCU). Jetzt präsentiert Alpheys Team das Resultat im Fachmagazin "Nature Biotechnology". Für Alpheys Team und sein Unternehmen könnte es der Durchbruch sein - und bald die Kassen klingeln lassen. Das Experiment beweist erstmals, dass die Methode per se funktioniert. Wilde Aedes-aegypti-Weibchen paarten sich mit den todbringenden OX513A-Männchen, und die Zahl der gefährlichen Dengue-Überträger reduzierte sich.

Angespanntes Verhältnis

Schon im November 2010 verkündeten die Forscher erste Ergebnisse auf dem Treffen der US-Gesellschaft für Tropenmedizin und Hygiene in Atlanta, doch das rief die Kritiker erneut auf den Plan. Kurz nach dem Kongressvortrag veröffentlichte das Wissenschaftsjournal "Science" einen Artikel, in dem von "angespannten Beziehungen" die Rede ist: Die Stiftung von Bill und Melinda Gates fördert mit knapp 20 Millionen Dollar ein internationales Großprojekt für die Entwicklung von gentechnisch veränderten Mücken. Oxitec kommt mit fünf Millionen Dollar ein beachtlicher Teil des Kuchens zugute. Doch der Leiter des Moskito-Projekts, Anthony James von der University of California in Irvine, kritisierte Alpheys Vorgehen aufs Schärfste.

Er selbst bereitet seit Jahren einen ähnlichen Feldversuch in Mexikos Bundesstaat Chiapas vor, ebenfalls mit Mücken aus den Laboren von Oxitec, doch dabei sollen Käfige die unkontrollierte Verbreitung der Mücken verhindern. Niemals hätte er die Moskitos so freigesetzt, empörte sich James, wie Alphey es auf Grand Cayman getan hätte.

Gegen die Mücken mit dem Selbstauslöschungsprogramm gibt es seitens der Kritiker viele Vorbehalte und Befürchtungen. Das Hauptargument: Abläufe in einem Ökosystem sind komplex, niemand kann sie genau vorhersagen. Löscht man ein Glied der Nahrungskette, könnte das unabsehbare Folgen haben. Manche Genetiker fürchten zudem, dass sich das Erbgut der gentechnisch veränderten Mücken wiederum verändern könnte: Manche Larven könnten das tödliche Gen möglicherweise doch überleben und ihrerseits auf die Nachkommen abgeben.

Impfung gegen Dengue ist noch nicht in Sicht

Alpheys Publikation führt dagegen die nackten Zahlen ins Feld: Nach Schätzungen der WHO erkranken jährlich 50 Millionen Menschen am Dengue-Fieber, Tendenz steigend, mehr als 12.000 sterben daran. Und eine Impfung, wie sie etwa bei der tödlichen Tropenkrankheit Malaria in Sichtweite ist, gibt es bisher nicht.

Wer sich mit dem Dengue-Virus ansteckt, wird nach drei Tagen bis zwei Wochen erst von teils hohem Fieber und Schüttelfrost geplagt. Heftige Kopfschmerzen, Schmerzen hinter den Augen, in den Muskeln und Gelenken sowie Hautausschläge können hinzukommen. Manchmal kommt es zum hämorrhagischen Fieber, das zu inneren Blutungen führt.

Die Idee, durch Insekten übertragbare Krankheiten mit Hilfe von genetisch veränderten Tieren zu bekämpfen, ist nicht neu. Bereits in den vierziger Jahren kam der Gedanke auf, sterile Moskitomännchen in die Umwelt zu setzen. Die Forscher sterilisieren die Insekten dafür durch Bestrahlung. Damit konnte man bereits in den fünfziger Jahren die Schraubenwurmfliege, deren Larven sich tief in das Fleisch ihres Wirts fressen, erstmals auf Curaçao ausrotten. In den neunziger Jahren gelang das gleiche mit der die Schlafkrankheit bringenden Tsetsefliege auf Sansibar.

Doch bei Moskitos ist die Bestrahlung weniger effektiv: Die Männchen werden zwar steril, allerdings schwächt die Bestrahlung die Insekten insgesamt, weshalb sie schnell daran zugrunde gehen. Deshalb setzt man auf die Gentechnik, ähnliche Experimente gibt es auch im Kampf gegen die Malaria. Und auch klassische Züchtungsmethoden kommen zum Einsatz: Erst kürzlich hat ein Team eine Mückenart im Feldversuch getestet, die Dank eines speziellen Bakterienstamms, den sie in sich trägt, gegen das Dengue-Virus resistent ist und es nicht überträgt.

Derweil ist Alphey fleißig dabei, sein Projekt weiterzutreiben. Nach dem Desaster in Asien hatte Oxitec seine Hausaufgaben gemacht, informierte die Behörden, führte Informationskampagnen für die Bevölkerung durch, warb bei wichtigen Politikern der Insel für sein Projekt und schulte die Mitarbeiter der Mosquito Research and Control Unit. Den Tag, an dem die ersten gentechnisch veränderten Insekten ins Freie gesetzt wurden, bekam dagegen kaum einer mit, es war eine unauffällige Verkündung. Und Oxitec zieht bereits in den nächsten Feldversuch: Nun soll die OX513A-Mücke die Felder in Brasilien erobern.

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insgesamt 144 Beiträge
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1. .
alexbln 31.10.2011
wenn ich das dann schon wieder lese, "naturschützer" "umweltschützer" sind dagegen. die sind sicher auch gegen krebsbehandlunge weil es ja ein eingriff in die natürliche ordnung ist. glückwunsch an die wissenschaft!
2. s
Steinwald 31.10.2011
wüsste nicht, was es daran auszusetzen gibt, diese widerlichen kreaturen auszurotten. es ist mein langzeittraum, dass stechmücken als nächstes von der erde verschwinden. nicht so sehr, weil mir die armen dengue-opfer leid täten, sondern weil die viecher an sich einfach unausstehlich sind, erst heute nach wieder wurde ich zerstochen, und es ist praktisch november. und wenn dadurch auch krankheiten verringert werden, umso besser. also, weg mit dem gefleuche. oder züchtet eine nichtstechende und angenehm klingende art. dann ok. aber sowas geht nicht.
3. antworten
ja-sowieso 31.10.2011
Hat eine Gensequenz, durch die es ohne Antibiotikum Behandlung noch im Larvenstadium stirbt. Vermutung: Sowas kann man sicherlich auch im Genom von Menschen einpflanzen. Frage: wie lange wird es dauern, bis man sowas tatsächlich macht?
4. Zweischneidiges Schwert
socrateased 31.10.2011
Zitat von sysopEine Biotech-Firma setzt eine umstrittene Waffe im Kampf gegen das Dengue-Fieber ein: Genetisch veränderte und sterile Moskitomännchen sollen ihre Art selbst ausrotten und so die Übertragung des tödlichen Virus stoppen.*Ein erster Feldversuch klappte - Kritiker reagieren empört. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,794928,00.html
Natürlich müssen Krankheiten wie Dengue-Fieber oder Malaria irgendwie unter Kontrolle gebracht werden. Aber was passiert zum Beispiel mit der Nahrungskette, sobald bestimmte, sehr verbreitete Mückenarten einfach komplett ausfallen? Hoffentlich wird gegen den Dengue-Erreger irgend etwas noch weit Spezifischeres entwickelt. Denn ein wenig erinnert mich das Artikelthema an die vor Jahrzehnten eingesetzte Methode, bestimmte Tuberkulosearten zunächst durch absichtliche Infektion der Patienten mit Malaria zu bekämpfen, was heute zum Glück (und durch sehr viel Forschungsarbeit) nicht mehr gemacht wird. Das Motto solcher Methoden ist die des "kleineren Übels", da man für die grundsätzliche Therapie einfach noch nicht genug weiß. Nochmal: hoffentlich wird eine spezifische Methodik entwickelt werden, damit solch derbe Eingriffe in Mückenpopulationen nicht mehr nötig erscheinen.
5. Nahrungskette
goldt 31.10.2011
Zitat von alexblnwenn ich das dann schon wieder lese, "naturschützer" "umweltschützer" sind dagegen. die sind sicher auch gegen krebsbehandlunge weil es ja ein eingriff in die natürliche ordnung ist. glückwunsch an die wissenschaft!
Wenn sie durch diese Methode ganze Moskito-Arten ausrotten, kann das unabsehbare Folgen für das Ökosystem bzw. Nahrungsketten haben. Mir klingt die Züchtung von resistenten Moskitos da schon erfolgsversprechender. Bin allerdings kein Biologe, von daher können mich die Experten jetzt hier steinigen...:)
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