Genmanipulierte Babys "In höchstem Maße unethisch"

Noch nie hat ein Forscher die DNA von Menschen so tief greifend verändert wie der Chinese He Jiankui. Das Experiment sei unverantwortlich, sagt DFG-Vizepräsidentin Katja Becker, aber nicht ganz überraschend.

Mit Crispr behandelte Embryonen in einem Labor in Shenzhen, China
AP/Mark Schiefelbein

Mit Crispr behandelte Embryonen in einem Labor in Shenzhen, China

Ein Interview von


Die Erfindung der Genschere Crispr/Cas9 hat alles verändert. Noch nie konnten Forscher DNA so zuverlässig, schnell und kostengünstig verändern, wie heute. Anpassen lässt sich dabei nicht nur der genetische Bauplan von Pflanzen und Tieren - sondern potenziell auch der des Menschen. Designer-Babys scheinen - rein technisch gesehen - immer realistischer. Die Frage ist: Wollen wir das? Und da gibt es erhebliche Zweifel.

Dem 34-jährigen Wissenschaftler He Jiankui aus China war das egal. Er hat nach eigenen Angaben Embryonen mit Crispr eine HIV-Resistenz implantiert. Zum ersten Mal überhaupt kamen daraufhin gentechnisch veränderte Babys zur Welt. Bei einem Mädchen war der Eingriff allerdings unvollständig. Seine DNA wurde verändert, es ist aber nicht vor HIV geschützt. Eine unabhängige Bestätigung der Versuche fehlt. (Mehr zum Thema lesen Sie hier).

Im Interview erklärt Katja Becker, Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), was so gefährlich ist an den Experimenten, warum sie sich schwer verhindern lassen und weshalb Crispr trotzdem kein Teufelswerkzeug ist.

Zur Person
  • Franz Möller
    Katja Becker ist Professorin für Biochemie und Molekularbiologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und Vorsitzende der ständigen Senatskommission für Grundsatzfragen der Genforschung der DFG. Sie erforscht krankmachende Parasiten wie den Malaria-Erreger und nutzt dabei auch molekularbiologische Methoden.

SPIEGEL ONLINE: Frau Becker, was haben sie gedacht, als sie von Hes Experiment gehört haben?

Katja Becker: Ich war schockiert, das muss ich wirklich sagen. Wir in der DFG und der wissenschaftlichen Fachwelt in Deutschland verurteilen den Eingriff aufs Schärfste. Allerdings kam die Nachricht auch nicht ganz überraschend. Es ist möglich, mit Crispr menschliche Embryonen gentechnisch zu verändern, und man kann bei keiner Technik sicher verhindern, dass sie missbraucht wird.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Hes Angaben stimmen, ist eines der Mädchen nun vor HIV geschützt. Warum ist das Experiment trotzdem schlimm?

Becker: Wir können die Auswirkungen und Nebenwirkungen aktuell noch überhaupt nicht abschätzen. Es ist ein großer Eingriff ins Erbgut. Wenn man Gene in Embryonen verändert, sind diese Manipulationen später in allen Zellen des entstandenen Menschen zu finden. Sie werden über Ei- und Samenzellen an folgende Generationen vererbt - auch dann, wenn gefährliche Fehler entstanden sind. Es kann auch sein, dass erst nach mehreren Generationen Probleme auftreten.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Probleme?

Becker: Der Eingriff kann Menschen krank machen. Studien haben gezeigt, dass das Editieren eines Gens mit Crispr in menschlichen Zellen auch an anderen Stellen des Erbguts zu Veränderungen führen kann. Das kann ganz harmlos sein, die Veränderungen können aber zum Beispiel auch schwere Stoffwechselstörungen verursachen, das Krebsrisiko erhöhen, den eigentlich lebensfähigen Embryo zerstören oder dazu führen, dass ein Kind nach der Geburt nur wenige Tage überlebt. Das in Kauf zu nehmen, ist in höchstem Maße unethisch.

SPIEGEL ONLINE: Welche Risiken gibt es konkret im Fall der Mädchen?

Becker: Nach allem, was man weiß, wollte He die Produktion eines Rezeptors unterdrücken, den das HI-Virus braucht, um in Immunzellen einzudringen. Das bedeutet, der Forscher hat ins Immunsystem der Mädchen eingegriffen - einen sehr komplexen Bereich, der sensibel auf Veränderungen reagiert. Die Folgen lassen sich schwer abschätzen. Womöglich sind die Mädchen dadurch schlechter vor anderen Erregern geschützt, vielleicht haben sie ein höheres Risiko für Autoimmunkrankheiten. Das Kind, bei dem der Eingriff nur teilweise funktioniert hat, trägt die Risiken, hat aber keinen HIV-Schutz.

SPIEGEL ONLINE: Crispr-Werkzeuge kann man im Internet bestellen. Könnte jeder solche Versuche machen?

Becker: Jeder wohl nicht. Man braucht schon ein funktionstüchtiges Labor und etwas Fachwissen. Wenn man dann eine bestimmte Eigenschaft verändern möchte, muss man genau wissen, welche Gene dahinterstecken. Das ist oft noch nicht der Fall. Daher ist es wichtig, dass wir jetzt in Absprache mit der Politik festlegen, in welchen Bereichen Crispr genutzt werden soll und in welchen nicht. Da sind wir gerade dabei.

SPIEGEL ONLINE: Warum verbietet man Crispr nicht einfach?

Becker: Crispr an sich ist nicht gefährlich und bietet große Möglichkeiten. Es wäre fatal, die Chancen nicht zu nutzen. Mit dem Werkzeug lassen sich etwa Pflanzen züchten, die besser bei Trockenheit wachsen. Auch Gentherapien für kranke Menschen werden erprobt. Dabei wird nicht der Embryo verändert, sondern gezielt Zellen kranker Organe. Entscheidend für Verbote sollte nicht die Technik an sich sein, sondern das, was damit gemacht wird.

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