Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gentests an Embryonen: "Es gibt keinen Dammbruch"

Nachdem der Bundesgerichtshof Gentests an Embroyen für zulässig erklärt hat, fordern Politiker neue Gesetze. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Reproduktionsmediziner Ulrich Hilland, warum werdende Eltern von den Tests profitieren - und warnt zugleich vor einer Embryo-Selektion nach Schema F.

Embryonenschutzgesetz: "Es muss in jedem Fall individuell entschieden werden" Zur Großansicht
DPA

Embryonenschutzgesetz: "Es muss in jedem Fall individuell entschieden werden"

SPIEGEL ONLINE: Der Bundesgerichtshof (BGH) hat am vergangenen Mittwoch die Präimplantationsdiagnostik (PID) erlaubt. Ärzte dürfen danach Embryos mit Gentests auf schwere Krankheiten untersuchen. Ist das ein Sieg der modernen Medizin über den Schutz des Embryos?

Hilland: Es ist der Sieg eines Kollegen, der vor Gericht stand, obwohl er etwas getan hat, was fast überall in der Welt zulässig ist. In erster Linie ist es aber ein Segen für die Paare, die betroffen sind. Werdende Mütter, die um ihr erhebliches Risiko der Geburt eines schwerst behinderten Kindes wissen, müssen nicht mehr unter einer Schwangerschaft auf Probe leiden. Sie werden nicht mehr wie bisher erst nach einigen Monaten erfahren, dass ihr Kind schwerst behindert zur Welt kommen wird, und sich nicht mehr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung ihrer Gesundheit ausgesetzt sehen, die nur durch einen Schwangerschaftsabbruch abzuwenden ist.

SPIEGEL ONLINE: Der Zentralrat der Katholiken sieht im Spruch des BGH einen "schweren Schlag gegen den Schutz und die Würde menschlichen Lebens". Sind Ihnen die Embryos jetzt schutzlos ausgeliefert?

Hilland: Das Gegenteil ist der Fall. Der BGH hat die Diagnostik ausdrücklich auf schwerwiegende Fälle beschränkt. Deshalb ist die BGH-Entscheidung kein Dammbruch, den jetzt einige befürchten. Alle Ärzte sind sich bewusst, dass sie die PID nicht uferlos ausweiten dürfen. Alles andere wären in der Tat Horrorvisionen gewesen, die uns die Nackenhaare hochstehen lassen würden. Wir dürfen die Embryos zum Beispiel nicht nach dem Geschlecht selektieren. Die Richter haben der Schaffung von Designerbabys eindeutig den Riegel vorgeschoben.

SPIEGEL ONLINE: Was sind denn schwerwiegende Fälle?

Hilland: Wir gehen davon aus, dass jährlich rund 150 bis 200 Paare betroffen sind, deren Kinder absehbar mit schweren genetisch bedingten Krankheiten zur Welt kommen würden. Wir sind gegen einen starren Katalog von Krankheiten, auf die untersucht wird und die nicht zur Übertragung eines Embryos führen. Die Entscheidung für solche Tests muss in jedem Einzelfall mit der Frau getroffen werden.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre denn ein Grund dafür, einen Embryo nicht in die Mutter einzupflanzen?

Hilland: Ich hatte bereits erwähnt, dass es aus guten Gründen keinen Katalog geben darf. Deshalb kann es auch keine definierbaren Störungen geben, die für sich allein betrachtet eine Begründung dafür sein können, einen Embryo nicht zu übertragen. Lassen Sie mich die umgekehrte Frage beantworten: Was könnte ein Grund sein, einen Embryo trotz einer Chromosomenstörung einzupflanzen? Nehmen wir die sogenannten Turner-Mädchen, die über nur ein X-Chromosom verfügen: Bei dieser Chromosomenstörung bleiben diese Frauen kleinwüchsig, können selbst keine Kinder bekommen und sind in der Regel vollkommen gesund - kein schwerwiegender Grund also, diese Embryonen nicht zu übertragen. Schwerste Behinderungen sind bei Turner-Mädchen äußerst selten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Embryos, die die Anlage zum Down-Syndrom tragen?

Hilland: Um Himmels willen nein, diese Menschen können ein sehr erfülltes Leben führen. Auch hier darf es keinen Automatismus geben, wie man mit den Embryonen umgeht.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll denn entscheiden, ob ein Embryo in die Mutter eingesetzt wird: der Reproduktionsmediziner, die Eltern oder eine andere Instanz?

Hilland: Auf keinen Fall dürfen wir Mediziner unsere jeweils persönlichen Wertvorstellungen den Eltern überstülpen. Es muss immer individuell entschieden werden. Auch mit schwer behinderten Kindern können Eltern ja ein erfülltes Leben führen. Ich stelle mir ein Gespräch vor, ähnlich wie bei der Schwangerschaftskonfliktberatung. Unabhängige, neutrale Personen sollten die potentiellen Eltern ergebnisoffen beraten, und nicht dieselben Ärzte, die behandeln.

SPIEGEL ONLINE: Dafür bräuchten wir aber eine gesetzliche Regelung.

Hilland: Die ist längst überfällig. Es ist doch unmöglich, dass sich, wie jetzt geschehen, ein Mediziner selbst anzeigen muss, um höchstrichterlich klären zu lassen, ob das, was er tut, mit dem Gesetz übereinstimmt oder nicht. Darum hätte sich der Gesetzgeber schon längst kümmern müssen, aber er steckt den Kopf in den Sand.

SPIEGEL ONLINE: Die Reproduktionsmediziner verlangen nach strengeren Vorgaben?

Hilland: Nein, das Embryonenschutzgesetz ist jetzt 20 Jahre alt. Inzwischen hat sich die Reproduktionsmedizin enorm weiterentwickelt. Es gibt große Befürworter und große Gegner dieser Entwicklung. Aber diese Fragen kann man nicht, wie jetzt geschehen, über die Anklagebank der Gerichte klären. Da müssen sich die Politiker als unsere gesetzgeberischen Repräsentanten schon klar entscheiden, was sie zulassen wollen und was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben sie auch nach der BGH-Entscheidung weiteren Klärungsbedarf?

Hilland: Es gibt immensen Bedarf. Zum Beispiel die Eizellspende, die in Deutschland noch verboten ist: Wie gehen wir mit der Mutterschaft um, wenn sich Frauen im benachbarten Ausland Embryonen einpflanzen lassen, die sich nicht aus der Befruchtung ihrer eigenen Eizellen entwickelt haben? Auch die Frage, wie viele Eizellen bei der In-vitro-Fertilisation befruchtet werden dürfen, müssen wir regeln, um die risikoreichen Mehrlingsgeburten zu reduzieren und andererseits eine akzeptable Schwangerschaftsrate pro Behandlungszyklus zu behalten.

Interview: Udo Ludwig

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Top!
Mr...T 13.07.2010
Sehr zu Begruessen die Entwicklungen. Endlich nicht mehr dieses Rueckschrittliche denken und argumentieren mit pseudoethischen punkten was in den meisten Laendern schon laengst abgelegt wurde. Das zusammen mit den geplanten kuerzungen im Berreich Homöopathie sind unerwartet gute und fortschrittliche Entwickulungen. Hoffentlich haelt dieser trend an.
2. ?
mr.gamer 13.07.2010
Zitat von sysopNachdem der Bundesgerichtshof Gentests an Embroyen für zulässig erklärt hat, fordern Politiker neue Gesetze. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Reproduktionsmediziner Ulrich Hilland, warum werdende Eltern von den Tests profitieren - und warnt zugleich vor einer Embryo-Selektion nach Schema F. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,705997,00.html
Warum soll es den Eltern nicht erlaubt sein, sich für Embryos mit bestimmten Eigenschaften zu entscheiden, z.B. auch Haarfarbe und Geschlecht? Welchen Sinn sollte es haben, einen Embryo einzupflanzen, bei dem klar ist, daß aus ihm ein behinderter Mensch wird? Was spricht gegen die Kombination aus Analyse, Selektion und künstlicher Befruchtung? Ich verstehe das nicht. Es werden doch keine gentechnischen Veränderungen am Erbgut vorgenommen, deren Folgen nicht abschätzbar sind, sondern es wird lediglich selektiert. Das ist das gleiche wie beim Züchten, nur daß man nicht mehr unbedingt warten muß, bis das Lebewesen seine volle Größe erreicht hat, weil man einige (nicht alle!) Eigenschaften schon im Embryostadium erkennt.
3. ...und warnt zugleich vor einer Embryo-Selektion nach Schema F. ?
kathode 13.07.2010
Warum soll es für eine Frau nicht möglich sein, sich aus einem Dutzend 8-Zeller, den erfolgversprechensten Nachwuchs auszusuchen, auch wenn kein behindertes Kind zu erwarten ist?
4. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Rainer Helmbrecht 13.07.2010
Zitat von mr.gamerWarum soll es den Eltern nicht erlaubt sein, sich für Embryos mit bestimmten Eigenschaften zu entscheiden, z.B. auch Haarfarbe und Geschlecht? Welchen Sinn sollte es haben, einen Embryo einzupflanzen, bei dem klar ist, daß aus ihm ein behinderter Mensch wird? Was spricht gegen die Kombination aus Analyse, Selektion und künstlicher Befruchtung? Ich verstehe das nicht. Es werden doch keine gentechnischen Veränderungen am Erbgut vorgenommen, deren Folgen nicht abschätzbar sind, sondern es wird lediglich selektiert. Das ist das gleiche wie beim Züchten, nur daß man nicht mehr unbedingt warten muß, bis das Lebewesen seine volle Größe erreicht hat, weil man einige (nicht alle!) Eigenschaften schon im Embryostadium erkennt.
Das liegt uA daran, dass die Wünsche der Menschen nicht immer von komplexer Weisheit geprägt sind. Beispiel kann die Ein-Kind Politik in China sein. Weil fast alle Menschen einen Stammhalter wollen, kippt das Verhältnis Jungen zu Mädchen und es wird langsam schwieriger für junge Männer, eine Frau zu finden. Wobei es für reiche hässliche weniger Probleme gibt, als für arme hässliche, aber auch schöne arme haben Schwierigkeiten;o). MfG. Rainer
5. Embryo und Freiheit!?
schawn 13.07.2010
Das Urteil zur Präimplantationsdiagnostik ist kein Sieg der Freiheit und kein Zeichen von Liberalität. Es beschädigt vielmehr die Grundlage aller republikanischen Freiheit, die Gattungssolidarität. Warum das so ist hat Alexander Kissler in seiner aktuellen Kolumne sehr gut aufgeführt. Sehr lesenswert. Hier der Link: http://bit.ly/byUihk
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Zur Person
Ulrich Hilland, 59, leitet das Fertility Center Münsterland in Bocholt und ist Vorsitzender des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands.
Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
DPA
Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.

Fotostrecke
Babys aus dem Reagenzglas: Wie aus Zellen Menschen werden

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: